cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Predigt von Kardinal Christoph Schönborn

Hl. Messe zum fünften Jahrestag des Todes von don Giussani und zum 28. Jahrestag der päpstlichen Anerkennung der Fraternität von Comunione e Liberazione.

 

Predigt von Kardinal Christoph Schönborn zu Joh 15, 9-17

24. Februar 2010, Andreaskapelle,

Erzbischöfliches Palais, Wien

- Foto nach der Hl. Messe

Liebe Brüder und Schwestern,

es gibt ein Wort im heutigen Evangelium, das im Griechischen nur zwei Buchstaben hat und das im ganzen Evangelium, ja im Leben Jesu überhaupt ganz zentral ist. Dieses Wort besteht aus den beiden Buchstaben Omega und Sigma (ως) und bedeutet „wie“. Dieses Wort überrascht mich immer wieder neu, weil es eigentlich etwas völlig Unmögliches ausspricht. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.“ Das allein ist schon unglaublich. Aber es geht dann noch weiter: „So wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Völlig gleich, ohne „Verlust“, geht es vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu uns. Unsere Liebe soll so sein wie die Liebe Jesu zu uns, wie die Liebe Gottes zu Jesus. Unsere Freude soll so groß und stark sein wie die Freude Jesu. Immer ist es dieses „wie“. Oder im Abendmahlssaal sagt Jesus im Lukasevangelium: „So wie der Vater mir das Reich anvertraut hat, so habe ich es euch anvertraut.“

Wer mit Physik zu tun hat, weiß, dass es bei allen Transmissionsvorgängen Energieverlust durch Reibung gibt. Hier aber geschieht eine Weitergabe ohne jeglichen Energieverlust: „Eins zu Eins“ – etwas völlig Unglaubliches, physikalisch Unmögliches und geistig Unbegreifliches. „Eins zu Eins“ wird da etwas von Gott zu Jesus und von Jesus zu uns weitergegeben. Denn wenn wir unsere Wirklichkeit anschauen, wenn ich meine Wirklichkeit anschaue, dann habe ich immer sehr stark den Eindruck, dass da sehr viel weniger ist als bei Jesus. Dass bei Jesus so viel ist wie bei Gott - das glaube ich, aber auch das ist schwer zu glauben, wenn man Jesus als Menschen sieht.

Paulus sagt: Bei Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit unverkürzt in einem Menschen. Schon das ist unvorstellbar. Deshalb hat es auch schon in der Frühen Kirche die Auffassung gegeben, dass das nicht sein könne.  Arius war es zum Beispiel, der diese Auffassung vertrat. Unmöglich könne etwas von Gott zu Jesus und von Jesus zu uns gelangen, ohne dass es weniger werde. Das ist immer irgendwie ein „Verlustgeschäft“. Und auch die neuplatonische Philosophie stellte sich vor, wie das Absolute das Sein weitergibt und das Sein bei der Weitergabe immer weniger würde. Jesus aber sagt, dass es in der Weitergabe keinen Verlust gibt. Wir aber erleben das oft anders. Ich glaube, dass Gott mich liebt, aber weiß ich auch, dass ich Gott so liebe, wie er mich liebt? Da ist viel Reibungsfläche. Der „negative Transformator“ meiner eigenen Schlechtheit, meiner eigenen Sünden, meiner menschlichen Begrenztheit ist da dazwischengeschaltet. Ich bin ja nur ein Mensch. Kann ich dann absolut lieben? Und daher erscheint uns das auf das Erste gesehen, und auch wenn man genauer nachdenkt, irgendwie unfassbar.

In der Mitte des Evangeliums von heute steht ein Wort, das uns sehr wichtig geworden ist. Ich habe es zum Motto meines Bischofsamtes gewählt: „Euch aber habe ich Freunde genannt. Ich habe euch Freunde genannt, weil ich euch alles mitgeteilt habe, was ich von meinen Vater gelernt habe.“ Alles – nicht ein bisschen. Er hat uns alles mitgeteilt. Christentum ist völlig „un-esoterisch“. Da gibt es nicht die, die ein bisschen mehr bekommen haben, und die, die ein bisschen weniger bekommen haben, sondern er hat uns alles gegeben.

Paulus sagt, wieso sollte er, der seinen Sohn für uns gegeben hat, uns nicht alles geben? Weder unverkürzt, noch „stückchenweise“, sondern alles...  ganz unglaublich! Irgendwie fragen wir uns dann schon: Ist das nicht orientalische Übertreibung? Stimmt das mit dem Leben überein – so wie bei der Intention der heutigen Messe für „Gemeinschaft und Befreiung“ gesagt worden ist. Stimmt das im Leben wirklich so?  Schauen wir uns einmal dieses Wort Jesu an: „Ich habe euch Freunde genannt; ich nenne euch nicht mehr Knechte.“ „Der Knecht“, sagt Jesus, „weiß nicht, was sein Herr tut.“ Das ist die traditionelle Auffassung, die in den Religionen vorherrscht: ‚Was die Götter denken, das wissen wir Menschen nicht. Die Götter sind in einer anderen fremden Welt, im Licht; wir aber sind im Dunkeln.’ Jesus sagt nun: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles gesagt habe, was ich von meinem Vater gelernt habe.“ Er hat nichts für sich behalten, sondern alles weitergegeben. Wirkliche Freundschaft ist unvergleichlich mehr als Knechtschaft. Jesus sagt: „Wirklich, ich nenne euch Freunde, ihr seid meine Freunde. Ich habe euch alles gegeben und alles gesagt.“ Der heilige Thomas von Aquin hat dieses Wort in die Mitte seiner Theologie gestellt, das ist das Herzstück seiner Theologie. Er sagt, die Liebe sei eine Freundschaft. Was aber macht das Besondere der Freundschaft aus? Dass sie zwischen Gleichen stattfindet. Der heilige Thomas sagt: „Zum Wein kann ich keine Freundschaft haben. Wein kann mich nicht zurücklieben.“ (Ich kann zwar meine Nase etwas zu tief in das Weinglas stecken, aber der Wein ist nicht mein Freund.) Thomas meint auch, dass das Pferd nicht ein Freund sein könne, weil es nicht antworte – aber ich glaube, da war er zu abstrakt, zu intellektuell. Auf jeden Fall hat er nicht „The Horse and His Boy“ aus den Narnia-Chroniken von C.S. Lewis gelesen, sonst wüsste er, dass es sehr wohl Freundschaft zwischen Pferd und Mensch gibt, aber das ist ein eigenes Kapitel...

Freundschaft heißt Gegenseitigkeit. Kann es zwischen Gott und Mensch eine Gegenseitigkeit geben? „Auf Augenhöhe“, wie wir heute sagen? Kann es zwischen Gott und Mensch, zwischen mir und Christus, zwischen mir und Gott wirklich eine Freundschaft geben? Nicht nur eine Idee, sondern die wirkliche Freundschaft? Der heilige Thomas sagt, wenn es das nicht gäbe, dann gäbe es keine Liebe zwischen Gott und den Menschen. Denn Liebe erfordert „Augenhöhe“. Gegenseitigkeit, „mutua amatio“, gegenseitige Liebe. Mit Aristoteles sagt Thomas „amicus amico amicus“. Der Freund ist dem Freund ein Freund. Nur wenn beide einander Freund sind, dann handelt es sich um Freundschaft.

Das bedeutet, Gott muss etwas tun, damit wir „auf Augenhöhe zu ihm“ kommen. „Nicht ihr habt mich erwählt“, sagt Jesus,  „sondern ich habe euch erwählt!“ Das heißt: „Ich habe euch zu meinen Freunden gemacht.“ Thomas sagt: „Freundschaft ist zwischen Gott und Mensch nur dann möglich, wenn Gott uns etwas von sich gibt“, dass wir sozusagen ‚auf sein Niveau kommen’, dass wir wirklich sein Gegenüber werden! Und das ist deswegen möglich, weil er uns sein Leben gibt, weil er sich uns gibt. Thomas sagt: „Nobis communicat suam beatitudinem et super hac communicatione opportet amicitiam fundari.“ Er teilt uns seine Seligkeit, seine Lebendigkeit, seine Freude, sein Glück mit. Und auf dieser Grundlage, auf dieser Kommunikation gilt es, die Freundschaft aufzubauen. Für mich ist das überhaupt das Schlüsselwort der ganzen Theologie des heiligen Thomas: „fundari amicitiam“. Eine Freundschaft aufbauen. Nun wissen wir alle, was es heißt, eine Freundschaft aufzubauen. Wir leben in einer Zeit, die extrem freundschaftsfeindlich ist. Die Leute haben  keine Zeit mehr. Freundschaft aber braucht Zeit. Man muss miteinander reden können – austauschen können – ohne Ende.
C.S. Lewis sagt in seinem Buch „The Four Loves“ – „Die vier Formen der Liebe“: „’Freundschaft’ – das ist gemeinsam in dieselbe Richtung schauen. ‚Eros’ ist einander anschauen.“ Freundschaft ist gemeinsam in dieselbe Richtung schauen. Freundschaft braucht Zeit: ‚fundari amicitiam’. Das Angebot Jesu ist, dass das wirklich möglich ist. Eine Freundschaft zwischen Gott und Mensch, etwas, das sich die Antike überhaupt nicht vorstellen konnte, und das – soweit ich sehe – der Islam in dieser Form nicht kennt, das die asiatischen Religionen nicht kennen. Das ist einzigartig – ‚fundari amicitiam’. Und das ist nicht zuerst ein moralischer Appell: „Strengt euch an!“,  sondern es ist zuerst eine Gabe, ein Geschenk, an das wir glauben dürfen. Ein Geschenk, das mich völlig überrascht: Du, Christus willst mit mir wirklich eine Freundschaft leben! Und du schaffst die Grundlage dafür, indem du mir dein Leben gibst. „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben für seine Freunde gibt.“ Das hast du gemacht. „Et super hac communicatione opportet amicitiam fundari.“ Das ist das Spannende am christlichen Weg: Aufbauen einer Freundschaft ein Leben lang, ja „eine Ewigkeit lang“.

  LAST UPDATE 25.02.2010  WEBMASTER