cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Predigt von Kardinal Christoph Schönborn

Heilige Messe zum ersten Jahrestage des Todes von Msgr. Luigi Giussani

25. Februar 2006, Andreaskapelle, Erzbischöflichen Palais, Wien

Liebe Brüder und Schwestern, viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten. Elia war ein Mensch wie wir. Ich möchte sogar sagen, don Giussani war ein Mensch wie wir. Er betete inständig. Es sollte nicht Regen. Elia betete wieder. Da gab der Himmel Regen. Die Erde brachte ihre Früchte hervor. In der Zeit, in der der Himmel geschlossen schien, in der der Regen der Gnade, der Regen des Glaubens, ausblieb, in dieser Zeit machte don Giussani inständige Gebete und es hat wieder geregnet und die Erde brachte ihre Früchte hervor. Ich glaube, wenn man das Leben eines Mannes, eines Priesters wie don Giussani betrachtet, dann ist diese heutige Tageslesung aus dem Jakobusbrief fatto su misura, genau massgeschneidert. Viel vermag das inständige Gebet. Der Erfolg von don Giussani, von dem, was ihm der Herr an Gnadengaben gegeben hat, hat viele, viele andere Gründe. Aber diese spielen alle nur mit dem einen, was die Mitte ist, zusammen. Ein Mensch wie wir, aber er betete inständig und es kam der Regen der Gnade. Weiters sagte Jakobus in dem Brief wenn einer bei euch von der Wahrheit abirrt und jemand ihn zur Umkehr bewegt, dann sollt ihr wissen: Wer einen Sünder, der auf Irrwegen ist, zur Umkehr bewegt, der rettet ihn vor dem Tod und deckt viele Sünden zu, auch eigene Sünden zu. Don Giussani war dies für das Leben von vielen, die von der Wahrheit abgeirrt waren. Er hat nicht nur gesehen, dass viele junge Menschen durch die Ideologie, die Ideologien an der Universität, in den Schulen von der Wahrheit abgeirrt waren, sondern er hat sie zur Umkehr bewegt. Aus dieser Umkehrbewegung sind viele vom Tod gerettet, vom Tod der Seele, viele auch vom Tod der Sinnlosigkeit, Zerstörung. Wer einen Sünder, der auf Irrwegen ist, zur Umkehr bewegt, der rettet ihn vor dem Tod – ich glaube don Giussani hat viele gerettet, indem er vielen den Weg der Wahrheit gezeigt hat. Ein solcher deckt viele Sünden zu.

Vor einem Jahr hat der Heilige Vater die Seelenmesse für don Giussani im Dom zu Mailand gefeiert. Das war der letzte große öffentliche Auftritt als Kardinal Ratzinger, bevor Papst Johannes Paul II gestorben ist. Die beiden Tode, die so nahe beieinander waren, zwei Menschen, die Christus heimgeholt hat, die miteinander so tief vertraut waren. So wundert es uns nicht, dass der Heilige Vater vor wenigen Tagen in seinem Grußwort zum Jahrestag des Todes von don Giussani sagte: „wir danken dem Herrn für das Geschenk eines so eifrigen Priesters, der verliebt war in den Menschen, weil er in Christus verliebt war. Bewegt erinnere ich mich an die Trauerfeier im Dom zu Mailand, die mir noch einmal die Möglichkeit gegeben hat, die Achtung und die Wertschätzung zu fühlen, die sich im Verlauf seines fruchtbaren Daseins um seine Person gebildet und die er durch seine Lehre und sein apostolisches Werk hervorzurufen gewusst hat.“ Weil er in Christus verliebt war, sagt Papst Benedikt. Das ist der Grund warum sein Gebet inständig war. „Sein unerschütterlicher Glaube an Christus und das unablässige Bemühen, die Reichtümer der Botschaft des Evangeliums jeder gesellschaftlichen Gruppierung näher zu bringen.“ Und dann sagt Papst Benedikt und das ist der Auftrag an euch: „Es ist die Aufgabe seiner geistigen Kinder, auf seinen Spuren weiterzugehen, seiner Lehre zu folgen und stets in Gemeinschaft mit den Bischöfen und den anderen Gliedern der Kirche zu bleiben.“

Er nennt Euch geistige Kinder von don Giussani. Das klingt nicht sehr emanzipiert, man will doch erwachsen sein. Aber wieder fügt es die Heilige Schrift, die Kirche, die Mutter die uns das Wort Gottes gibt, wieder fügte es sich, dass das heute das Tagesevangelium ist. Lasst die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht daran! Die Jünger wurden schroff. Damals wie heute werden die Leute schroff. Wer weiß wie oft wir selber so wie die Jünger, die Leute aus allen möglichen Gründen daran hindern wollten: aus theologischer Verschrobenheit, weil sie sich auf Irrwege begeben haben, oder weil ihre eigene Liebe zu Christus kalt geworden ist, weil sie vergessen haben. Dann werden sie schroff, so wie die Jünger hier im Evangelium, die die Leute schroff abweisen, dass sie die Kinder zu Jesus bringen.  Jesus sagte unwillig Lasst die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht daran!, ein erschütterndes Wort, ein Wort, das der Kirche stets im Herzen brennen muss. Hindert sie nicht daran.  Wir wissen, was Jesus gesagt hat. Diese Kleinen erben das Himmelreich. Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes. Wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt, wie sie, werdet ihr nicht hineinkommen.

Papst Benedikt nennt euch die geistigen Kinder von don Giussani. Für mich als Alt-Achtundsechziger, der die 68-er Generation selber gelebt hat, wäre das unmöglich gewesen, damals so d’accord zu sein. Wir haben Vaterschaft, wir haben Autorität, wir haben Jüngerschaft abgelehnt, weil wir geglaubt haben, dass das unvereinbar ist mit der Würde des aufrechten Menschen. Wir wollten Brüder sein, und haben vergessen, dass es keine Brüder und Schwestern ohne Eltern gibt. Gott sei Dank hat der Herr in der Kirche Menschen erweckt, die uns gezeigt haben, dass wir Brüder sein können und Schwester sein können, wenn wir Väter haben. Ich habe viele, immer wieder, junge Menschen in Rom gefragt, die sich angestellt haben, um am Grab, an der Aufbahrung Papst Johannes Pauls II vorbei zu gehen: Warum seid ihr gekommen? Warum tut ihr euch das an, 15 Stunden zu warten und dann kurz vorbei zu gehen? Und, unisono, war immer wieder die Antwort: „Wir haben einen Vater verloren. Er hat uns so viel gegeben, geholfen, und wir wollen ihm noch einmal danken.“

Lasst die Kinder zu mir kommen. Ich denke, don Giussani hat euch, hat uns in der Kirche gezeigt, was Vaterschaft bedeutet. Ihr seid seine geistigen Kinder. Es gibt kein Wachstum ohne Vaterschaft, es gibt kein gemeinsam sein – das ist so wichtig in Gemeinschaft und Befreiung – das gibt es nicht ohne die Dimension der Vaterschaft, ohne die Dimension der Jüngerschaft, des Lernens, des sich in die Position des Empfangenden begeben, des sich prägen lassen.

Ich darf das in einer Form eines ganz persönlichen Bekenntnisses sagen, in einem Beispiel. Als junger Student in den 60-er Jahren war für mich das, was der Geist der Ideologie uns eingeimpft hat, das Misstrauen gegen jede Autorität. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich noch im Studium war.  Augustinus: Vorsicht. Thomas von Aquin: Vorsicht. Eingeimpftes Misstrauen gegen Autorität, verständlich aus der Nazizeit, der Missbrauch der Autorität. Aber es hat mich bis zu dem Punkt geführt, wo ich gemerkt habe, wenn ich nicht geistige Vaterschaft annehme, dann kann ich selber nicht erwachsen werden, kann ich selber nicht Vaterschaft lernen. Und es waren Menschen, für mich nicht don Giussani, den ich erst später kennen gelernt habe, aber es waren Menschen wie Hans Urs von Balthasar, Kardinal Ratzinger, Dominikaner, mit denen ich entdeckt habe, was es Wunderbares ist, sich einem Meister, einem Vater anzuvertrauen und diese innere Resistenz aufzugeben, nicht um unmündig zu sein, nicht um naiv zu sein.  Das war immer unsere Angst. In Wirklichkeit würde ich sagen, dieses Vertrauen zu haben, jemanden gegenüber von dem ich weiß, dass er vor Gott selber ein Kind ist, dass er selber in der Position des Empfangenden ist und dass er bereit ist weiter zu geben, was die eigentliche Bedeutung der Vaterschaft und Mutterschaft ist, Leben weiter zu geben. Und es war auch ideologisch für mich eine Wende, wie ich gelernt habe: ich kann vertrauen. Ich kann wirklich vertrauen. Ich kann mich hingeben. Ich kann mich von jemandem prägen lassen und ich verliere dadurch nicht meine Freiheit, sondern ich werde selber sehen lernen, verstehen lernen, bereichert. Und es waren Menschen wie Hans Urs von Balthasar und Kardinal Ratzinger, die uns damals das Vertrauen zurückgeschenkt haben. Und ich denke, dass das das Vertrauen ist, das ihr dem gegenüber habt, der diesen Weg in der Kirche eröffnet hat, der dieses Volk gesammelt hat. Ihr dürft wirklich seine geistigen Kinder sein, auf seinen Spuren weitergehen, seiner Lehre folgen.

Ich bin don Giussani nur zwei Mal begegnet. Aber ein Mal war besonders unvergesslich für mich. Im Cortile San Damaso, im Hof des Päpstlichen Palastes kommt mir ganz allein ein etwas schwergehender älterer Priester entgegen, es war don Giussani. In der Mitte haben wir uns kurz gegrüßt. Er war beim Papst, bei einer Audienz. Er hatte dieses kindliche Vertrauen dem gegenüber, dem er wie einem Vater vertraute. Aus diesem kindlichen Vertrauen heraus konnte er für viele Vater sein.

So bitten wir heute, dass don Giussani ein wenig das macht, was Jesus gemacht hat, im heutigen Evangelium, was ein Priester macht – das darf man sagen, weil es jeder Vater macht –  er nahm die Kinder in seine Arme und legte ihnen die Hände auf und segnete sie. Ich glaube, das darf man auch von don Giussani heute erbitten, dass er euch wie ein Vater die Hände auflegt, dass er euch segnet, und umarmt.

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