PK\Y?oa,mimetypeapplication/epub+zipPK\Y? META-INF/PK\Y?tMETA-INF/container.xml PK\Y?iͥ content.opf en Davide Prosperi und Julián Carrón Das Wirkliche stets intensiv leben 71abafbf-c357-4dc4-bf5e-0a67ac84090d PK\Y?9++giaOttobre2011_ted.htmUnknown



DAS WIRKLICHE STETS INTENSIV LEBEN

Beiträge von Davide Prosperi und Julián Carrón beim Eröffnungstag von Comunione e Liberazione, Assago (Mailand), 1. Oktober 2011

JULIÁN CARRÓN

Jeder Anfang birgt eine Erwartung in sich. Je mehr wir die Natur unserer Erwartung erkennen, desto bewusster sind wir uns, dass wir letztendlich nicht selber darauf antworten können. Deswegen wird die Erwartung in einem reifen Menschen zu einer Bitte – zur Bitte an den Einzigen, der auf unsere Erwartung in ihrer ganzen Tiefe antworten kann. Daher bitten wir angesichts dieser Erwartung in uns, am Anfang dieses Treffens um den Heiligen Geist: den Einzigen, der auf sie antworten kann.

Discendi Santo Spirito

DAVIDE PROSPERI

Fragen wir uns, was die Bedeutung unserer heutigen Zusammenkunft ist (ich meine, diejenigen, die hier in Mailand sind, und diejenigen, die per Satellitenübertragung diese Versammlung aus dem Ausland verfolgen). Warum wir das neue Arbeits- bzw. Studienjahr zusammen beginnen wollen. Die Antwort ist, dass wir das mehr denn je nötig haben. Wir müssen uns gegenseitig die Gründe in Erinnerung rufen, warum es sich lohnt, wieder anzufangen. Wir erleben zur Zeit nämlich eine große Konfusion, sowohl auf sozialer als auch auf politischer Ebene. Vor allem befinden wir uns in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, einer Krise des Arbeitsmarktes, die die Hoffnung des Volkes ernsthaft in Gefahr bringt. Wir sind hier, um uns zu sagen, warum es sich lohnt, neu zu beginnen. In seiner Ansprache vor dem Deutschen Bundestag am 22. September hat der Papst die Sache auf den Punkt gebracht, als er von der Notwendigkeit sprach, das Wohl des Volkes im Auge zu behalten. „Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“ (Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag, Berlin, 22. September 2011). Wie kann man das verwirklichen? Wie finden wir den Zugang zur Weite der Welt, zum Ganzen? Wie kann die Vernunft ihre Größe wieder finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Am 26. Januar 2011 stellte Don Carrón bei der Vorstellung des Buchs Der religiöse Sinn die ganze Bewegung vor die Herausforderung, den religiösen Sinn zur Verifizierung des Glaubens zu gebrauchen. Anders ausgedrückt: Ist der als Urteil über die Wirklichkeit gelebte Glaube dazu imstande, eine erfüllte Menschlichkeit hervorzurufen, eine Vernunft, die den Angriffen der heutigen Zeit zu widerstehen vermag, einer Zeit, die – wie der Papst sagte – von einem positivistischen Verständnis der Wirklichkeit beherrscht wird? Diese Hypothese wurde dann durch die Kommunalwahlen im Frühjahr auf die Probe gestellt. Kurz zuvor hatte auch das Flugblatt mit dem Titel „Die Kräfte, die die Geschichte verändern, sind die gleichen, die das Herz des Menschen verändern“ für uns eine große Herausforderung bedeutet. Einige deuteten es im Sinne eines Rückzugs, als hätten wir Angst davor, uns deutlich für eine bestimmte Partei auszusprechen. Man begnüge sich damit, allgemeine Beweggründe für die eigene Einstellung vorzutragen. Dies zwang uns aber dazu, uns nicht nur oberflächlich zu fragen, welche Bedeutung die aufgeführten Beweggründe für unseren Einsatz in der Welt haben. Wir mussten in der Tat der Sache auf den Grund gehen (und wir haben uns dabei nicht geschont). Wir wollten überprüfen, ob die Gründe, warum wir bestimmte Dinge verfechten, standhalten würden – und sie sind nicht in einer Partei, sondern in der Erfahrung zu finden: „Was ist uns das Teuerste?“ Wir mussten uns fragen, ob die Kriterien, die wir bei der Betrachtung der Dinge anwenden und die unserer Erfahrung entspringen, ausreichten. Das heißt, ob sie es uns ermöglichen, den eigenen Standpunkt öffentlich zu verfechten und persönlich jeden Umstand zur Gänze zu leben. Oder ob es notwendig wäre, auf ein weiteres Kriterium zurückzugreifen, eine andere Strategie anzuwenden. Aber hätten wir ein solches zusätzliches Kriterium eingeführt (sagen wir mal, ein „politisches“, auf jeden Fall „ein politischeres“), dann hätten wir uns an einem bestimmten Punkt zwischen beiden entscheiden müssen, denn am Ende kann de facto nur ein einziges Kriterium gelten. Dann stellt sich die Frage: Kann die christliche Erfahrung alleine einen Standpunkt hinreichend begründen und zu einem allumfassenden Urteil über die Wirklichkeit kommen, oder nicht? Wir haben uns entschieden, dieses Risiko einzugehen. Das Ergebnis konnten wir beim Meeting sehen. Es war dort für alle offensichtlich, dass unsere Einstellung gegenüber der Politik oder allen anderen Dingen nicht verkürzbar ist. Nach dem Meeting mussten auch die laizistischen Zeitungen – auch wenn sie die Gründe für unsere Einstellung nicht wirklich begriffen – das zugeben, was der Journalist Michele Smargiassi in der Repubblica vom 26. August 2011 geschrieben hat: „Vielleicht sollte man die jährlich wiederkehrende Frage: ‚Auf welcher Seite steht CL?‘, für immer zurückstellen. CL steht schon immer auf der Seite von CL“ („Wir sind das Volk Gottes“, la Repubblica vom 26. August 2011, S. 37). Wir sind ihm dafür dankbar. Denn das entspringt nicht irgendeiner strategischen Überlegung, einem Urteil über das, was wir sind. Das macht uns frei, und es verschafft uns auch Respekt. Paolo Franchi, Journalist des Corriere della Sera schrieb am 29. August 2011 auf www.ilsussidiario.net: „Das Meeting rühmt sich einer nunmehr langen und soliden Tradition der Offenheit, und ist sich seiner selbst gewiss [...] In einer Epoche, die allem Anschein nach durch einen grausamen und unfruchtbaren Kampf aller gegen alle gekennzeichnet ist, stand im Zentrum des Meetings von Rimini die Suche nach dem, was man gemeinsam tun kann und auch sollte, ohne dass jemand seine Seele verkaufen müsste. Man versuchte vielmehr, allen dazu zu verhelfen, das Beste, das Unvergängliche und Lebendigste in ihrer eigenen Geschichte und Kultur aufzufinden.“ (“Ich als Relativist erkläre euch, warum es ein Fehler war, nicht nach Rimini zu fahren“, www.ilsussidiario.net, 29. August 2011). Und das haben nicht wir gesagt! In diesem Jahr hat das Meeting einen neuen Schritt getan. In einer Situation allgemeiner Verunsicherung, in der sich alle, wirklich alle, beklagen und weiter nichts (man hört nirgendwo ein neues, hoffnungsvolles Urteil), hatten viele erwartet, beim Meeting die gleiche Verwirrung vorzufinden, die gleiche Unsicherheit wie in der übrigen Welt. Aus dem Augenwinkel wollten sie vielleicht noch beobachten, an welche Macht wir uns klammern würden. Denn das ist die einzige Antwort, die man erwarten könnte, wenn man nicht eine Auffassung vertritt wie die, die wir beschrieben haben. Aber alle, die so etwas erwartet hatten, wurden enttäuscht. Sie sahen ein vollkommen anderes Urteil, die Erfahrung einer Gewissheit, die nicht von den Umständen bestimmt wird, egal ob sie positiv oder negativ sind, sondern die Frucht einer ursprünglichen Haltung in Bezug auf die Wirklichkeit ist. Das sah man bei vielen Gelegenheiten: eine neue Art von Ökumene, aus der eine unerklärliche Freundschaft mit Menschen aller Glaubensrichtungen entstanden ist – dank der Erkenntnis, dass die Erfahrung, die sich gezeigt hatte (vergessen wir nicht, dass im Oktober 2010 zum ersten Mal das Meeting von Kairo stattgefunden hatte), ein Punkt ist, aus dem alle lernen können. Der Rektor der ägyptischen Universität Al-Azar zum Beispiel fragte Savorana, ob er einige seiner Studenten nach Italien schicken könnte, damit sie die Erfahrung kennenlernen, durch die das Meeting entstanden ist. Die Philosophen Costantino Esposito und Fabrice Hadjadj erläuterten, wie die christliche Erfahrung auf das Drama des modernen Denkens antwortet. Oder denken wir an die Veranstaltung zum Thema „Das vereinte Italien. Geschichte eines Volkes auf dem Weg“ mit Giulio Amato, Marta Cartabia und Maria Bocci. Oder die Reaktion von Sergio Marchionne, der dieses Jahr zwei Mal auf dem Meeting war und im Fernsehen sagte: „Mich interessiert die Qualität der Menschen, die hier sind. Das sind echte Menschen, die etwas tun. Die Einfachheit des Tuns. In einem Land, in dem viel geredet wird, sind hier Menschen, die etwas tun. Es ist schön, hierher zu kommen“ (Interview im TgMeeting am 24. August 2011). Dann haben wir in Rimini all diese Jugendlichen gesehen, auf den sonnigen Parkplätzen, in der Küche, bei den Ausstellungen, auch bei der über 150 Jahre Subsidiarität: Jugendliche, die Erwartungen an die Zukunft haben, die die Welt zur Kenntnis nehmen, in der sie leben, und dennoch Lust haben, etwas zu aufzubauen. Weil es eine lebendige Erfahrung gibt, die viel positiver ist, als all das Negative in ihrer Umgebung. Da müssen wir hinschauen. Das ist im Grunde auch, was uns Präsident Napoletano gewünscht hat, als er bei der Eröffnung des Meetings sagte: „Tragt euer tiefes Verlangen nach Gewissheit in diese Zeit der Ungewissheit.“ Unsere Aufgabe ist es nicht, dass alle denken wie wir, sondern dass dieses tiefe Verlangen nach Gewissheit ansteckend wirkt. Carrón hat vor kurzem zu diesen Tatsachen gesagt: „Wann sind diese Dinge Gegenwart und erwecken Neugier? Wenn sie die Gegenwart von etwas Unerklärlichem in der Wirklichkeit, dem Geheimnis, aufscheinen lassen. Wir werden interessant, wenn in der Wirklichkeit ein Mehr entsteht. Das ist es, was andere wirklich anzieht.“ Das Geheimnis als gegenwärtige Wirklichkeit, selbst wenn sie nicht messbar ist, ja gerade wegen dieses Mehr als unser eigenes Maß, erfüllt, es erfüllt uns und macht die Beziehung der Vernunft mit der Wirklichkeit groß. Erlaubt mir, dass ich etwas erzähle, das mir in diesem Sommer passiert ist und mir das klar gemacht hat, von dem wir gerade sprechen. Bei einer Wanderung in den Bergen gab es einen sehr exponierten Punkt, der Gebirgskamm war eingebrochen und es blieb ein Loch, kaum größer als einen halben Meter, offen, das ins Nichts führte. Vor uns auf dem Pfad ging ein Erwachsener mit zwei Jugendlichen. An einem gewissen Punkt hatte der Erwachsene das Loch überquert und auch der erste der Jugendlichen, während der zweite stehengeblieben war. Anfangs dachte ich, dass es einen psychologischen Grund dafür gäbe, eine Unsicherheit, die der erste, vielleicht weil er frecher war, nicht verspürte. Dann aber fand ich heraus, dass der erste, der das Loch überquert hatte, der Sohn des Erwachsenen und der zweite ein Freund von ihm war. Und so hat sich meine Frage geklärt. Für den zweiten war die Wirklichkeit nur das Loch, das ins Nichts führte, sie war nur ein „Problem“, das es zu überwinden galt, und er wusste nicht, ob er die Kraft dazu hätte. Deshalb war er stehengeblieben. Für den ersten dagegen war die Wirklichkeit das Loch und der Vater, der Vater, der mit ihm hier war und das Loch schon überquert hatte, diese beiden Dinge zusammen. Es gibt eine Zuneigung, es gibt eine Gegenwart, die die Wirklichkeit beherrscht. Wenn die Vernunft diese Gegenwart nicht in der Wirklichkeit erkennt, reduziert sie die Wirklichkeit und blockiert sich selbst. Deshalb ist eine freie Vernunft, die fähig ist dem Wirklichen gegenüberzutreten, eine affektive Vernunft. Wo kommt diese Gewissheit her, die wir alle in Rimini gesehen haben, die auch der gesehen hat, der weit von unserer Erfahrung entfernt ist? Offensichtlich handelt es sich dabei nicht um eine Selbstsicherheit, eine Art Autosuffizienz, aus der wir glaubten leben zu können. Sie ist genau das Gegenteil: Diese Gewissheit ist eine affektive Verbindung mit der Wahrheit. Und das, nur das, kann uns frei machen, von welcher Macht auch immer. Wenn also das, was wir am meisten zum Leben brauchen (abgesehen von der Luft zum Atmen), eine Vernunft ist, die fähig ist, die Wirklichkeit in ihrer ganzen Tiefe anzuerkennen, dann fragen wir dich: Woher kommt eine solche Vernunft und wie verwirklicht sie sich?

JULIÁN CARRÓN

1. „DIE VORHANDENEN DINGE ALS GEGENWART IN DEN BLICK NEHMEN“

Eine Vernunft, die fähig ist, die Wirklichkeit in ihrer ganzen Tiefe anzuerkennen, erwächst und verwirklicht sich im christlichen Ereignis. Durch das christliche Ereignis verwirklicht die Vernunft ihre Natur als Offenheit für die der Offenbarung Gottes. So versteht man auch, weshalb Don Giussani sagt, dass das ganze Problem der Intelligenz in dem Abschnitt des Evangeliums über Johannes und Andreas dargelegt ist (vgl. L. Giussani, Si può vivere così?, Rizzoli, Mailand 2007, S. 273). Deshalb haben wir am 26. Januar bei der Vorstellung des Religiösen Sinns von Anfang an daran erinnert, dass „das Herz unseres Vorschlages […] eher die Verkündigung eines Ereignisses [ist], das die Menschen in derselben Weise überrascht, wie vor 2000 Jahren die Botschaft der Engel von Bethlehem die einfachen Hirten überraschte. Ein Ereignis, das noch vor jeder Überlegung über die Religiosität oder Nichtreligiosität des Menschen eintritt“ (Luigi Giussani, Laie, das heißt Christ. Interview mit Luigi Giussani, 30 Giorni, 8, 1987, Cooperativa Editoriale Nuovo Mondo, Mailand 1988). Woran erkennt man, dass es in unser Leben eingetreten ist? An der Tatsache, dass „dieses Ereignis – so Don Giussani –, das Bewusstsein der grundlegenden Abhängigkeit und den Kern der ursprünglichen Bedürftigkeit, die wir als ‚religiösen Sinn‘ bezeichnen, erweckt oder stärkt“ (ebd.). Deshalb macht der religiöse Sinn den Menschen zum Menschen. Das heißt er erlaubt dem Menschen, nach seinen ursprünglichen Evidenzen zu leben. Der Mensch ist dann eher fähig, sich von der Wirklichkeit berühren zu lassen und sie gemäß ihrer Wahrheit zu leben. Denn er kann seine Vernunft entsprechend ihrer wahren Natur gebrauchen, nämlich als Offenheit gegenüber der Ganzheit der Wirklichkeit. Nur eine „der Sprache des Seins geöffnete Vernunft“ kann die Wirklichkeit begreifen, wie Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag betonte. Sonst bleibt sie in Interpretationen befangen, die den Ungewissheiten nur noch weitere hinzufügen, wie wir heute auf allen Ebenen sehen können. Wenn wir also an diesem Ereignis in der Gemeinschaft der Christen teilnehmen, dann müssten wir in unserer Erfahrung entdecken, dass wir angesichts des Seins der Dinge „verletzlicher“ sind. Wir sind eher fähig, berührt und überrascht zu sein oder zu staunen. Denn den Glauben verifiziert man angesichts seiner Frau oder seiner Kinder, der Kollegen oder der Lebensumstände, angesichts von Sonne und Sternen. Wenn es stimmt, dass jeder Mensch von der Wirklichkeit betroffen ist, dann müsste die Tatsache, dass wir durch die christliche Begegnung wachgerüttelt wurden, jeden von uns in dieser Haltung fördern, so dass die Wirklichkeit uns stärker anspricht und mehr überrascht. Wir wissen aber alle, dass dies oft nicht der Fall ist. Don Giussani hilft uns auch hier, den Grund zu finden. Als er 1995 zu den Priestern der Vereinigung Studium Christi sprach, bemerkte er: „Der Kern der Frage betrifft den grundlegenden Faktor dessen, was ist. Und der Begriff ‚Gegenwart‘ ist der wesentliche, der auf diesen Faktor hinweist. Wir sind es aber nicht gewohnt, ein Blatt, eine Blume, eine Person, die vor uns steht, wirklich als Gegenwart anzusehen. Wir sind es nicht gewohnt, die Dinge, die wir vor uns haben, als Gegenwart in den Blick zu nehmen. Wir tun dies immer nur annäherungsweise.“ (Mailand, 1. Februar 1995). Und er sagt dies uns, die wir Christus bereits begegnet sind und deren Ich durch diese Begegnung wachgerufen wurde. Deshalb können wir unmittelbar einsehen, dass Giussani recht hat: Jeder muss nur auf den heutigen Tag schauen – ob er zumindest für einen Augenblick von der Gegenwart der Dinge überrascht war. Wenn wir uns der Dinge, die wir vor uns haben, nicht als Gegenwart bewusst werden, dann bedeutet das nicht, dass wir sie negieren. Verstehen wir uns recht, wir können sie akzeptieren und anerkennen, sie aber dennoch als selbstverständlich hinnehmen, wie Don Giussani betont. Er hat vollkommen recht: „Wir sind es nicht gewohnt, die Dinge, die wir vor uns haben, als Gegenwart in den Blick zu nehmen.“ Angefangen bei der Wirklichkeit, bei unserem Mann oder unserer Frau, bis hin zu uns selbst. Was muss Giussani vor Jahren in unserer Reaktion auf seinen Brief an die Fraternität vom 23. Juni 2003 gesehen haben. Es ging um das Thema des Seins. Und Giussani sagte schließlich: „Ich musste in diesen Tagen erkennen, dass das Sein in niemandem von euch vibriert!“ Benedikt XVI. hat die Konsequenz dieser Haltung dargelegt: „Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus [...], dass Gott großzügig sein muss.“ (Benedikt XVI., Begegnung mit Vertretern des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, Erfurt, 23. September 2011). Folgender Brief eines Studenten bringt in seiner Einfachheit das Problem gut zum Ausdruck: „Ich hatte vergangenen November einen Unfall, der mich für drei Monate ans Bett fesselte. Es war eine große Mühe. Ich konnte mich nicht bewegen und keinerlei Aktivitäten nachgehen. Und wegen der Schmerzmittel konnte ich nicht einmal lernen, denn sie verhinderten alles, was nur ein Minimum an Konzentration verlangte. Drei Monate im Bett, still, unbeweglich. Ich erinnere mich allerdings, dass ich einige Monate, nachdem ich wieder mit dem Laufen begonnen hatte, mit Freunden Bilder ansah, die mich im Bett zeigten. Fast instinktiv ging ich zu meiner Mutter und sagte ihr: ‚Schau, was für ein schönes Foto! Es war trotz allem ein schöne Zeit!‘ Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, das in der großen Mühe der Bettlägerigkeit, im ganzen Wunsch, schnell wieder auf die Beine zu kommen, etwas lag, was mich nicht unglücklich gemacht hat. Im Gegenteil, ich war letztlich in der Mühe glücklich. Aus zwei Gründen. Der erste war der, dass ich in dem ganzen Schmerz auf freie und ungeschuldete Weise unterstützt wurde: von den Gesichtern der Freunde, die sich mir unermüdlich widmeten. Und ebenso halfen mir meine Eltern. Sie sagten mir immer wieder, ich solle die Mühe und den Schmerz aufopfern. Ich wurde mir bewusst, dass diese Menschen sich vollkommen für mich hingaben, vollkommen und bis in jede Einzelheit. Der zweite Grund lag darin, dass selbst die kleinsten Dinge nicht mehr selbstverständlich erschienen: Ich war überrascht über einen Teller Pasta, der etwas schöner angerichtet war, über die Begleitung um mich herum, über meine Schwestern, die mir vor dem Schlafengehen die Bettpfanne brachten, ohne dass ich sie darum bitten musste. Bis ich schließlich eines Morgens, als mich ein Krankenwagen zur Untersuchung ins Krankenhaus brachte, staunte, als ich den Himmel wiedersah. Natürlich wusste ich, dass es den Himmel gibt. Aber erstmals wurde mir wirklich bewusst, dass es ihn gab, dass er da war. [Wenn sich jemand dessen im Leben bewusst wird, merkt er, wie oft der Himmel für ihn nicht gegenwärtig war.] Ich tat nichts, und konnte nichts tun. Dennoch war ich in allem Schmerz, in aller Bedrängung nicht unglücklich. Ich nahm alles in seinem Wert wahr. Nichts war mehr selbstverständlich. Und die Dinge in ihrem Wert anzuerkennen machte mich glücklich. Jetzt, nach vier Monaten und nachdem ich wieder begonnen habe, zu laufen, hat diese Spannung gegenüber den Dingen schon abgenommen. Der etwas schöner angerichtete Pasta-Teller ist wieder zu einem normalen Pasta-Teller geworden, die Dinge stehen wieder im Schatten meines Maßes und meiner Befriedigung … Wie kann ich erneut zu jener Haltung finden, was ermöglicht es mir, immer diese Erfahrung zu machen?“ Wir alle kennen diese Situation. Wenn wir nicht ständig spüren, dass das Sein in uns widerhallt, dann wird alles wieder flach und für jeden von uns wird die Frage dringlicher: Was kann mir diese Haltung zurückgeben, so dass ich nicht alles als selbstverständlich hinnehme, sondern mich von allem überraschen lasse? Dazu muss man verstehen, weshalb uns dies widerfährt. Weshalb fallen wir nach einer Erfahrung, wie die eben beschriebene, in den alten Trott zurück? Weshalb nehmen wir alles als selbstverständlich hin und staunen über nichts mehr? Don Giussani nennt die Gründe in dem Buch Was uns das Wertvollste ist, das seine Treffen mit Studenten Ende der 80er Jahre zusammenfasst und dieses Jahr veröffentlicht wurde: Dies geschieht aufgrund einer schwachen Vernunft, das heißt weil wir die Vernunft nur eingeschränkt gebrauchen. Sie ist deshalb nicht in der Lage, die Gegenwart der Dinge vor unseren Augen zu begreifen. Und so nehmen wir alles als selbstverständlich hin. Der Grund, weshalb uns die Wirklichkeit nicht ergreift und nicht mehr trifft und alles zu einem Grau in Grau wird, liegt in einer schwachen Vernunft. Ein solcher Gebrauch der Vernunft hat aber unvermeidliche Folgen. Eine Trennung zwischen der Anerkennung und der Zuneigung, zwischen der Anerkennung und dem Festhalten an dieser Anerkennung: Das Ich bleibt gespalten zwischen der Anerkennung (die abstrakt bleibt) und der Zuneigung (die wankelmütig ist). Da die Vernunft nicht bis zur Wirklichkeit vorstößt, findet die Zuneigung keinen Anknüpfungspunkt, sondern bleibt unbeständig. Schließlich ergreift uns nichts mehr wirklich. Don Giussani gibt uns hierfür auch ein Beispiel: „Zu Beginn der Moderne stimmte [der italienische Humanist und Dichter] Petrarca der gesamten katholischen Lehre zu, mehr noch, er nahm sie wesentlich tiefer wahr als wir. Aber seine Empfindung oder seine Zuneigung blieb in einer davon unberührten Wechselhaftigkeit befangen.“ (Was uns das Wertvollste ist. 1988-1989, Bur, Mailand 2011, S. 156). Das heißt, ein einfaches Bejahen der christlichen Lehre als Theorie reicht nicht aus, um unsere Zuneigung zu wecken und mitzureißen – denn nur so könnte eine Einheit zwischen Vernunft und Gefühl hergestellt werden, ohne die kein Erkennen möglich ist und das Ich gespalten bleibt. Wir können die christliche Doktrin als ein abstraktes a priori bejahen (so wie wenn ich feststelle, dass es den Himmel gibt). Allerdings stellt sich dann keine Vibrieren, keine Begeisterung ein, es gibt keine Anziehungskraft, es findet sich dann nichts außerhalb unserer selbst, das uns vor uns selbst und unserem eigenen Maßstab schützt. Hierin besteht die „Magersucht der Menschlichkeit“. Sie ist der Ursprung der Verwirrung, der Auszehrung, der Ungewissheit, die uns allzu oft befallen in dieser Zeit. Wir empfinden uns dann als unbeständig, wie ein Kiesel hin und hergerissen von den Meinungen und Gemütszuständen, ohne fähig zu sein, uns an etwas wirklich Gegenwärtiges zu binden oder für etwas wirklich zu interessieren. Diese „Magersucht“ heilt man aber nicht durch weiteres Gerede, sondern indem man die Vernunft dazu erzieht, sich der „Sprache des Seins“ zu öffnen. Was unter dieser Offenheit gegenüber dem Sein zu verstehen ist, verdeutlicht eine Episode aus dem Leben von Don Giussani, die mich stets sehr beeindruckt hat. In einem Brief an Angelo Majo beschreibt er, was er in dem sieht, der ihm ein Freund ist: „Vorgestern Abend habe ich nachgedacht und verstanden, dass du mein einziger Freund bist.“ Und weshalb sieht er ihn als Freund an? Weil „ich jene unergründliche und vollkommene Begeisterung meines Seins angesichts der ‚Dinge‘ und der ‚Personen‘ nicht ergreifen kann, wenn nicht in der Art und Weise, wie du darauf reagierst.“ (Lettere di fede e di amicizia ad Angelo Majo, San Paolo, Cinisello Balsamo-Mi, 2007, S. 103). Auf was verweist Giussani hier, unter den vielen Dingen, die er bei einer Freundschaft anführen könnte? Erneut überrascht er uns: Es geht ihm nicht um eine besondere Intelligenz, nicht um die Fähigkeit, sein Denken zu beherrschen, nicht um eine bewundernswerte ethische Konsequenz, sondern um die „unergründliche und vollkommene Erschütterung“ über das Sein, die er in den Reaktionen seines Freundes wahrnimmt. Hier versteht man, weshalb am Ursprung des Problems unsere Mühe steht, so auf die Dinge zu schauen. Wir sind es nicht gewohnt, auf ein Blatt, das vor uns liegt, als eine Gegenwart zu schauen. Wir sind es nicht gewohnt, die Dinge vor unseren Augen als Gegenwart zu erfassen und in den Blick zu nehmen. Gewiss, wir verneinen nicht die Gegenwart der Dinge. Aber wir nehmen sie einfach als selbstverständlich hin. Man erkennt dies daran, dass sie nicht einen Augenblick des Staunens hervorrufen. Wir haben nichts Falsches getan, wir haben nur die Erschütterung des Seins in uns nicht wahrgenommen. Jeder von uns weiß, wie unerträglich das Leben werden kann, wenn uns jedes Staunen abhanden kommt. Damit wird deutlich, weshalb es so dringlich ist, die Dinge, die wir vor Augen haben, wieder als Gegenwart in den Blick zu nehmen, so dass unser Ich wieder „vibriert“, dass wir eine Erschütterung und Begeisterung erfahren, gleich wie die Umstände auch sein mögen. Und da die Dinge ohnehin vorhanden sind, sind das Problem nicht die Dinge, sondern das Ich, das fähig sein muss, sich dessen bewusst zu werden, was da ist. Wir sehen also, in welchem Maße uns das vorherrschende rationalistische Klima beeinflusst. Mehr als wir ahnen. Dies zeigt sich daran, wie schwer es uns fällt, die Wirklichkeit entsprechend ihrer Natur wahrzunehmen. Heute herrscht ein positivistisches Verständnis der Wirklichkeit vor, in den verschiedensten Ausformungen. Wie der Papst in Deutschland aber betont hat, ist „die positivistische Weltsicht [...] nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.“ (Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag, Berlin, 22. September 2011) Deshalb zeigt uns Don Giussani im zweiten Kapitel des Religiösen Sinns in aller Klarheit die Aufgabe, vor der wir stehen: „ Das für den Menschen entscheidende Problem ist nicht die Logik, auch wenn sie ein faszinierendes Spiel ist, und ebenso wenig die Beweisführung, zu der uns unser Erkenntnisdrang zwingt. Entscheidend für den Menschen ist sein Bezug zur Wirklichkeit und dass er sich ihrer bewusst wird. Eine Art Zwang also (etwas, das nötigt), nicht eine Stimmigkeit. Dass eine Mutter ihr Kind liebt, ist nicht das Ergebnis einer logischen Folgerung. Es ist eine Evidenz oder Gewissheit, eine Vorgabe der Wirklichkeit, die man zwangsläufig annehmen muss (L. Giussani, Der religiöse Sinn, EOS, St. Ottilien 2011, S. 28). Nur die Evidenz der Wirklichkeit kann jene innere Zwangläufigkeit haben, die uns drängt, die Dinge vor unseren Augen als Gegenwart anzuerkennen. Kein Text kann uns besser helfen zu verstehen, ob der Glaube uns bei der Anerkennung der Wirklichkeit unterstützt, als das zehnte Kapitel des Religiösen Sinns. Mit ihm wollen wir auch unser Seminar der Gemeinschaft wieder beginnen. Denn dieses Kapitel beschreibt, was im Menschen angesichts der sich aufdrängenden Wirklichkeit geschieht. Giussani ist sich bewusst, dass wir in einer Epoche der Ideologien, des Rationalismus und des Positivismus, leben, die zu einem eingeschränkten Gebraucht der Vernunft führen. So schauen wir auch in entsprechend verkürzter Weise auf die Wirklichkeit. Deshalb legt Giussani gleich zu Anfang ein Erkenntnisprinzip fest, um uns gegen diese Ideologien zu wappnen. Er beginnt bei der Erfahrung. Denn die Wirklichkeit wird uns nur in der Erfahrung einsichtig, wie er uns immer wieder gelehrt hat. Dieses methodologische Prinzip, das er im ersten Kapitel festlegt, bestimmt auch das entscheidende Kapitel des gesamten Buches. Don Giussani hat es selbst mit folgenden Worten definiert: „Das zehnte Kapitel stellt den Schlüssel für unsere Art des Denkens dar.“ (Vgl. Un uomo nuovo, Tracce-Litterae Communionis, Nr. 3, März 1999, S. IX) Von den ersten Zeilen an lädt er uns dazu ein, auf unsere ursprünglichen Reaktionen angesichts der Wirklichkeit zu achten. So dass in uns nicht gleich beim ersten Anstoß die ideologische Verkürzung die Oberhand gewinnt. Dann beschreibt er, was es heißt, jener Herausforderung der Wirklichkeit bis zu ihrem Ursprung zu folgen, ohne auf halbem Wege stehen zu bleiben. Don Giussani beschreibt im zehnten Kapitel also den wahren Weg der Vernunft und der Zuneigung angesichts der Wirklichkeit, den Weg, den wir einschlagen müssen, wenn wir aus der unbehaglichen Lage herauskommen wollen, in der wir uns befinden. Deshalb beginnt er mit einer Frage: Wenn jene letzten Fragen wesentlich für das menschliche Bewusstsein, für die menschliche Vernunft sind, gleichsam der Stoff, aus dem sie gemacht ist, wie entstehen sie dann in uns? „Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir die Reaktion des Menschen auf die Wirklichkeit näher ins Auge fassen.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 153). Don Giussani bietet uns die Methode: „Wenn der Mensch die ihn begründenden Faktoren wahrnimmt, indem er sich beim Handeln beobachtet, dann muss er, um eine Antwort auf jene Frage zu finden, die menschliche Dynamik in ihrem Zusammentreffen mit der Wirklichkeit in den Blick nehmen. In diesem Zusammenprall wird der Mechanismus in Gang gesetzt, der die Faktoren enthüllt“ (ebd.). Und er fügt eine grundlegende Bemerkung hinzu: „Ein Individuum, das dieses Zusammentreffen mit der Wirklichkeit nicht voll erlebt hat [wie oft möchten wir uns gerade dies ersparen und vor allem unseren Kindern!], da es nur wenig gefordert war, wird keine große Sensibilität für sein eigenes Bewusstsein entwickeln [das Ich wird geschwächt, es fehlt] und auch die Kraft und Prozesse seiner Vernunft nur begrenzt wahrnehmen.“ (ebd.) In der Tat sehen wir in der Beziehung zur Wirklichkeit, wie unser Bewusstsein wächst, unsere Energie und das „Vibrieren“ unserer Vernunft. Wenn wir uns also das Zusammentreffen mit der Wirklichkeit ersparen und es durch kluge Reden oder Kommentare ersetzen, dann wird dies unvermeidlich dazu führen, dass wir angesichts der Wirklichkeit kein Vibrieren, keinerlei Begeisterung mehr spüren. Jeder sollte seine Erfahrung mit jedem Satz dieses Kapitels vergleichen, also seine Reaktion auf die Dinge, um nicht die Auseinandersetzung mit dem Anstoß des Seins durch Kommentare zu dem Text zu ersetzen und vom Staunen zu reden, ohne je selbst gestaunt zu haben. (Denn das ist nicht nur langweilig, sondern vor allem überflüssig!) Als Erstes geht Don Giussani nämlich genau auf diesen Punkt ein: das Staunen angesichts einer Gegenwart.

2. DAS STAUNEN VOR DER „GEGENWART“

Was tut Don Giussani, um uns zu helfen, die Dinge vor unseren Augen als Gegenwart anzuerkennen? Er zerstört die angebliche Objektivität, mit der wir die Wirklichkeit anschauen, also die Selbstverständlichkeit. Wie wir gesehen haben, betrachten wir die Wirklichkeit als etwas Selbstverständliches. Um diese angebliche Objektivität infrage zu stellen, lädt uns Giussani zu folgendem Gedankenspiel ein: „Stellen wir uns vor, wir würden in unserem gegenwärtigen Alter, also mit unserem derzeitigen Entwicklungs- und Bewusstseinsstand, geboren. Was wäre die erste, die allererste Empfindung, das heißt der erste Faktor unserer Reaktion auf die Wirklichkeit?“ (ebd.). Wir müssen versuchen, uns in die Erfahrung hineinzuversetzen, die Don Giussani uns nahelegt. Auf diese Weise finden wir am einfachsten in unserer eigenen Erfahrung ein Faktum, das dies zeigt. So wie es mir mein Freund Alexander, ein Arzt aus Brasilien, berichtet hat. Er ging diesen Sommer mit einer Gruppe von portugiesischsprachigen Studenten (Brasilianern, Portugiesen und Mosambikanern) in La Thuile auf den Colle San Carlo. Während der Wanderung überlegte er, was er bei der Ankunft auf dem Gipfel sagen solle. So dachte er bei sich: „Ich werde ihnen das Panorama zeigen, dann werden wir etwas singen und so weiter.“ Als er aber ankam, hatte er den Mont Blanc vor sich, den viele von der Gruppe zum ersten Mal sahen. Alle blieben schweigend stehen. Als sie dort ganz still verharrten, kam eine zweite Gruppe, die sich verspätet hatte. Sie unterhielten sich laut beim Wandern. Der Arzt überlegte sich nun, was er ihnen sagen würde, wenn sie oben wären: „Ich werde sie bitten zu schweigen!“ Während er sich die Worte zurechtlegte, kamen sie aber schon an, und die beeindruckende Gegenwart des Mont Blanc war so überwältigend, dass auch sie schwiegen. Diese kleine Episode verdeutlicht, das dass Bild von Don Giussani vom Blick des Neugeborenen auf die Dinge mit dem jetzigen Bewusstseinstand keine Übertreibung ist. „Wenn ich in diesem Augenblick, nach dem Hervortreten aus dem Schoß meiner Mutter, zum ersten Mal die Augen aufschlüge, wäre ich ergriffen von Staunen und Verwunderung über die Dinge, wie angesichts einer ‚Gegenwart‘. Ich wäre über eine Gegenwart erstaunt und vom Abglanz dieser Gegenwart überwältigt, die man im üblichen Sprachgebrauch als ‚die Dinge‘ bezeichnet.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 153f.) Dasselbe sagt uns auch der Papst: „Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? [...] Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“ (Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag, Berlin, 22. September 2011) Für unsere Freunde auf der Wanderung sind diese Dinge ebenso wenig selbstverständlich wie für uns. Und man sieht das an dem Staunen, das sie hervorrufen. Man muss nur die Adjektive lesen, mit denen Don Giussani die Reaktion beschreibt: „ergriffen von Staunen und Verwunderung“, „überwältigt“ von diesem „Zusammenprall“, erfüllt von einem Staunen, was nichts auf dieser Welt, keine Krise, verhindern könnte. Nichts kann diesen Zusammenprall mit dem Sein verhindern, noch dass uns diese Fülle durchdringt, dass unser ganzes Sein belebt wird und uns von neuem aufbrechen lässt. „Das Sein, nicht als abstrakte Größe, sondern als Gegenwart, und zwar als eine Gegenwart, die ich nicht hervorbringe, sondern vorfinde, die sich mir also aufdrängt.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 154) Dann gelingt es mir auch, alle Dinge, die ich vor Augen habe, als eine Gegenwart wahrzunehmen. Und das lässt die Menschlichkeit in jedem von uns wieder aufblühen. Wir wissen allzu gut, welche Intensität unser Ich erreichen kann, welche Begeisterung wir verspüren können. „Das Staunen über diese Gegenwart, die mich ergreift, die Verwunderung über diese Wirklichkeit, die auf mich eindringt, steht am Ursprung des Erwachens des menschlichen Bewusstseins.“ (ebd.) Ich entdecke in mir eine bislang unbekannte Intensität jener „ursprüngliche(n) Erfahrung des ‚Anderen‘ (…). Das Kind lebt diese Erfahrung, ohne sich ihrer bewusst zu werden, da es noch nicht im Vollbesitz des Bewusstseins ist. Aber der Erwachsene, der sie nicht erlebt oder als bewusster Mensch nicht wahrnimmt, ist weniger als ein Kind, er ist gleichsam verkümmert.“ (ebd.) Genau darin besteht dieser Mangel des Ichs, das sozusagen verhärtet ist wie ein Stein, das sich von der Schönheit der Berge nicht mehr beeindrucken lässt und angesichts des Seins der Dinge keine Regung mehr verspürt. Versteht ihr, was aus unserem Leben würde, wenn wir diese Fähigkeit zum Staunen verlören? Und was für ein Geschenk das christliche Ereignis ist, das uns noch mehr befähigt, uns von allem bewegen zu lassen. Der jüdische Philosoph A. J. Heschel hat recht, wenn er sagt: „Ohne Staunen bleiben wir taub für das Erhabene.“ (A.J. Heschel, Dio alla ricerca dell’uomo, Borla, Torino 1969, S. 273-274). Das heißt, wir verpassen das Beste. Und keine anschließend künstlich erzeugte Zerstreuung, wie sie die heutige Gesellschaft hervorbringt, kann uns das ersetzen. „Deshalb ist die allererste Empfindung des Menschen die, dass er vor einer Wirklichkeit steht, die nicht die seine ist, die unabhängig von ihm besteht und von der er abhängt.“ Sie ist da! „Empirisch gesprochen ist es die ursprüngliche Wahrnehmung eines ‚Gegebenen‘.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 154) Das Partizip Perfekt „gegeben“ schließt auch jemanden ein, der es gibt. Alles ist mir gegeben, geschenkt. Versuchen wir uns vorzustellen, was das Leben wäre, wenn wir alles als „gegeben“, als Geschenk erleben würden, wenn wir jedes Ding vor unseren Augen so wahrnehmen würden und es uns zum Staunen bringen würde? Jede Situation wäre anders. Eine Freundin von uns hat mir geschrieben: „Hallo Julián! Ich schreibe dir aus dem Zimmer im Krankenhaus, in dem meine Mutter liegt. Sie musste sich einer kleinen Operation unterziehen. Welches Wunder ist dieser Tag, der ganz im Zeichen der Nicht-Selbstverständlichkeit begonnen hat. Es schien mir, als würde ich unmittelbar das leben, was im zehnten Kapitel des Religiösen Sinn beschrieben wird. Als ich meine Mutter sah, die unter Anästhesie in den Operationsaal geschoben wurde, überkam mich eine tiefe Rührung: nicht nur, weil sie meine Mutter ist, sondern weil mich ihre Gegenwart heute früh daran erinnert hat, dass die größte und tiefste Evidenz, die ich wahrnehme, darin besteht, dass ich mich nicht selbst schaffe. Ich mache mich nicht, und gebe mir nicht selbst das Sein. Ich gebe mir nicht die Wirklichkeit, die ich bin. Ich bin ‚gegeben‘! Es war nicht selbstverständlich, dass mir meine Mutter heute früh gegeben wurde und dass ich mich selbst als ein Geschenk anschaute!“ Was ist hindert uns aber vor allem, uns selbst so anzuschauen? Dass wir, wie wir gesehen haben, diese Tatsache als selbstverständlich hinnehmen. Wir nehmen die Wirklichkeit nicht als etwas Gegebenes wahr. Man beginnt, indem man das Dasein, das Gegebensein, die Existenz der Dinge überspringt. Und woran erkennt man das am besten? Am fehlenden Staunen. Leider ist diese Haltung gegenüber der Wirklichkeit am weitesten verbreitet, sie ist in uns am tiefsten verwurzelt. „Wir sind es nicht gewohnt, die Dinge vor unseren Augen als Gegenwart in den Blick zu nehmen.“ Hier liegt die Tragweite dessen, was Don Giussani uns sagt. Deshalb findet man so selten Menschen, in denen das Sein vibriert! Und wenn es bei uns der Fall ist, dann löst das ein Staunen aus, weil es so selten der Fall ist. Nun verstehen wir auch besser, warum es für jeden von uns entscheidend ist, dies zu lernen, damit wir uns die von Don Giussani beschriebene Haltung aneignen: „Schon in dem Wort ‚gegeben‘ schwingt eine Aktivität mit, der ich passiv gegenüberstehe. Und diese Passivität begründet meine ureigene Aktivität, nämlich die des Empfangens, des Feststellens, des Erkennens“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 155). Die erste Handlung besteht also in dieser Passivität, ohne die ich mir des Gegebenen nicht bewusst werde, der Wirklichkeit als Gegebenen, als einer Gabe, die mir geschenkt wird. Wenn wir nicht die Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle verlieren wollen, dann muss uns dieser Hinweis von Don Giussani vertraut werden. Die erste Handlung besteht also in dieser Passivität. Wir müssen aber achtgeben, um welche Art von Passivität es sich hierbei handelt, um nicht zu der üblichen Schlussfolgerung zu kommen, dass man dann eigentlich nichts tun müsse. Die Passivität, von der ich spreche, ist ein „Empfangen“, „Feststellen“ und „Erkennen“ der Wirklichkeit als etwas Gegebenem. Es ist also genau das Gegenteil davon, sie einfach für selbstverständlich zu halten. Woran können wir aber feststellen, dass wir dieselbe Erfahrung machen wie Don Giussani, und nicht nur einen Slogan wiederholen? Durch das Staunen, durch das Wiedererwachen der Menschlichkeit in uns. Die Wirklichkeit ist so zwingend in uns, dass sie uns das Bewusstwerden erleichtert. Denn „‚die Evidenz ist doch eine unerschütterliche Gegenwart!‘ Die Wahrnehmung einer unerschütterlichen Gegenwart!“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 155) Welch treffende Zusammenfassung: „Die Wahrnehmung einer unerschütterlichen Gegenwart!“ Das bedeutet es, die Dinge vor unseren Augen als Gegenwart wahrzunehmen: „die Wahrnehmung einer unerschütterlichen Gegenwart“. Diese Wahrnehmung kann nie auf ein „kaltes, distanziertes Registrieren“ verkürzt werden. Es ist „eine Verwunderung voller Anziehungskraft“, „ein Staunen, das in uns die letzte Frage weckt“ (ebd). Tatsächlich erwächst die Religiosität aus dieser Attraktivität. Das erste Empfinden des Menschen ist diese Attraktivität. Die Angst, die oft als Ursprung des Religiösen angeführt wird, folgt erst in einem zweiten Moment. „Religiosität ist in erster Linie die Bejahung und Entfaltung dieser Anziehungskraft [des Seins. Genau dessen bedürfen wir, der Entfaltung dieser Anziehungskraft des Seins]. Es gibt eine erste Evidenz und ein Staunen, das die Haltung des wahrhaft Forschenden erfüllt. Das Staunen vor der Gegenwart zieht mich an, und dies löst in mir ein Nachforschen aus.“ (ebd.). Was für eine Einfachheit braucht es, um sich von jener Gegenwart anziehen zu lassen, die aufgrund des Vibrierens, der Begeisterung, die sie in mir freisetzt, so interessant wird, dass sie mich zum Nachforschen anregt! Wenn wir diesen Forscherdrang nicht unterdrücken, dann müssen wir, um jene Gegenwart, jenes Gegebenen zu erklären, die Existenz von etwas Anderem annehmen. Wir unterdrücken diesen Forscherdrang aber oft. Deshalb auch die unzähligen Nachfragen, weshalb wir beim Blick auf die Wirklichkeit auch das Geheimnis, das Du, Gott einbeziehen müssen. Man fragt dies, als ob der Verweis auf einen anderen Faktor innerhalb und jenseits dessen, was man sieht, – nicht außerhalb, sondern jenseits und innerhalb dessen, was man sieht – nicht in dem eingeschlossen wäre, was man sieht. Also in der Erfahrung dessen, was man sieht, im Gegebenen. Man tut also so, als ob wir das hervorbringen würden. Natürlich wird dieser Verweis vom Subjekt wahrgenommen. Aber er gehört zum Objekt, zur Sache, zur Erfahrung des Gegenstandes. Wenn man also als wahrer Forscher von dem ausgeht, was ist, dann unterdrückt man nicht den Verweis, der in die Erfahrung der Dinge eingeschrieben ist. Man unterdrückt nicht seine Neugier und den Wunsch, die Wirklichkeit bis ins Letzte zu verstehen. Wenn man das Gegebene in erschöpfender Weise erklären will, kann man nicht umhin anzuerkennen, dass etwas anderes Teil der Erfahrung dessen ist, was ist. Das beschreibt auch der Dialog zwischen Gott und Ijob: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet?“ Anders gesagt: Hast du etwa diese Wirklichkeit hervorgebracht, die dich staunen lässt? „Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. Wer hat die Messschnur über ihr gespannt?“ (Ijob 38,4-5) Alles was ist, ruft seine Abhängigkeit von einem Anderen aus. Deshalb ist der menschlichen Natur aufgrund ihrer ursprünglichen Abhängigkeit nichts angemessener und entsprechender, als in Besitz genommen zu sein. Die Natur des Menschen besteht in seiner Geschöpflichkeit. Und seine Vernunft erfüllt sich in der Anerkennung jener abschließenden Implikation, die im Sein der Dinge liegt. Wenn jemand diesen Verweis negiert, wenn er das „Darüberhinaus“ verneint, dann verneint er zugleich die Dinge, die Erfahrung der Dinge. Er zerstört sie. Angesichts des abgrundtiefen Geschenktseins der Wirklichkeit verfällt die Vernunft in eine eigenartige Lähmung, sie blockiert. Wenn jemand aber diesen Geschenkcharakter negiert, dann negiert er das Ding. Es ist, als liege in den Dingen eine Einladung, die nicht das Subjekt hinzufügt, sondern die es nur anerkennen muss. Denn sie ist Teil des Phänomens dieser Gegenwart. Deshalb ist die erste und ursprüngliche Intuition das Staunen über das Gegebene. Ich bitte euch, dies nicht als selbstverständlich hinzunehmen und die Erfahrung wieder auf einen Gedanken zu verkürzen. Der Gedanke des Staunens ist noch kein Staunen. So wie die Vorstellung des Verliebtseins noch kein Verliebtsein ist. Deshalb erklärt uns Don Giussani im vierten Abschnitt des zehnten Kapitels über „Das abhängige Ich“, ob wir die Erfahrung dessen gemacht haben, was er sagt, oder ob wir nur der inneren Logik eines Gedankenganges gefolgt sind, ohne einen Augenblick wirklich zu staunen.

3. DAS ABHÄNGIGE ICH

„Der Mensch wird also von der Gegenwart, der Anziehungskraft und dem Staunen in seinem Sein wachgerufen und ist dankbar und froh, weil diese Gegenwart auch für sein Wohl ‚vorsorgt‘. An diesem Punkt wird er sich nun seiner selbst als einem Ich bewusst und erfährt das ursprüngliche Staunen von neuem und in einer Tiefe, die die Bedeutung und die Gestalt seiner Identität verfestigt.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 160) Der erste Beweis, dass ich den Anstoß des Seins erfahren habe, liegt im Wiedererwachen meines Ichs. Wir können dies oft feststellen: Wir erkennen, dass jemandem etwas geschehen ist, weil sein Ich wieder eine neue Wachheit verspürt. (Wir fragen unmittelbar: „Was ist mit dir geschehen?“) Zum Zweiten bin ich dankbarer und froher (wie es der Freund in dem Brief über seinen Unfall beschreibt). Ich weiß, dass in mir dieser Anstoß geschehen ist, weil ich in mir eine Dankbarkeit und eine Freunde über diese Gegenwart wahrnehme. (Ich kann im Krankenhaus sein, wie der Freund in dem Brief es beschreibt, aber ich bin dankbar und froh, weil es diese Gegenwart gibt.) Zum Dritten werde ich mir durch diese Gegenwart meiner selbst bewusster, so dass – viertens – die Tiefe des Staunens die Tragweite meiner Identität bestimmt. Schaut, worin der Maßstab für unsere Identität liegt! Nicht akademische Titel, das Einkommen oder die Rolle, die ich in der Gesellschaft spiele, bestimmen die Tragweite meiner Identität, sondern die Tiefe des Staunens bestimmt mein Selbstbewusstsein. „Wenn ich aufmerksam, das heißt reif bin, dann kann ich nicht bestreiten, dass die stärkste und tiefste Einsicht für mich darin besteht, dass ich mich nicht aus mir selbst schaffe, dass ich mich jetzt nicht selber mache. Ich gebe mir das Sein nicht, auch die Wirklichkeit nicht, die ich bin; ich bin mir ‚gegeben‘. Dies ist der Augenblick der Reife, in dem ich mich selbst als von etwas anderem abhängig entdecke.“ (ebd.) Jeder muss sich selbst fragen, ob auch für ihn „die stärkste und tiefste Einsicht“ darin besteht, dass „ich mich nicht aus mir selbst schaffe“. Für uns ist das Glas oder die Flasche evident. Aber dass „ich mich nicht aus mir selbst schaffe“, ist für uns nicht ebenso offensichtlich. Und man erkennt das an der Frage, die immer wieder aufgeworfen wird: Weshalb muss ich angesichts der Wirklichkeit Du sagen? Fehlen hier nicht die Zwischenschritte? Um auf diese Frage zu antworten, müssen wir versuchen, Don Giussani in seinem Gedankengang bis zum tiefsten Grund der Wirklichkeit zu folgen, wenn wir ihren Ursprung begreifen wollen. „Wenn ich in mich hineinblicke, bis auf den Grund, woher komme ich? Nicht aus mir selbst, aus etwas anderem. Ich erfahre mich als Strahl, der einem Springquell entspringt. Es gibt da etwas Anderes, das mehr ist als ich und von dem ich hervorgebracht werde.“ Er gibt hierzu ein schönes Beispiel: „Wenn das aus einer Quelle fließende Wasser denken könnte, würde es auf dem Grund seines immer neuen Hervorsprudelns einen Ursprung wahrnehmen, den es nicht kennt, etwas von ihm Verschiedenes.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 161) In sich hineinblicken, bis auf den Grund. Das ist eine Einladung, die Vernunft in angemessener und nicht verkürzter Weise zu gebrauchen. Nur dadurch können wir die Trennung zwischen Anerkennung und Zuneigung überwinden. Unsere Schwierigkeit, Don Giussani dabei zu folgen, zeigt, wie wenig vertraut uns ein vollständiger Gebrauch der Vernunft ist, der nicht positivistisch verkürzt wäre. Und weil wir Mühe haben, bis auf den Grund vorzudringen, meinen wir, es ginge um eine geistige Leistung, etwas Kompliziertes, etwas, das wir schaffen müssten und das letztlich das Ergebnis unserer Anstrengungen wäre. Doch hier zeigt sich, wie beschränkt unser Verständnis des Ichs und der Vernunft ist! Welche „Ich-Vergessenheit“! Und welcher Mangel an Übung im angemessenen Umgang mit der Vernunft. Wir können dies am Beispiel des Erlernens der Mathematik sehen. Um richtig zu rechnen, müssen wir Schritt für Schritt vorgehen und dürfen keinen auslassen. Das scheint oft ziemlich künstlich! Weshalb? Weil uns der angemessene Gebrauch der Vernunft nicht vertraut ist. In der Tat, wenn wir die Mathematik erlernt haben, wird alles leicht. Es geht schnell und ist faszinierend. Oder wenn wir anfangen Klavier zu spielen, scheinen die Finger ganz steif zu sein. Aber welch ein Genuss stellt sich ein, wenn uns die Geläufigkeit der Finger erlaubt, Mozart zu spielen! Uns fehlt aber die Geduld für die Arbeit, zu der uns Don Giussani unablässig einlädt. Es erscheint uns schwierig, künstlich eben. Und wir verwechseln die Vernunft mit dem Gefühl, weil es uns einfacher, unmittelbarer erscheint: Wenn ich es empfinde, dann existiert es. Wenn ich es nicht fühle, existiert es nicht. Das ist die „Logik“ unserer Intelligenz! Hier muss jeder für sich entscheiden und in sich gehen, ob er Don Giussani folgen will. Er muss entscheiden, ob er diesen Gebrauch der Vernunft lernen will, um die Dinge als Gegenwart anzuerkennen, oder ob er es vorzieht, darauf zu verzichten und anderes zu tun. Da wir aber nicht gewohnt sind, diesen Gedankengang zu machen, ziehen wir es vor, anderes zu tun (zu lesen und Sätze zu wiederholen), statt uns anzustrengen und zu lernen, die Vernunft wie er zu gebrauchen. Und wie oft unterliegen wir der Versuchung, davor zu fliehen! Deshalb sind wir weiter verwirrt, in Ungewissheit, mitgerissen vom Fluss der Meinungen. Nur wer Giussani bei dem Gedankengang folgt, den er uns vorgibt, wird in sich jenes Vibrieren wahrnehmen, das uns durchdringt, wenn wir wirklich in Beziehung zum Sein treten. So wie das Ich von jedem von uns vibriert angesichts des Du der geliebten Person. Man kann „Du“ sagen mit dem ganzen Vibrieren des Seins, das das Sein der geliebten Person in einem wachruft. Wie sehr würden wir aber aufbegehren, wenn jemand, dem diese Vertrautheit fehlt, dieses Vibrieren auf ein reines Gedankenspiel verkürzen wollte, auf eine Verwicklung! Es ist so, als würde man die geliebte Person auf den kalten Blick eines anderen reduzieren. Wenn wir Don Giussani nicht bis zu diesem Punkt folgen, dann wird alles wieder verflachen, trotz all unserer Kommentare. Denn wir werden nicht jene Vertrautheit im Gebrauch der Vernunft erlangen, die es uns erlaubt, die Wirklichkeit wahrhaft zu bejahen, und die verhindert, dass wir einem ständigen Wechselbad von Gemütszuständen ausgeliefert sind. Alles hat die Natur des Zeichens, des „Flusses“, der auf seine Quelle verweist, denn er setzt sie voraus. Erkennen bedeutet, den Gedankengang zu vollziehen, der vom Fluss zur Quelle zurückführt. Das ist der echte, nicht der geschwächte Gebrauch der Vernunft. Wenn jemand im vollen Bewusstsein dessen, was im Augenblick geschieht, „Ich“ sagen würde, indem er sieht, wie sich ihm das Sein schenkt – der Zuwachs an Sein, den das Du der Person in ihm hervorruft, ist nur ein schwacher Widerschein davon – mit welchem Vibrieren müsste er dann sagen: „Ich bin ‚der-Du-mich-machst‘“! (ebd.) Don Giussani bezeugt uns dies: Ich kann an jene Quelle, die „mehr ist als ich“, nicht denken, ohne zu erschauern und von ihr angezogen zu werden. Aber für uns bedeutet „Du“ zu sagen kaum mehr als Null. Versteht ihr, was wir verlieren. Wir wissen es. Aber das Wissen allein reicht nicht aus. Nur eine Erziehung verändert das Leben. Dieses Vibrieren ist keine Gefühlsduselei. Es ist ein „Urteil, das meine ganze Sensibilität einbezieht“ (vgl. Un uomo nuovo, op. cit., S. IX). Es ist das Selbstbewusstsein einer reifen Person, die ergriffen ist von einem Du, das ihr das Sein schenkt. Deshalb sagt der Papst: Die Kirche „öffnet sich der Welt, nicht um die Menschen für eine Institution mit eigenen Machtansprüchen zu gewinnen, sondern um sie zu sich selbst zu führen, indem sie zu dem führt, von dem jeder Mensch mit Augustinus sagen kann: Er ist mir innerlicher als ich mir selbst (vgl. Conf. 3, 6, 11).“ (Benedikt XVI., Begegnung mit engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft, Freiburg, 25. September 2011) Denn damit meine Vernunft das Gefühl einbeziehen kann, muss sie umfassend vernünftig sein. Das heißt, sie muss bis zu jenem Punkt vordringen, wo sie jenes wirkliche Du erreicht, aus dem ich hervorgehe. Ansonsten bleibt die Vernunft schwach. Wenn die Vernunft nicht bis zur Wirklichkeit vordringt, bleibt die Zuneigung von ihr getrennt und unbeständig. Aufgrund der Trennung von Vernunft und Wirklichkeit entwickelt sich eine Trennung zwischen der Anerkennung und der Zuneigung. Die Vernunft ist keine analytische Hellsichtigkeit, sondern Beziehung zur Wirklichkeit. Deshalb sagt Don Giussani, dass man die wahre Vernunft in Johannes und Andreas entdecken kann, weil sie „ergriffen“ worden sind. In der Tat, ohne dass die Vernunft die Wirklichkeit erreicht und uns bindet, werden wir weiterhin unbeständig bleiben und keine Gewissheit erlangen. Dies zeigte sich auch deutlich in den Beiträgen beim diesjährigen Meeting. So bemerkte etwa Professor Eugenio Mazzarella in einem Kommentar zu dem Beitrag von Costantino Esposito in Rimini: „Wir kommen in die Welt und werden in unser Sein hineingestellt durch jemandem [...], der weiterhin unseren ursprünglichen ‚Vorrat‘ an Gewissheit darstellt. [...] Wenn wir diese Gewissheit lebendig erhalten wollen und sie jeden Tag und jeden Augenblick neu beleben wollen, dann müssen wir diese ursprüngliche Beziehung zu dem aufnehmen, der uns Bestand verleiht und die wahre Quelle der Gewissheit ist.“ (Caro Ferraris, perché qualcuno ci ha voluto nel mondo?, ilsussidiario.net, 19. September 2011). Das bedeutet, dass wir wieder aus der Verwirrung herausfinden müssen, in die wir allzu oft abrutschen. So versteht ihr auch, was für ein Unterschied es ist, ob wir nur die – wenn auch wahre – Aussage: „Ich bin ‚der-Du-mich-machst‘“ als Slogan wiederholen, oder ob wir „Ich“ sagen in dem Bewusstsein, dass ein Anderer uns jetzt schafft! Wenn ihr nicht „Du“ sagen könnt mit derselben Intensität und demselben Vibrieren, mit dem ihr es gesagt habt, als ihr verliebt wart, dann wisst ihr nicht einmal annähernd, was Don Giussani meint. Es geht also nicht um eine zusätzliche Verwicklung oder um geistige Spitzfindigkeiten! Der Unterschied wird deutlich durch das, was in uns geschieht. Im ersten Fall – wenn ich „Ich bin ‚der-Du-mich-machst‘“ als reinen Slogan wiederhole – geschieht nichts. Wenn ich aber „Du“ sage mit dem Bewusstsein des Anderen, der mich jetzt schafft, dann ergreift mich unweigerlich eine grenzenlose Rührung. Ich sehe, wie in mir unweigerlich eine Zuneigung gegenüber jedem Du entsteht, und gleichzeitig empfinde ich eine unendliche Dankbarkeit, weil es dieses Du gibt. Was für ein weiter Weg liegt noch vor uns, bis wir die Wirklichkeit mit einer solchen Intensität leben, wie sie uns Don Giussani bezeugt! „Wenn ich auf mich selbst schaue und erkenne, dass ich mich jetzt, in diesem Augenblick, nicht selbst schaffe, dann kann ich – ich, mit aller Bewusstheit und Zuneigung, die in diesem Wort mitschwingt – jenes Ding, das mich schafft, jene Quelle, aus der ich in jedem Augenblick hervorkomme, nicht anders ansprechen, als mit dem Wort ‚Du‘. ‚Du, der du mich schaffst‘ ist das, was die religiöse Überlieferung Gott nennt; das, was mehr ist als ich, was mehr ich ist als ich selbst; das, auf Grund dessen ich bin.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 161). Das sind nicht nur leere Worte! Gott ist mein Vater und bringt mich jetzt hervor. Außerhalb dieses „jetzt“ gibt es nichts. Niemand ist so sehr Vater, Erzeuger. Deshalb sind wir auch immer gerührt, wenn wir singen: „Nur wenn ich mir bewusst werde, dass du da bist, / höre ich meine Stimme wie durch ein Echo, / und ich werde wiedergeboren / wie die Zeit aus der Erinnerung.“ (A. Mascagni, „Il mio volto“, in: Canti, Cooperativa editoriale Nuovo Mondo, S. 203) „Das Selbstbewusstsein nimmt am Grund seiner selbst einen Anderen wahr. Darin besteht das Gebet: das tiefste Bewusstsein seiner selbst, das auf einen Anderen stößt. So ist das Gebet die einzige menschliche Gebärde, in der die Größe des Menschen vollkommen verwirklicht ist“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 162). Wie groß ist hier der Unterschied zu einer Frömmelei oder einem Formalismus, auf den wir oft unser Gebet reduzieren! So versteht man auch, weshalb wir ermüden und uns abwenden. Wer aber nicht davonläuft und sich seiner selbst bis ins letzte bewusst wird, wer also die Vernunft nicht in schwacher, sondern in wahrer, vollständiger Weise benutzt, der wird sich bewusst, dass er aufrecht geht, weil er sich auf einen Anderen stützt, weil er von einem Anderen gemacht ist. So gewinnt sein Leben einen festen Stand, der nicht sentimental, unbeständig und abhängig von Gemütsschwankungen ist. Er hat eine Gewissheit aufgrund dieser Beziehung der Vernunft zur Wirklichkeit bis hin zu ihrem Ursprung. Versuchen wir uns in diese Aussagen hineinzuversetzen und sie nicht als selbstverständlich hinzunehmen, kaum dass wir sie gehört haben. „So wie meine Stimme: Sie ist der Widerhall einer von mir hervorgerufenen Schwingung. Unterbreche ich diese Schwingung, so gibt es auch die Stimme nicht mehr. Oder wie Quellwasser, das ganz dem Quell entstammt. Oder wie eine Blume, die in allem von der Triebkraft der Wurzel abhängt.“ (ebd.) Die Stimme, die Quelle, die Blume… Don Giussani bietet uns Bilder an, damit wir uns bewusst werden und nicht beim Vordergründigen und Selbstverständlichen stehenbleiben. Wenn ich also sage: „Ich bin“, und zwar gemäß der Fülle meines Menschseins, dann heißt dies nichts anderes als: „Ich bin geschaffen“. Und „davon hängt das ganze Gleichgewicht des Lebens ab“ (ebd.), wie Don Giussani betont. Woran erkennt man dieses Gleichgewicht? „Nur wenn er [der Mensch] anerkennt, dass er in Besitz genommen ist, atmet er auf, fühlt sich wohl und ist glücklich.“ Daher wird „das wahre Selbstbewusstsein [...] treffend dargestellt durch das Kind auf den Armen seines Vaters oder seiner Mutter“ (ebd.). Wir werden sehen, dass dies für uns zu einer Erfahrung wird wie bei einem Kind, wenn wir in jede Situation der Existenz, in jeden Umstand, in jede Dunkelheit mit einem tiefen Frieden und einer Möglichkeit zur Freude eintreten können. Wie wesentlich ist dies heute inmitten einer Krise, wie wir sie auf allen Ebenen erleben. „Keine Therapie kann das schaffen“ (ebd.). Gerade, wenn wir dieses wahre Selbstbewusstsein nicht haben, müssen wir auf andere Maßnahmen zurückgreifen, die dennoch nicht in der Lage sind, zu dieser Ebene der Frage vorzudringen. Deshalb lösen sie auch die Probleme nicht, sondern verstümmeln den Menschen eher. Um das Unbehagen über bestimmte Verletzungen zu nehmen, beschneiden sie den Menschen in seiner Menschlichkeit. Was für eine Lösung! Angesichts der Umstände, in denen zu leben wir gerufen sind, wird niemandem die Tragweite dessen entgehen, was wir sagen. Nur eine so verwurzelte Gewissheit kann uns fähig machen, wieder etwas aufzubauen.

SCHLUSS

Was ist also der Weg zur letzten Bedeutung der Wirklichkeit? Die Wirklichkeit zu leben, sagt uns Don Giussani klipp und klar. Dann versteht man auch, welche Bedeutung die Wirklichkeit für das Leben hat. Die einzige Bedingung, wenn man stets und aufrichtig religiös sein will, das heißt Mensch sein (nicht fromm, sondern Mensch sein!), besteht darin, die Wirklichkeit stets intensiv zu leben. Wer also die Wirklichkeit intensiv lebt, kann, auch wenn er Bauer oder Hausfrau ist, mehr von der Wirklichkeit verstehen als ein Professor. Denn der Weg, um die Bedeutung der Wirklichkeit zu verstehen, ist, die Wirklichkeit vorbehaltlos zu leben, ohne irgendetwas zu verleugnen oder zu vergessen. Doch, Achtung! Was heißt es, die Wirklichkeit zu leben? Don Giussani macht es uns in einem letzten Gedankengang deutlich: „Es wäre in der Tat nicht menschlich, also unvernünftig, lediglich die Oberfläche der Erfahrung zu betrachten, nur die Schaumkrone zu sehen, ohne in die Tiefe dieser Wellenbewegung einzutauchen.“ Das wäre „der Positivismus, der die Mentalität des modernen Menschen beherrscht“. Er „schließt den Anreiz zur Suche nach Sinn aus, der uns aus der ursprünglichen Beziehung zu den Dingen erwächst [...] Der Positivismus schließt die Aufforderung zu einer Suche nach Sinn aus, die sich für uns gerade aus dem ursprünglichen und unmittelbaren Zusammentreffen mit den Dingen ergibt.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 165) Der Papst hat dies in Deutschland in ein erhellendes Bild gefasst: „Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen“ (Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag, Berlin, 22. September 2011). Woran sehen wir, ob wir Positivisten sind? An der Tatsache, dass wir in unserem inneren Betonbau ersticken. Don Giussani bietet uns alles Notwendige an, damit jeder prüfen kann, welche Erfahrung er lebt. Wir können alle Interpretationen geben, die wir wollen. Aber wenn wir in den Umständen ersticken, dann bedeutet das, dass wir Positivisten sind. (Dies ist der entscheidende Punkt!) Um atmen zu können, müssen „die Fenster […] wieder aufgerissen werden“, damit wir „wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde“ sehen können, sagt der Papst. Und zwar ohne den „Anreiz zur Suche nach Sinn, der uns aus der ursprünglichen Beziehung zu den Dingen erwächst“ zu blockieren, wie Don Giussani ergänzt (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 165). „Je mehr jemand die Beziehung zu den Dingen aus dem oben beschriebenen Bewusstsein lebt, desto intensiver erlebt er das Zusammentreffen mit der Wirklichkeit, und umso eher beginnt er, etwas vom Geheimnis zu erkennen“ (ebd.). Das verlangt von jedem von uns einen Einsatz, den uns niemand ersparen kann. Deshalb macht uns Don Giussani abschließend bewusst, dass „das, was den Zugang zur wahrhaft religiösen Dimension versperrt, [...] mangelnde Ernsthaftigkeit gegenüber dem Wirklichen [ist], wofür das Vorurteil das hervorstechendste Beispiel ist“, das heißt die Ideologie, diese Verkürzung, die wir aufgrund der vorherrschenden kulturellen Umstände allzu oft vornehmen. „Die Welt ist wie ein Wort, ein logos, der über sich hinaus, auf anderes, Höheres verweist.“ Und Don Giussani betont: „Das Wort ‚Analogie‘ fasst die ganze dynamische Struktur des Zusammentreffens des Menschen mit der Wirklichkeit zusammen.“ (Der religiöse Sinn, op. cit., S. 166) Was für ein faszinierendes Abenteuer! Wenn wir uns bis ins letzte darauf einlassen, können wir allen eine Vernunft bezeugen, die in der Lage ist, die Wirklichkeit in ihrer ganzen Tiefe zu erkennen. Das ist der einzige Punkt, der es uns erlaubt, wieder etwas aufzubauen, in einem geschichtlichen Moment, in dem sich alles gegen einen Wiederaufbau des sozialen Lebens verschworen zu haben scheint! Das ist unser Beitrag!

PREDIGT VON JULIÁN CARRÓN BEI DER HEILIGEN MESSE

Die heutigen Lesungen sagen uns, dass der Weg, den wir aufnehmen müssen, nicht nur für unsere allgemeine Beziehung zur Wirklichkeit entscheidend ist, sondern auch für unsere Beziehung zu jener noch realeren Wirklichkeit, dem christlichen Ereignis, das Christus selbst ist. Denn wir können sogar vor der Erwählung durch das Geheimnis stehen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Die ganze Liturgie des heutigen Tages ist erfüllt von dieser Erwählung, von dieser Bevorzugung: „Der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat.“ (Jes 5,7) Woran erkennt man diese Erwählung? Daran, dass Gott ihn umgrub, die Steine entfernte und ihn bepflanzte mit den edelsten Reben. Und sogar mitten darin einen Turm baute und eine Kelter aushob (vgl. Jes 5,2). Er umhegte ihn mit jener einzigartigen Erwählung, und zwar nicht nur am Anfang. Er sandte immer wieder seine Knechte – die Propheten – und schließlich seinen eigenen Sohn, um ihn zu pflegen, wie uns das Evangelium erzählt. Aber die Winzer wollten nicht hören, sie wurden sich dieser Erwählung, dieser Gabe nicht bewusst (vgl. Mt 21,33-43). Und wenn wir uns der Gabe der Wirklichkeit nicht bewusst werden, die wir vom Geheimnis empfangen, dann sehen auch wir, dass das Unglück zunimmt. Denn was geschieht, nachdem der Herr zurückgewiesen wurde? „Dann wird [der Weinberg] zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. [...] Dornen und Disteln werden dort wuchern.“ (vgl. Jes 5,5-6) Das Leben wird zu einer Wüste, es wird flach, alles wird wieder öd und grau. Die Kirche führt diese beiden Gleichnisse aus dem Buch Jesaja und dem Evangelium in ihrer Liturgie an, um uns in Erinnerung zu rufen, dass wir selbst der Weinberg des Herrn sind. Der Herr hat die Kirche hervorgebracht, sie gepflegt, er hat sie durch das Blut seines Sohnes erkauft. Wir sind dieser geliebte Weinberg. Gott wird sein Volk nicht mehr verlassen und uns als Boten senden, als Zeugen, wie uns unser neuer Erzbischof [Kardinal Angelo Scola] vergangenen Sonntag in Erinnerung gerufen hat. Wir sollen uns des Weinbergs annehmen, damit er nicht zur Wüste wird. Aber oft weisen wir nicht nur die Propheten zurück, wie das Volk des Alten Bundes, sondern auch den Sohn. „Christus“, sagte Erzbischof Scola und zitierte dabei Giovanni Battista Montini, „ist ein Unbekannter, ein Vergessener, ein Abwesender für große Teile der heutigen Kultur“. Und dies führt dazu, dass die Menschen nicht mehr sehen, „welchen Vorteil er für ihr persönliches, alltägliches Leben und das ihrer Lieben“ hat. (Angelo Scola, Predigt bei der Feier zur Amtsübernahme in der Erzdiözese Mailand, 25. September 2011) Auch der Papst hat in Deutschland daran erinnert: „Wir stellen eine zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben fest“ (Benedikt XVI., Begegnung mit engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft, Freiburg, 25. September 2011). „Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens.“ (Benedikt XVI., Begegnung mit dem Rat des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Freiburg, 24. September 2011) Wir sehen, dass das Gleichnis damals wie heute stimmt: Auch wir weisen alle Botschafter zurück, oft sogar den Sohn. Die Konsequenzen erleben wir in uns und im gesellschaftlichen Leben: „Die weitverbreitete Aufgabe der christlichen Praxis“ hat unweigerlich „schwerwiegende Folgen für das persönliche und das gemeinschaftliche Leben der Kirche wie der Zivilgesellschaft“, wie Kardinal Scola betonte. Doch der Herr schickt uns weiterhin Zeugen und Botschafter: vom Papst bis zu unserem neuen Erzbischof, und unzählige Menschen unter uns, die sich verändert haben. Durch sie beruft Christus uns immer wieder, um uns an sich zu ziehen. Damit sein Weinberg nicht zu einer Wüste wird, sondern Frucht bringt. Denn wie der Papst sagt: „Die Erneuerung der Kirche kann letztlich nur durch die Bereitschaft zur Umkehr und durch einen erneuerten Glauben kommen.“ (Benedikt XVI., Predigt, Eucharistiefeier, Freiburg, 25. September 2011). Umkehr bedeutet nichts anderes, als auf den Eckstein zu bauen, den die anderen verworfen haben und den auch wir allzu oft verwerfen. Das heißt, auf den Herrn zu bauen, denn, wie der Papst betont hat: „Er ist uns nahe, und schlägt sein Herz für uns, wendet er sich uns zu. […] Er wartet auf unser Ja und bettelt gleichsam darum.“ (ebd.) Unser Leben spielt sich heute angesichts dieses Bettelns Christi um unser Ja ab. „Um sich den Menschen mitzuteilen, braucht Christus Menschen“, wie Erzbischof Scola sagte. Gott braucht uns, wir sind dazu berufen, an seiner Mission teilzunehmen und zu bezeugen, dass er selbst der einzige Stein ist, auf den man wirklich bauen kann.

PK\Y?阣~~toc.ncx Das Wirkliche stets intensiv leben DAS WIRKLICHE STETS INTENSIV LEBEN 1. „DIE VORHANDENEN DINGE ALS GEGENWART IN DEN BLICK NEHMEN“ 2. DAS STAUNEN VOR DER „GEGENWART“ 3. DAS ABHÄNGIGE ICH SCHLUSS PREDIGT VON JULIÁN CARRÓN BEI DER HEILIGEN MESSE PK\Y?oa,mimetypePK\Y? :META-INF/PK\Y?taMETA-INF/container.xmlPK\Y?iͥ content.opfPK\Y?9++giaOttobre2011_ted.htmPK\Y?阣~~ toc.ncxPKc