Eine
Einführung von Luigi Giussani in sein Buch
Das Wagnis der Erziehung |
I. Eine Frage der Methode
1. In Italien Ende der fünfziger Jahre: das Entstehen einer Erkenntnis
In einer Situation, die scheinbar optimal war für die Vermittlung eines theoretischen
und ethischen katholischen Inhalts – funktionierende Pfarreien, die Glaubensunterricht
„für alle Altersgruppen“ anboten; Religion als Pflichtfach in allen Schulordnungen
bis zum Gymnasium; eine Tradition, die wenigstens in formaler Hinsicht wohlbewahrt
in den Familien weitergegeben wurde; eine gewisse Scheu, der man noch nicht
abgeschworen hatte, gegenüber undifferenzierter Kritik und antireligiöser
Information; eine gute Zahl an Gottesdienstbesuchern – lieferte ein erster
Kontakt mit Gymnasiasten drei wesentliche Faktoren, die dem interessierten
Beobachter auffielen.
Da war zunächst die Tatsache, dass der Glaube letztlich unbegründet war. Anschaulich
ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich in den Sermones des heiligen
Augustinus, der im Symbol des Lesens im positiven Sinne die Sicherheit eines
begründeten Glaubens aufzeigt: „Wer die Buchstaben in einem Buch betrachtet,
aber das nicht kennt, was diese Buchstaben bedeuten, das, worauf sie verweisen,
der lobt mit den Augen, versteht aber nicht mit dem Geist. Ein anderer hingegen
lobt das Kunstwerk und versteht seinen Sinn, das heißt dieser ist nicht nur
imstande zu sehen, so wie das jeder kann, sondern er kann auch lesen. Und
das kann nur derjenige, der es gelernt hat ...“
Als zweites eine dann nicht überraschende Einflusslosigkeit des Glaubens
auf das soziale Verhalten im allgemeinen und insbesondere auf das in der Schule.
Schließlich ein Klima, das entschieden Skepsis verbreitete und dadurch den
Angriffen bestimmter Lehrer gegen die Religion freie Bahn ließ. Wenn ein solches
Verhalten auftrat, erhielt es leicht eine gewisse aufmerksame Wertschätzung
und förderte ein schon vorhandenes grundsätzliches Desinteresse, dessen ersten
praktischen Widerschein man in einem Verlust an ethischen Werten ausmachen
konnte.
In einer solchen Situation drängte sich unweigerlich ein Entweder-Oder auf:
Entweder musste man das Christentum als etwas betrachten, das mittlerweile
alle Kraft verloren hatte, zu überzeugen und das Leben eines Schülers zu bestimmen,
oder aber man musste schlussfolgern, dass das christliche Faktum nicht auf
eine dem Schüler angemessene Art und Weise vorgestellt, das heißt angeboten
wurde.
Die erste Möglichkeit anzunehmen hätte offensichtlich bedeutet, das geschichtliche
Urteil von Gramsci als selbstverständlich hinzunehmen. Aber die Klarheit und
der Eifer eines gelebten christlichen Glaubens konnten ebenso offensichtlich
dem Vorschlag eines solchen kulturellen Standpunktes nicht nachgeben.
Eine Mitteilung und eine Entwicklung des traditionellen Inhalts war folglich
vor allem an die Frage der Methode gebunden.
Diese Erkenntnis hatte zwei Kernpunkte. Der erste war theoretischer Natur:
Die Inhalte des Glaubens müssen vom Verstand angenommen werden, müssen also
vorgestellt werben in ihrer Fähigkeit, die wahren menschlichen Werte zu entwickeln,
zu erhellen und hervorzuheben.
Den zweite Kernpunkt kann man ausdrücken, indem man sagt, dass dieser Vorschlag
im Handeln überprüft werden muss; das heißt die verstandesmäßige Einsicht
kann nur dann zur Überzeugung werden, wenn man erfährt, wie ein menschliches
Bedürfnis innerhalb einer Teilhabe am christlichen Faktum angegangen wird;
und diese Teilhabe ist ein Einbezogensein in die christliche Wirklichkeit als
eine im wesentlichen soziale und gemeinschaftliche Tatsache.
Der Versuch des Wagnisses
Mit einer solchen Methode geht man offenbar ein Wagnis ein, indem man auf
der Vernünftigkeit der Idee des Glaubens besteht: sie kann nicht den Anspruch
erheben, eine mathematische oder jedenfalls unumstößliche Darlegung zu sein.
Und man wagt etwas, wenn man sagt, dass eine Überzeugung nur aus der Erfahrung
kommen kann: Es geht nämlich nicht darum, ein „feeling“ zu erwecken, ein frommes
Gefühl hervorzurufen, sondern um einen Einsatz, der sich nicht entziehen kann;
man ist also dem Treibsand einer Freiheit ausgeliefert. Ich erinnere mich
an eine bedeutsame Äußerung von Hans Urs von Balthasar: „... er sieht ein,
dass er, um einzusehen, die Wahrheit auf lebendige Weise verwirklichen muss.
Auf diese Weise wird er zum „Schüler“. Er setzt sich ein, vertraut sich dem
„Weg“ an.“
Andererseits würden der Erzieher und der zu Erziehende, wenn sie nicht den
Versuch des Wagnisses in Angriff nehmen, von einer Einbildung ausgehen: von
einem Geheimnis, das sich auf sichtbare Gewissheit zurückführen ließe, und
von einer Freiheit als mechanischer Reaktion auf den jeweils gegebenen Reiz.
2. Ein gemeinsamer Weg von Erzieher und zu Erziehendem
Der erste Schritt
Die erste Weise, sich zu bewegen, besteht darin, gemeinsam bewegt zu sein
angesichts der Präsenz, die sich offenbart hat, angesichts des Wortes Gottes.
Gott ist unsere endgültige Grundbestimmung im umfassenden Sinne des Wortes,
also nicht allein auf das Ende bezogen, sondern auf das, was uns dazu bestimmt.
Im Buch Genesis heißt es: „Dann sprach Gott: Lasst uns den Menschen machen
als unser Abbild, uns ähnlich“ (Gen. l, 26).
Genau das ist es, was der Mensch nicht annimmt. Das ganze religiöse Problem
beruht hierin, das ganze Problem der Würde des Lebens besteht ebenso ausschließlich
darin wie das Problem der Wahrheit und der Lüge im Leben.
Häufig neigt man dazu, die Auffassung von sich selbst darauf zu beziehen,
dass man bestimmten Gesetzen Folge leistet beziehungsweise ihnen nicht entspricht;
und von hier aus bestimmt sich das eigene Selbstverständnis. Gemäß der christlichen
Tradition erweist sich jedoch hierin gerade die Struktur der Sünde: in der
Gleichsetzung der eigenen Endgültigkeit mit einem Idol, das heißt mit einer
Form, mit etwas, was beherrschbar, vollkommen verständlich und in einer Weise
konstruiert ist, die uns Sicherheit verleiht. Deshalb ist der Moralismus auch
eine Idolatrie: er ist in Wirklichkeit ein Betrug des moralischen Lebens,
das dieses mit der Suche nach Gewissheit in dem, was man macht beziehungsweise
nicht macht, identifiziert.
Zu sagen, dass die Endgültigkeit des Menschen Gott ist, bedeutet dem gegenüber,
dass die Definition des Menschen und seiner Bestimmung ein Geheimnis ist.
Es bedeutet, dass zum gewohnten Horizont der Existenz das wird, was jene eindrucksvolle
Anregung der Bibel zum Inhalt hat:
Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen,
der Frevler seine Pläne.
Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm,
und zu unserem Gott, denn er ist groß im Verzeihen.
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine
Wege – Spruch des Herrn.
So hoch der Himmel über der Erde ist,
so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege,
und meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jesaja 55, 7-9).
Wir Menschen hingegen versuchen zu fliehen, sei es vor der Betrachtung des
Faktums, dass unsere Endgültigkeit das Geheimnis Gottes ist, sei es vor der
Evidenz unserer Sünde. Es bedarf einer Hilfe, um diese Betrachtung und diese
Evidenz aufzunehmen, es bedarf einer Unterstützung, um diese Flucht Schritt
für Schritt zu vermeiden.
Die Anerkennung des Geheimnisses: Wurzel einer moralischen Spannung
Das Wort Geheimnis bezeichnet etwas, was für uns unermesslich ist; dies meint
nicht, dass es „verschieden“ ist, denn hinsichtlich vieler Aspekte des Geheimnisses
ist uns, die wir nach Seinem Bild geschaffen wurden, ein Abglanz und ein Widerhall
zueigen. Aber auch in diesen Dingen sind die Art und Weise, das entscheidende
Maß und das letzte Kriterium, mittels dessen sie sich verwirklichen, nicht
unsere. Um anzuhängen, sind wir immer dazu aufgerufen, aus uns herauszugehen,
jenen Blickpunkt zu überschreiten, mit dem wir gewöhnlich die Dinge wahrnehmen.
Selbst wenn wir versuchen, den Dingen gemäß der Vorstellung anzuhängen, die
unsere Intention so rein und getreu wie möglich sucht, so verwirklicht sich
dieses Anhängen stets mit einem Abstand sich selbst gegenüber, denn wir können
nicht beanspruchen, dass wir durch das, was wir tun, gerecht sind. Unser Wirken
bedarf auch hier Seiner Barmherzigkeit, um eine Hoffnung und eine Gewissheit
der Erlösung zu haben.
Die Moralität ist eine Spannung. Wenn es auf das „Erfüllen“ ankäme, so gäbe
es keine Spannung. Was wir tun müssen, versuchen wir gewiss auch zu tun. Aber
zu sagen, dass Moralität eine Spannung ist, bedeutet, auf eine Position hinzuweisen,
die stets etwas anderem zugewandt ist, die zu Änderungen bereit ist, um noch
umfassender in eine Wirklichkeit einzudringen, die größer ist als wir, die
„so hoch wie der Himmel über der Erde ist“. Wir können uns nicht mit dem zufrieden
geben, was wir tun, wie es auch von Jesus im Evangelium heißt: „Wenn ihr alles
getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnutze Sklaven“
(Lk 17, 10). Wir können uns einzig und allein darin zufrieden stellen, Ihn
zu bejahen, nach Ihm zu streben. Deshalb sind wir völlig arm, denn angesichts
des Geheimnisses Gottes ist der Mensch nichts, sein Bestand ist, sich in Beziehung
zu setzen, Ihm Augenblick für Augenblick zu folgen. Wir können nicht bestimmen,
was Gott von uns im kommenden Augenblick will. Denn wie das zitierte Jesaja-Wort
sagt, sind seine Wege nicht unsere Wege und seine Gedanken nicht unsere.
Allein im Geheimnis ruht unsere Sicherheit
Folglich dreht sich die ganze Religiosität des Menschen um die Anerkennung,
dass die umfassende und einzige Bedeutung des Lebens das Geheimnis Gottes ist.
Deshalb überschreitet uns der Sinn unseres Lebens, er bleibt uns rätselhaft:
die Religiosität des Menschen dreht sich um die Tatsache, dass unsere Sicherheit,
der Wert, das, „wofür es sich lohnt“, das Geheimnis ist. Und sie besteht in
nichts anderem, nicht einmal in der Beachtung moralischer Regeln, denn der
Wert ist das Geheimnis, an dem wir teilhaben, indem wir auf die christliche
Berufung antworten. Wir dürfen uns auch nicht bei den Instrumenten oder Strukturen,
in denen unsere Antwort Gestalt annimmt, aufhalten, indem wir in sie unsere
Sicherheit und unser Vertrauen setzen: die Sicherheit ist ausschließlich die
Tatsache, Ihm zu folgen, denn unser Leben hat in ihm Bestand.
Wir neigen dazu, selbst Christus mit einer geistigen, phantasievollen und
in letzter Analyse sentimentalen Vorstellung zu identifizieren, während Christus
jener Mensch ist, der Geheimnis ist. Dieses Geheimnis bleibt weder entfernt,
noch ist es in den Himmel verbannt, es begegnet uns vielmehr im geringsten
Detail unseres Alltags: im Essen, im Trinken, im Ruhen, in unliebsamen Zwischenfällen.
Das Geheimnis lässt sich ein in die Beziehungen mit den Leuten; es begegnet
uns von Angesicht zu Angesicht in jenem präzisen Moment, in dem es uns gefallen
würde, etwas zu tun, während wir etwas anderes tun sollten; es ruft uns an
und fordert uns heraus in den Dingen, die uns am meisten am Herzen liegen,
in den für uns wichtigsten Interessen. Gerade in solch einer Herausforderung
werden wir erneut daran erinnert: „Meine Wege sind nicht eure Wege“.
Das Geheimnis bietet sich uns, die wir ständig in der Verehrung unserer Gewissheiten
leben, fortgesetzt und unaufhörlich bis zum Sterben an. Im Johannesevangelium
heißt es: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen
seine Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13, l). Es bedarf des Wagnisses, den
Anruf und die Herausforderung anzunehmen, die von dieser Definition von uns
ausgeht, von diesem Geheimnis, das uns drängt, uns als von Ihm geschaffen
anzuerkennen. Diesen Weg gemeinsam zu beschreiten sind Erzieher wie zu Erziehende
aufgerufen, und im gemeinsamen Durchgang, der vom entscheidenden Ziel der Bestimmung
vorgegeben ist, lernt man auch den Weg kennen.
3. Die Bewegung als Folge einer Methode
„Er erwies ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“, sagten wir. Dass Er gestorben
ist, bedeutet, dass angesichts eines jeden Lebensumstandes, der uns berührt,
wie auch in jedem Aspekt unseres Verhaltens, Er darin zugegen ist und sich
nicht zurückzieht. Er ist das Erbarmen und die Barmherzigkeit, der am Ende
der Sieg über uns zuteil wird. Der Wahrheit unseres Lebens auf den Grund zu
gehen, beruht deshalb in dieser grenzenlosen Barmherzigkeit und im Erbarmen.
Wenn es für den Menschen die Möglichkeit einer Umkehr gibt, so liegt sie in
der Präsenz dieses • grenzenlosen Erbarmens und dieser Barmherzigkeit in der
Welt.
Unserer Mentalität ist es unmöglich, sich bewusst zu werden, was es wahrhaft
bedeutet zu sagen: „Meine Rettung ist Christus“, ebenso wie es „von Natur aus“
unmöglich ist zu verstehen, dass die eigene Definition ein Anderer ist. Noch
unbegreiflicher ist
es, dass die eigene Umkehr und das eigene Wahrwerden um der Barmherzigkeit
und des Erbarmens eines anderen willen erfolgt. Es ist weder wahrscheinlich
noch selbstverständlich, dass man in einer Gesellschaft wie der unsrigen unterstützt
wird, diese Dinge zu verstehen, denn sie sind nicht rational im naturalistischen
Sinne des Wortes: sie sind der höchste Gipfel der Vernunft, das heißt sie
sind Teilhabe des Bewusstseins des Geschöpfes am Bewusstsein Gottes.
Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Methode einer Bewegung, wie sie
aus den zu Beginn erwähnten Intuitionen und Bemerkungen hervorgegangen ist,
in der Suche und im Aufbau von Lebensbedingungen besteht, die den Weg eines
solchen Verständnisses vereinfachen.
II. Persönliche und gemeinschaftliche Dimension
l. Historische Unvermeidbarkeit der Fleischwerdung eines Wertes
Ebenso wie der Mensch seine Gewissheit nicht in einer Form verankern kann,
in der für ihn das Geheimnis Fleisch wird, ebenso wahr ist auch, dass jeder
Wert, der nicht mindestens tendenziell danach strebt, eine Form anzunehmen,
im Laufe der Zeit unabwendbar verschwinden wird.
Deshalb kommt der Form die ganze Bedeutung des Wertes zu, denn sie bewahrt
seine ganze Würde; daraus folgt, dass für einen Christen es nicht einmal ein
minimales Missverhältnis zwischen der Form in einer banalen Äußerung – etwa
in der bescheidensten und offensichtlich geringfügigsten der Tätigkeiten –
und der Liebe zu Christus geben kann. Unsere Bestimmung spielt sich nämlich
im Augenblick und in dem Ort ab, in dem man gerade lebt: jetzt und hier. Wenn
sich die Beziehung zu unserer Bestimmung nicht in einer abstrakten Bejahung
oder einer sentimentalen Regung erschöpfen soll, so muss sie eine Beziehung
mit einem Ort sein, der selbst der Weg zur Bestimmung hin, zu Christus werden
soll.
Dieser Ort ist in einem weiten Sinne die Kirche Gottes. Aber fragen wir uns,
woraus besteht die Kirche Gottes? Aus Menschen, die zusammengerufen wurden.
Der heilige Thomas sagte: „Ecciesia est quaedam congregatio“, das heißt „die
Kirche ist eine Zusammenkunft“, eine Versammlung, worauf bereits die ursprüngliche
Bedeutung des Wortes „ecclesia“ verweist. Eine Versammlung: aus unserem Sein
bestehend, insofern das Geheimnis Christus gegenwärtig ist, und unser Sein
erziehend, um uns immer mehr mit jenem Geheimnis zu identifizieren. Folglich
ist jener Ort aus Menschen gemacht, die in gleicher Weise wie wir berufen
sind.
Die Leute leben nun in einem Raum, wie jeder Lebende in einer bestimmten
Zeit lebt, und Raum und Zeit nennen sich Ort, Bereich. Die Beziehung zu Christus
vollzieht sich durch Menschen, die zusammen Beziehungen gestalten und die
folglich all das benötigen, was man für das Leben braucht: Zimmer, Stühle,
Fenster, Töpfe, Suppen, Betten zum Schlafen etc. Eben deshalb kann sich das
Leben der Kirche Gottes nicht darin erschöpfen, in die Messe zu gehen, wenn
man es für nötig hält (und folglich erschöpft es sich auch nicht in etwas Abstraktem)!
Ein Ort, der zu errichten ist
Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass jener Ort – aus Personen und Dingen
gemacht – ins Leben gerufen werden muss: bevor man in einem Haus lebt, muss
man es erst erbaut haben, bevor man eine Speise verzehrt, muss man sie erst
zubereitet haben. Allein die Fraternität, die wechselseitige Zuneigung, kann
die Grundmauern jenes Ortes legen, der es uns ermöglicht, das Geheimnis und
die Kirche Gottes zu leben. Wie jedoch will man eine Brüderlichkeit mit Menschen
leben, die man sich letztlich nicht ausgesucht hat?
2. Eine persönliche Frage
Das ist eine absolut persönliche Frage. Wenn jemand seine Natur betrachtet
und als Bild des Geheimnisses lebt, das ihn geschaffen hat, als Teilhabe an
jenem Geheimnis; wenn einer versteht, dass jenes Geheimnis Erbarmen und Barmherzigkeit
ist, dann wird er versuchen, Erbarmen, Barmherzigkeit und Gemeinschaft als
Bestandteil seiner Natur zu leben, welche Mühe das auch immer nach sich führt.
Ohne diese persönliche Dimension kann keine Zugehörigkeit zu einem Ort bestehen,
wo Menschen zusammengerufen worden sind.
Sich selbst bjahen, indem man den Wert des anderen anerkennt
Das Erbarmen, dessen Objekt man selbst derart geworden ist, dass es einen
bestimmt, muss zum Subjekt werden: ich spreche vom Erbarmen und der Zuneigung,
die das Geheimnis Gottes einem jeden entgegenbringt. Man ist so sehr Objekt
dieser Zuneigung, dass man von ihr gemacht, geschaffen, gerettet ist und
im Leben bewahrt wird. Aus dieser Zuneigung gemacht, muss sie unser Subjekt
werden: man kann nicht ohne diese Barmherzigkeit handeln, wenn anders man
seine eigene Natur in ihrer wesentlichen Hinsicht leugnet.
Indem man innerhalb der Barmherzigkeit handelt, anerkennt man den Wert des
anderen: Wenn es unter Millionen von dunklen Punkten nur einen einzigen leuchtenden
gäbe, so wertet man diesen Punkt auf. Nicht weil es ein leuchtender Punkt ist,
sondern insofern er der Spion (das Guckloch) für das Geheimnis ist, das der
andere in sich trägt. Dies ist die Liebe: dass die eigene Erfüllung, die eigene
Verwirklichung zusammenfällt mit der Bejahung des anderen.
Eine persönliche Arbeit,„aufgehängt“ an Gott
Gerade die Arbeit, in sich diese „ persönliche Dimension reifen zu lassen,
führt zum Aufbau der Umgrenzung des Bereiches, der für uns das Geheimnis aufnimmt
und durch den das Geheimnis uns erreicht. Aber es ist eine persönliche Arbeit,
die man nur in einer Haltung ausüben kann, welche ich an Gott „aufgehängt“
nennen würde.
In der Bibel wird eine außergewöhnliche Begebenheit erzählt, die dieses Selbstverständnis
des „Aufgehängt-Seins“ an Gott, am Anderen veranschaulicht. Es ist die Erzählung
aus dem Buch Exodus vom Brot, das der Herr seinem Volk in der Wüste sendet
und von dem das Volk Seiner Weisung zufolge nichts übrig lassen durfte, weil
andernfalls diese Nahrung der Vorsehung nicht mehr essbar wäre.
Wenn wir wahrhaft anerkennen, dass das Geheimnis, Urheber aller Dinge, einer
unter uns geworden ist und in der Geschichte in einer für unsere Mentalität
so paradoxen Weise bleibt, so müssen wir auch immer dazu bereit sein, dass
seine Formen nicht die unseren sind. Und so werden wir auch entdecken, dass
sich unsere Formen nur innerhalb Seiner Formen bewahren; ansonsten verderben
sie wie das Brot in der Wüste, sobald es nicht im Gehorsam zu sich genommen,
sondern nach eigenem Kriterium bewahrt wurde. Ähnlich wie der Israelit, der
das Brot für den nächsten Tag aufhob, nicht wirklich die Zugehörigkeit zu jenem
Ort lebte, das sein Volk war, denn er vergaß, dass Israel sich von dem Faktum
her bestimmte, dass sein eigenes Leben „aufgehängt“ war am Geheimnis, das die
Wahrheit in der Welt ist; ähnlich werden auch wir ohne eine persönliche Erziehung,
die uns immer mehr an das erbarmungsvolle Geheimnis angleicht, das uns geschaffen
und erlöst hat, und ohne eine persönliche Dimension, die das eigene Vertrauen
in das alleinige Geheimnis setzt, weder etwas hervorbringen noch irgendeiner
Wirklichkeit zugehören, die bezeugt sein will.
3. Eine Frage der Gemeinschaft
Es geht aber auch um eine Frage der Gemeinschaft, also um ein gemeinschaftliches
Problem, wie es übrigens auch aus dem hervorgeht, was ich bisher betont habe.
Für einen Christen besteht der Wert seiner Person im Aufbau des Leibes Christi,
im Geheimnis Christi, der in Seiner Kirche gegenwärtig ist. Deshalb verwirklicht
einer, der Seine Kirche verwirklicht, seinen eigenen Wert.
Man gewährt den anderen in sich selbst „Gastfreundschaft“: Gastfreundschaft
bedeutet, so zu handeln, dass ein anderer Teil des eigenen Lebens ist. Und
man beachte gut, dass die Gastfreundschaft nach der Hingabe des eigenen Lebens
das höchste Opfer ist. Deshalb tun wir uns auch schwer damit, einen anderen
wahrhaft aufzunehmen, wir wissen dies nicht einmal uns selbst gegenüber zu
tun. Die anderen Teil des eigenen Lebens werden zu lassen, ist die wahre Nachahmung
Christi, der uns derart in sich aufgenommen hat, dass er uns zu Gliedern Seines
Leibes hat werden lassen. Das Geheimnis des Leibes Christi ist das Geheimnis
der Gastfreundschaft, welche sein Leben unserem Leben gewährt.
Ursprung eines Bruchstücksneuen Menschseins
Innerhalb dieser Möglichkeit, in sich die anderen aufzunehmen, die Christus
uns gibt (denn Christus eint uns: „Congregavit nos in unum Christi amor“,
was bedeutet: Die Liebe Christi hat uns in einem zusammengeführt), wird auch
ein „Stück“ eines anderen Menschseins sichtbar. Hier beginnt der Mensch endlich
ganz zu atmen. Dieser Beginn einer anderen Erde ist ein Teil des Leibes Christi.
Die ganze Leidenschaft des Lebens ist dafür, dass dieses Stück der Erde sich
ausbreitet; dies gilt für alles, was man auch immer tut: gleich ob man einen
Nagel in die Wand einschlägt oder eine besonders große Verantwortung trägt.
4. Bedingungen einer Konstruktivität
Gewiss dürfen wir nicht die Bedingung dieser doppelten, nämlich der persönlichen
und gemeinschaftlichen Frage und Dimension verschweigen, die man sich auf einem
erzieherischen Weg aneignen muss. Wir dürfen nicht die Mühe und die Aufopferung
seiner selbst verschweigen, die die positive Ausrichtung auf einen solchen
Erwerb vom Individuum verlangt.
Andererseits ist die Aufopferung seiner selbst für Christus der Inhalt des
ausdrucksmächtigsten Gestus, den man als Christ vollbringen kann: die Messe.
Die Eucharistie ist ein Gestus Christi, sie ist aber auch „mein“ Gestus, der
sich mit dem Gestus Christi identifiziert; und Christus selbst identifiziert
sich mit „meinem“ Gestus. „Mein“: Die Gabenbereitung ist „mein“ Gestus, die
Wandlung ist „mein“ Gestus, die Kommunion vollzieht und vollbringt „meinen“
Gestus. Das Opfer seiner selbst fällt zusammen mit dem Anerbieten seiner selbst,
wie sie in der Anerkennung enthalten ist. dass Christus sein alles ist. Das
Opfer seiner selbst beruht darin, ihn anzunehmen und in dem Suchen, sich gemäß dieses
Bewusstseins zu verhalten, einem Bewusstsein, das neu geschaffen und erzogen
wird von diesem Stück der neuen Welt, von der wir vorher gesprochen haben.
„Demütig unterwegsein mit deinem Gott“
Wenn jemand seine Wegbegleitung zur Bestimmung hin nicht als ein kleines
Stück dieses neuen Menschseins wahrnimmt, als eine Wegbegleitung, die anfänglich
das Zeichen des Geheimnisses ist und die offenbart, dass Christus die Substanz
von allem ist, wenn man also nicht jedes Ding, mit dem man täglich zu tun hat,
auf diese Weise wahrnimmt, wie kann man dann „aufgehängt“ am Geheimnis leben,
es folglich bezeugen und ihm Ehre zuteil werden lassen? Wie könnte man zu
jenem höchsten Künstler werden, jenem, der in der Welt das Antlitz Christi
erbeben lässt und der das, was man berührt, in der Art und Weise, wie man es
berührt, zum Zeichen Seiner geheimnisvollen Gegenwart werden lässt? Erinnern
wir uns an die Worte des Propheten Micha in der Bibel: „Es ist dir gesagt worden,
Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies:
Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott“
(Micha 6, 8). Dies ist die Umwandlung, die höchste Kunst, die die Heiligkeit
darstellt! Die Heiligkeit besteht darin, die Menschen und die Dinge zu umarmen,
indem man sie einbezieht in einen Schrei, der ausruft, dass die Substanz
von allem Christus ist, der danach ruft, dass jene Umarmung Seine, und nicht
die unsere sei.
III. Die Rolle von Zeit und Umständen bei der Anwendung einer Methode
l. Gestern und heute: die Erziehung geht das Risiko der Freiheit ein
In der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit Italiens – und vielleicht
auch anderer europäischer Länder – wurde in den fünfziger und sechziger Jahren
eine existenzielle Befähigung der Jugendlichen teils behindert, teils gefördert,
und zwar die Befähigung, das Risiko auf sich zu nehmen, die eigene Freiheit
zu verwirklichen.
Mir scheint, dass in jener Zeit die Jungendlichen im Gebrauch ihrer Vernunft,
die unter dem Aspekt der Freude an der Kritik angeregt wurde, gefördert worden
sind. Auf der anderen Seite mangelte es an einer spürbaren Gemeinschaftlichkeit,
die eine Unterstützung für ein derartiges Bedürfnis nach Kritik ist und ein
Umfeld darstellt, in dem die Kritik überprüft wird: Die verbreitete Tendenz,
sich zu Vereinigungen zusammenzuschließen, beinhaltete keinen Vorschlag einer
Wegbegleitung – einer Wegbegleitung, die sich bewusst gewesen wäre, dass sie
für den spielerisch gelebten Erkenntnisvorgang unglaublich nützlich ist.
Man tat sich zusammen lediglich im Sinne eines Sammelbeckens und einer Verbindung,
um einem Gegenstand des Interesses eine gewisse Dauerhaftigkeit zu verleihen.
Im Zusammenhang der heutigen Zeit scheinen die Verhältnisse genau umgekehrt
zu sein. Zwar gibt es im Allgemeinen unter den Jugendlichen eine größere Geneigtheit
zum Gebrauch der Vernunft; der Geschmack am rationalen Forschen und an der
intellektuellen Neugier fehlt hingegen oder er ist zu schwach, als dass er
wirksam werden könnte. Auf der anderen Seite nehmen die Jugendlichen den Wert
der Weggemeinschaft als auch für die Erkenntnis bestimmendes Element immer
greifbarer wahr. Sie haben aber noch nicht erfasst, dass der gemeinschaftliche
Faktor wesentlicher Bestandteil der Erkenntnis des Subjektes selbst ist.
Eine Beständigkeit des Hinweises
In der vorliegenden Textsammlung mit dem Titel Das Wagnis der Erziehung wird
die Wichtigkeit der erzieherischen Rolle unterstrichen; sie wird als „Funktion
der Kohärenz“ (vgl. Luigi Giussani, Das Wagnis der Erziehung, St. Ottilien,
1996, S. 47) bezeichnet. Dieser Bezeichnung gesellen sich andere zu, die in
Verbindung mit dieser Funktion an die fortwährende Ausrichtung der Aufmerksamkeit
(„Beständigkeit des Hinweises“, ebd.) und an „ein dauerhaftes Kriterium zur
Beurteilung der gesamten Wirklichkeit“ gemahnen, das eine „feste Wahrung der
immer neuen Verbindung zwischen den wechselhaften Haltungen des Jugendlichen
und dem letzten, allumfassenden Sinn der Wirklichkeit“ (ebd.) garantiert.
Es ist noch heute offensichtlich, dass allein eine Beständigkeit des Hinweises
die Möglichkeit eröffnet, eine beständige und somit fruchtbare Form der Erziehung
aufzubauen. Mir scheint es aber notwendig zu sein, zusätzlich anzumerken, dass
es sich hierbei nicht so sehr um die ethisch-praktische Übereinstimmung des
Erziehers handelt. Es geht vielmehr um eine logische Übereinstimmung; besser
könnte man sagen: um eine ideale Übereinstimmung im Erzieher selbst, aufgrund
derer die prinzipiellen Hinweise sich als tauglich zeigen, Bezugspunkt für
den gesamten Ablauf des Lebens zu werden. Wenn der Erzieher auf ein theoretisches
Prinzip hinweist, es aber unterlässt, dieses Prinzip als Kriterium für die
Beurteilung einzelner Lebensumstände anzuwenden, dann kann auch seine eventuelle
moralische Kohärenz von einem Jugendlichen kaum als Erweis der Möglichkeit
erkannt werden, dass dieses Prinzip wirklich angewendet werden kann. Es fehlt
dann die Überprüfung seiner Gültigkeit in der Wirklichkeit. Gerade eine Logik,
die zum Ausdruck kommt, beeindruckt das Bewusstsein des Jugendlichen und ermöglicht,
dass Ideale seine Ratio prägen.
Die „Erziehbarkeit“: eine Fortführung der Jugend
Vor kurzem wurde mir in einer Diskussion die Frage gestellt: „Wie kann man
jung bleiben?“ Die Antwort steht in Zusammenhang mit dem, was ich in dem Buch
„Das Wagnis der Erziehung“ ein Leben genannt habe, „das, je mehr es fortschreitet,
weiterhin zunimmt an Jugend, an „Erziehbarkeit“, an „Staunen“, und an innerer
Bewegung angesichts der Dinge“ (ebd., S. 68). In diesem Abschnitt sprach ich über
die Zeit der Reife, in der der Erzieher und der Erzogene die selbe Erfahrung
der Welt leben und „Seite an Seite zusammenarbeiten für eine Bestimmung, die
alle vereinigt“ (ebd., S. 68). Wenn ich aufgefordert werde, zu beschreiben,
was die Fortdauer der Jugend ist, dann kommen mir noch heute dieselben Elemente
in den Sinn.
Die Jugend ist gekennzeichnet durch das Gefühl, dass es ein Ziel gibt. Auch
wenn man es nur verschwommen wahrnimmt, so wird es doch wenigstens als die
glückliche Zukunft dessen, was man soeben lebt, erahnt. Genau dieses Bewusstsein
beseitigt die Starrheit, die ansonsten die Anpassungsfähigkeit, die Flexibilität
und eine gewisse Frische im Gebrauch der eigenen Formen unmöglich macht.
Um genauer zu sein: die Spur des Sinnes für das Geheimnis, das den Horizont
und die Perspektive des Lebens beherrscht, ohne sie zu begrenzen, dieses Geheimnis,
das eine Verfügbarkeit – sozusagen der eigenen Gliedmaße – hervorbringt, sich
an neue Bewegungsräume anzupassen, und das Staunen, das stets dem Sinn für
das Geheimnis innewohnt, lassen einen unerschöpflichen Quell der Zuneigung
hervorbrechen. Es ist eine Zuneigung, die im Stande ist, alle Energien gemäß einem
Gefühl, das man aus der frühen Jugendzeit gut kennt, in Bewegung zu setzen.
Der Unterschied besteht darin, dass eine derartige Beeindruckbarkeit im Laufe
des Lebens eine Dichte und Deutlichkeit erlangt, die zuvor unvorstellbar waren.
Diese neue Qualität enthüllt der Persönlichkeit die Würde der Anziehungskraft,
die zwischen ihr und dem Geheimnis erfahrbar wird und die die Persönlichkeit
wesentlich kennzeichnet. Dies setzt natürlich voraus, dass das Gedächtnis
dieses letzten Sinnes des Geheimnisses normale Übung – oder Askese – wird:
dies ist die angemessene Perspektive, innerhalb der das würdige Ziel des Lebens
seinen Platz findet.
2. Eine Methode, die für einige der Beginn einer Geschichte ist
Das, was ich vor zwanzig Jahren über die grundlegenden Leitlinien einer erzieherischen
Methode für Jugendliche zwischen vierzehn und zwanzig, die damals meine unmittelbaren
Gesprächspartner waren, geschrieben habe, könnte ich heute für die selben
Personen wiederholen. Viele von ihnen sind immer noch meine unmittelbaren
Gesprächspartner. Sie sind jetzt vollends reife Persönlichkeiten.
Dieser Umstand macht mich darauf aufmerksam, dass es mir angesichts der
dargelegten methodischen Grundzüge schwer fiele, zu unterscheiden, was sich
spezifisch auf Heranwachsende und Jugendliche bezieht und was dauerhafter
Ausgangspunkt einer Arbeit sein müsste, die das ganze Leben durchzieht. Ich
bin versucht, zu behaupten, dass zwischen beidem kein Unterschied besteht
– es sei denn im Maß der Geduld, derer es angesichts der unreifen und zerbrechlicheren
Antwort Jugendlicher beziehungsweise angesichts der demütigen Würde der Antwort
Erwachsener bedarf. Ohne Zweifel hat in der Jugend das Charisma die größere
Bedeutung, im Erwachsenenalter sind es hingegen bereits eine Geschichte und
eine Tradition.
Zum Abschied ein Wunsch und ein Vorschlag
Am Ende eines Vortrages habe ich mich kürzlich an das – überwiegend jugendliche
– Publikum gewandt: „Ich wünsche euch, dass ihr niemals ruhig sein möget“.
Am Ende dieser einleitenden Anmerkungen möchte ich für die Leser diesen Wunsch
wiederholen und kurz seinen Sinn erläutern.
Es wäre in der Tat der Tod des Geistes, wenn die Provokation, die das Ideal
aufgrund seiner Natur und Aufgabe für den je gegenwärtigen Augenblick eines
Individuums ausübt, an Kraft einbüßen würde. Diese Provokation ist wesentlicher
Inhalt jener Unruhe, die den Menschen drängt, in das Unbekannte hinein vorzustoßen.
Man kann demzufolge sagen, dass dieses Unbekannte der faszinierendste Aspekt
der Großen Gegenwart ist.
Das provozierend Unbekannte bleibt ein solches auch dann, wenn der Mensch,
der begnadet ist, wagt, es mit einem „du“ anzusprechen.
Diese Seiten, in die ich hiermit eingeführt habe, sind innerhalb der Erfahrung
einer kirchlichen Bewegung entstanden. Ich möchte darauf hinweisen, in welchem
Sinn und in Bezug auf welche Aspekte diese Seiten als methodischer Vorschlag
auch für den betrachtet werden können, der nicht nur nicht am Leben dieser
Bewegung teilnimmt, sondern anderen Ausdrucksformen christlichen Lebens folgt,
oder für den, der als Christ an keinerlei Art gemeinschaftlicher Erfahrung
teilnimmt, oder für den, der sogar keine christliche Sicht des Lebens haben
mag.
Ich glaube, dass die mit den Begriffen Vernunft, Tradition, Verifizierung,
glaubwürdige und provozierende Gegenwart bezeichneten Faktoren einer Erziehung
die Schritte jedes im mindesten „moralischen“ Menschen erhellen. Unter einem
„moralischen“ Menschen verstehe ich hier denjenigen, der eine letzte Bestimmung
seines eigenen Lebens anerkennt, auf die hin er seine ganze Existenz ausrichtet
und der kein Schritt – wenn man genau hinschaut – angemessen ist; diese Bestimmung
„rettet“ andererseits die Existenz, die voller Schönheit und Erbärmlichkeit
ist.
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