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Heilige Messe zum ersten Jahrestage des Todes von Msgr. Luigi
Giussani
25. Februar 2006, Andreaskapelle, Erzbischöflichen Palais, Wien
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Liebe Brüder und Schwestern, viel vermag das inständige Gebet
eines Gerechten. Elia war ein Mensch wie wir. Ich möchte
sogar sagen, don Giussani war ein Mensch wie wir. Er betete inständig. Es
sollte nicht Regen. Elia betete wieder. Da gab der Himmel Regen.
Die Erde brachte ihre Früchte hervor. In der Zeit, in der
der Himmel geschlossen schien, in der der Regen der Gnade, der
Regen des Glaubens, ausblieb, in dieser Zeit machte don Giussani
inständige Gebete und es hat wieder geregnet und die Erde brachte
ihre Früchte hervor. Ich glaube, wenn man das Leben eines Mannes,
eines Priesters wie don Giussani betrachtet, dann ist diese heutige
Tageslesung aus dem Jakobusbrief fatto su misura, genau massgeschneidert. Viel
vermag das inständige Gebet. Der Erfolg von don Giussani,
von dem, was ihm der Herr an Gnadengaben gegeben hat, hat viele,
viele andere Gründe. Aber diese spielen alle nur mit dem einen,
was die Mitte ist, zusammen. Ein Mensch wie wir, aber
er betete inständig und es kam der Regen der Gnade. Weiters sagte
Jakobus in dem Brief wenn einer bei euch von der Wahrheit
abirrt und jemand ihn zur Umkehr bewegt, dann sollt ihr wissen:
Wer einen Sünder, der auf Irrwegen ist, zur Umkehr bewegt, der
rettet ihn vor dem Tod und deckt viele Sünden zu, auch eigene
Sünden zu. Don Giussani war dies für das Leben von vielen, die
von der Wahrheit abgeirrt waren. Er hat nicht nur gesehen, dass
viele junge Menschen durch die Ideologie, die Ideologien an der
Universität, in den Schulen von der Wahrheit abgeirrt waren,
sondern er hat sie zur Umkehr bewegt. Aus dieser Umkehrbewegung
sind viele vom Tod gerettet, vom Tod der Seele, viele auch vom
Tod der Sinnlosigkeit, Zerstörung. Wer einen Sünder, der auf
Irrwegen ist, zur Umkehr bewegt, der rettet ihn vor dem Tod – ich
glaube don Giussani hat viele gerettet, indem er vielen den Weg
der Wahrheit gezeigt hat. Ein solcher deckt viele Sünden zu.
Vor einem Jahr hat der Heilige Vater die Seelenmesse für don Giussani
im Dom zu Mailand gefeiert. Das war der letzte große öffentliche
Auftritt als Kardinal Ratzinger, bevor Papst Johannes Paul II gestorben
ist. Die beiden Tode, die so nahe beieinander waren, zwei Menschen,
die Christus heimgeholt hat, die miteinander so tief vertraut waren.
So wundert es uns nicht, dass der Heilige Vater vor wenigen Tagen
in seinem Grußwort zum Jahrestag des Todes von don Giussani sagte: „wir
danken dem Herrn für das Geschenk eines so eifrigen Priesters,
der verliebt war in den Menschen, weil er in Christus verliebt
war. Bewegt erinnere ich mich an die Trauerfeier im Dom zu Mailand,
die mir noch einmal die Möglichkeit gegeben hat, die Achtung und
die Wertschätzung zu fühlen, die sich im Verlauf seines fruchtbaren
Daseins um seine Person gebildet und die er durch seine Lehre und
sein apostolisches Werk hervorzurufen gewusst hat.“ Weil er
in Christus verliebt war, sagt Papst Benedikt. Das ist der Grund
warum sein Gebet inständig war. „Sein unerschütterlicher Glaube
an Christus und das unablässige Bemühen, die Reichtümer der Botschaft
des Evangeliums jeder gesellschaftlichen Gruppierung näher zu bringen.“ Und
dann sagt Papst Benedikt und das ist der Auftrag an euch: „Es
ist die Aufgabe seiner geistigen Kinder, auf seinen Spuren weiterzugehen,
seiner Lehre zu folgen und stets in Gemeinschaft mit den Bischöfen
und den anderen Gliedern der Kirche zu bleiben.“
Er nennt Euch geistige Kinder von don Giussani. Das klingt nicht
sehr emanzipiert, man will doch erwachsen sein. Aber wieder fügt
es die Heilige Schrift, die Kirche, die Mutter die uns das Wort
Gottes gibt, wieder fügte es sich, dass das heute das Tagesevangelium
ist. Lasst die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht daran! Die
Jünger wurden schroff. Damals wie heute werden die Leute schroff.
Wer weiß wie oft wir selber so wie die Jünger, die Leute aus allen
möglichen Gründen daran hindern wollten: aus theologischer Verschrobenheit,
weil sie sich auf Irrwege begeben haben, oder weil ihre eigene
Liebe zu Christus kalt geworden ist, weil sie vergessen haben.
Dann werden sie schroff, so wie die Jünger hier im Evangelium,
die die Leute schroff abweisen, dass sie die Kinder zu Jesus bringen. Jesus
sagte unwillig Lasst die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht
daran!, ein erschütterndes Wort, ein Wort, das der Kirche stets
im Herzen brennen muss. Hindert sie nicht daran. Wir wissen,
was Jesus gesagt hat. Diese Kleinen erben das Himmelreich. Lasst
die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes. Wenn
ihr das Reich Gottes nicht annehmt, wie sie, werdet ihr nicht hineinkommen.
Papst Benedikt nennt euch die geistigen Kinder von don Giussani.
Für mich als Alt-Achtundsechziger, der die 68-er Generation selber
gelebt hat, wäre das unmöglich gewesen, damals so d’accord zu sein.
Wir haben Vaterschaft, wir haben Autorität, wir haben Jüngerschaft
abgelehnt, weil wir geglaubt haben, dass das unvereinbar ist mit
der Würde des aufrechten Menschen. Wir wollten Brüder sein, und
haben vergessen, dass es keine Brüder und Schwestern ohne Eltern
gibt. Gott sei Dank hat der Herr in der Kirche Menschen erweckt,
die uns gezeigt haben, dass wir Brüder sein können und Schwester
sein können, wenn wir Väter haben. Ich habe viele, immer wieder,
junge Menschen in Rom gefragt, die sich angestellt haben, um am
Grab, an der Aufbahrung Papst Johannes Pauls II vorbei zu gehen:
Warum seid ihr gekommen? Warum tut ihr euch das an, 15 Stunden
zu warten und dann kurz vorbei zu gehen? Und, unisono, war immer
wieder die Antwort: „Wir haben einen Vater verloren. Er hat uns
so viel gegeben, geholfen, und wir wollen ihm noch einmal danken.“
Lasst die Kinder zu mir kommen. Ich denke, don Giussani
hat euch, hat uns in der Kirche gezeigt, was Vaterschaft bedeutet.
Ihr seid seine geistigen Kinder. Es gibt kein Wachstum ohne Vaterschaft,
es gibt kein gemeinsam sein – das ist so wichtig in Gemeinschaft
und Befreiung – das gibt es nicht ohne die Dimension der Vaterschaft,
ohne die Dimension der Jüngerschaft, des Lernens, des sich in die
Position des Empfangenden begeben, des sich prägen lassen.
Ich darf das in einer Form eines ganz persönlichen Bekenntnisses
sagen, in einem Beispiel. Als junger Student in den 60-er Jahren
war für mich das, was der Geist der Ideologie uns eingeimpft hat,
das Misstrauen gegen jede Autorität. Ich kann mich noch gut erinnern,
als ich noch im Studium war. Augustinus: Vorsicht. Thomas von
Aquin: Vorsicht. Eingeimpftes Misstrauen gegen Autorität, verständlich
aus der Nazizeit, der Missbrauch der Autorität. Aber es hat mich
bis zu dem Punkt geführt, wo ich gemerkt habe, wenn ich nicht geistige
Vaterschaft annehme, dann kann ich selber nicht erwachsen werden,
kann ich selber nicht Vaterschaft lernen. Und es waren Menschen,
für mich nicht don Giussani, den ich erst später kennen gelernt
habe, aber es waren Menschen wie Hans Urs von Balthasar, Kardinal
Ratzinger, Dominikaner, mit denen ich entdeckt habe, was es Wunderbares
ist, sich einem Meister, einem Vater anzuvertrauen und diese innere
Resistenz aufzugeben, nicht um unmündig zu sein, nicht um naiv
zu sein. Das war immer unsere Angst. In Wirklichkeit würde ich
sagen, dieses Vertrauen zu haben, jemanden gegenüber von dem ich
weiß, dass er vor Gott selber ein Kind ist, dass er selber in der
Position des Empfangenden ist und dass er bereit ist weiter zu
geben, was die eigentliche Bedeutung der Vaterschaft und Mutterschaft
ist, Leben weiter zu geben. Und es war auch ideologisch für mich
eine Wende, wie ich gelernt habe: ich kann vertrauen. Ich kann
wirklich vertrauen. Ich kann mich hingeben. Ich kann mich von jemandem
prägen lassen und ich verliere dadurch nicht meine Freiheit, sondern
ich werde selber sehen lernen, verstehen lernen, bereichert. Und
es waren Menschen wie Hans Urs von Balthasar und Kardinal Ratzinger,
die uns damals das Vertrauen zurückgeschenkt haben. Und ich denke,
dass das das Vertrauen ist, das ihr dem gegenüber habt, der diesen
Weg in der Kirche eröffnet hat, der dieses Volk gesammelt hat.
Ihr dürft wirklich seine geistigen Kinder sein, auf seinen Spuren
weitergehen, seiner Lehre folgen.
Ich bin don Giussani nur zwei Mal begegnet. Aber ein Mal war besonders
unvergesslich für mich. Im Cortile San Damaso, im Hof des Päpstlichen
Palastes kommt mir ganz allein ein etwas schwergehender älterer
Priester entgegen, es war don Giussani. In der Mitte haben wir
uns kurz gegrüßt. Er war beim Papst, bei einer Audienz. Er hatte
dieses kindliche Vertrauen dem gegenüber, dem er wie einem Vater
vertraute. Aus diesem kindlichen Vertrauen heraus konnte er für
viele Vater sein.
So bitten wir heute, dass don Giussani ein wenig das macht, was
Jesus gemacht hat, im heutigen Evangelium, was ein Priester macht – das
darf man sagen, weil es jeder Vater macht – er nahm die Kinder
in seine Arme und legte ihnen die Hände auf und segnete sie.
Ich glaube, das darf man auch von don Giussani heute erbitten,
dass er euch wie ein Vater die Hände auflegt, dass er euch segnet,
und umarmt.
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