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Ansprache des Papstes bei der Eröffnungssitzung der V. Generalkonferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik

Eröffnungssitzung der V. Generalkonferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik im Konferenzsaal des Heiligtums von Aparecida - Ansprache (13. Mai 2007)

Papst Benedikt XVI.

© Die Tagespost vom 15.5.2007

Liebe Brüder im Bischofsamt, geliebte Priester, Ordensleute und Laien. Liebe Beobachter anderer religiöser Konfessionen.

Es ist ein Grund großer Freude für mich, dass ich heute mit Euch hier zusammensein kann, um die V. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik zu eröffnen, die in der Nähe des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Aparecida, der Schutzpatronin Brasiliens, stattfindet. Zunächst möchte ich Gott Lob und Dank für das große Geschenk des christlichen Glaubens an die Völker dieses Kontinents aussprechen.

1. Der christliche Glaube in Lateinamerika

Der Glaube an Gott hat das Leben und die Kultur dieser Länder über einen Zeitraum von mehr als fünfhundert Jahren geprägt. Aus der Begegnung dieses Glaubens mit der indigenen Bevölkerung ist die reiche christliche Kultur dieses Kontinents hervorgegangen, die in der Kunst, in der Musik, in der Literatur und vor allem in der religiösen Tradition sowie in der Wesensart seiner Völker zum Ausdruck kommt. Die Bevölkerung ist durch dieselbe Geschichte und durch denselben Glauben vereint, der trotz der Verschiedenheit der Kulturen und Sprachen große Eintracht hervorruft. Derzeit sieht sich dieser Glaube einer Reihe von Herausforderungen gegenüber, denn die harmonische Entwicklung der Gesellschaft und die katholische Identität der Völker sind gefährdet. Die V. Vollversammlung schickt sich an, über diese Situation nachzudenken, um den gläubigen Christen zu helfen, ihren Glauben freudig und konsequent zu leben und sich bewusst zu machen, dass sie Jünger und Sendboten Christi sind, dass sie von Ihm in die Welt gesandt sind, um unseren Glauben und unsere Liebe zu verkünden und zu bezeugen.

Doch was hat die Annahme des christlichen Glaubens für die Länder Lateinamerikas und der Karibik bedeutet? Es hat für sie bedeutet, Christus zu erkennen und anzunehmen, den unbekannten Gott, den ihre Vorfahren – ohne es zu wissen – in ihrem reichen religiösen Brauchtum gesucht haben. Christus war der Erlöser, den sie sich im Stillen ersehnt hatten. Es hat auch bedeutet, dass sie mit dem Wasser der Taufe das göttliche Leben empfangen haben, das sie zu Kindern Gottes gemacht hat; dass sie außerdem den Heiligen Geist empfangen haben, der gekommen ist, ihre Kulturen fruchtbar zu machen, sie zu läutern und die zahlreichen Keime und Samen hervorzubringen, die das fleischgewordene Wort in sie hineingelegt hatte, um sie so auf den Weg des Evangeliums hin zu orientieren. Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums in keinem Augenblick weder eine Entfremdung der präkolumbianischen Kulturen mit sich gebracht, noch die Auferlegung einer fremden Kultur bedeutet. Authentische Kulturen sind weder in sich selbst verschlossen noch in einem bestimmten Moment der Geschichte erstarrt, sondern sie sind offen, ja mehr noch, sie suchen die Begegnung mit anderen Kulturen und hoffen, in der Begegnung und im Dialog mit anderen Lebensformen und mit Elementen, die zu einer neuen Synthese führen können – in welcher stets die Verschiedenheit der Ausdrucksformen und ihrer konkreten kulturellen Verwirklichung respektiert wird – zur Universalität zu gelangen.

Letztlich kann nur die Wahrheit vereinigen, und der Beweis ist die Liebe. Aus diesem Grund ist Christus, der wirklich der fleischgewordene Logos, die „Liebe bis zum Ende“ ist, keiner Kultur und keiner Person fremd; im Gegenteil, die Antwort, welche sich die Kulturen in ihrem Herzen erwünschen, ist eine Antwort, die ihnen letztlich ihre Identität gibt, die Menschheit vereint und gleichzeitig den Reichtum der Verschiedenheit respektiert, indem sie alle für das Reifen einer wahren Humanisierung, für einen wahren Fortschritt, öffnet. Das Wort Gottes, das in Jesus Christus Fleisch geworden ist, ist dadurch auch Geschichte und Kultur geworden.

Die Utopie, die präkolumbianischen Religionen wiederzubeleben und sie von Christus und von der Universalkirche zu trennen, wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. In Wirklichkeit wäre es eine Rückentwicklung zu einem Augenblick der Geschichte, der in der Vergangenheit verankert ist.

Die Weisheit der indigenen Bevölkerung hat sie glücklicherweise dazu gebracht, eine Synthese zwischen ihren Kulturen und dem christlichen Glauben zu schaffen, den die Missionare ihnen angeboten haben. Daraus ist die reiche und tiefe Volksfrömmigkeit entstanden, in der die Seele der lateinamerikanischen Bevölkerung zum Ausdruck kommt:

– Die Liebe zum leidenden Christus, dem Gott des Mitleids, der Vergebung und der Wiederversöhnung; dem Gott, der uns so sehr geliebt hat, dass er sich uns ausgeliefert hat;

– Die Liebe zum Herrn, der in der Eucharistie gegenwärtig ist, zum fleischgewordenen Gott, der gestorben und auferstanden ist, um Brot des Lebens zu sein;

– Der Gott, der den Armen und denen, die leiden, nahe steht;

– Die tiefe Verehrung der Allerheiligsten Jungfrau von Guadalupe, der Aparecida, der Jungfrau, die auf nationaler und lokaler Eben auf verschiedene Weise angerufen wird. Als die Jungfrau von Guadalupe dem Indio San Juan Diego erschienen ist, hat sie folgende bedeutende Worte zu ihm gesagt: „Bin ich nicht Deine Mutter? Stehst du nicht in meinem Schatten und blicke ich nicht auf dich? Bin ich nicht die Quelle Deines Glücks? Stehst Du nicht unter meinem schützenden Mantel und findest du nicht Schutz in meinen Armen?“ (Nican Mopohua, Nr. 118–119).

Diese Religiosität kommt auch in der Heiligenverehrung und bei den Patronatsfesten zum Ausdruck, in der Liebe zum Papst und zu den anderen Hirten, in der Liebe zur Universalkirche als große Familie Gottes, die ihre eigenen Kinder niemals allein oder im Elend leben lassen kann und darf. Alles das bildet das große Mosaik der Volksfrömmigkeit, die der kostbare Schatz der katholischen Kirche in Lateinamerika ist und den sie bewahren und fördern und falls es notwendig sein sollte, auch bereinigen muss.

2. Kontinuität zu den anderen Versammlungen

Diese V. Generalversammlung findet in der Kontinuität zu den vier vorhergehenden Versammlungen statt, die in Rio de Janeiro, Medellin, Puebla und Santo Domingo abgehalten worden sind. Mit demselben Geist, von denen diese beseelt waren, wollen die Hirten jetzt der Evangelisierung einen neuen Impuls geben, damit die Gläubigen weiterhin in ihrem Glauben wachsen und reifen können, um das Licht der Welt zu sein und mit ihrem eigenen Leben Jesus Christus zu bezeugen.

Nach der IV. Generalversammlung in Santo Domingo haben sich viele Dinge in der Gesellschaft verändert. Die Kirche, die an den Leistungen und an den Hoffnungen, an den Leiden und Freuden ihrer Kinder teilhat, will sie in dieser Zeit zahlreicher Herausforderungen auf ihrem Weg begleiten, um ihnen stets Hoffnung und Trost zu spenden (vgl. Gaudium et spes, 1).

In der Welt von heute stehen wir vor dem Phänomen der Globalisierung, einem Geflecht von Beziehungen auf globaler Ebene. Obwohl sie in gewisser Hinsicht einen Gewinn für die große Menschheitsfamilie und ein Zeichen für ihr tiefes Verlangen nach Einheit darstellt, bringt sie doch zweifellos auch das Risiko großer Monopole mit sich sowie die Gefahr, dass der Profit zum höchsten Wert erhoben wird. Wie in allen Bereichen menschlicher Aktivität muss auch die Globalisierung der Ethik unterstehen und alles in den Dienst des Menschen gestellt werden, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist.

In Lateinamerika und in der Karibik, wie auch in anderen Regionen, ist ein gewisser Fortschritt in Richtung Demokratie festzustellen, wenngleich es angesichts von Formen autoritärer Regierung oder von Regierungen, die bestimmten Ideologien anhängen, die überwunden schienen und die nach der Soziallehre der Kirche nicht mit der christlichen Sicht des Menschen und der Gesellschaft übereinstimmen, Anlass zur Besorgnis gibt. Andererseits muss sich die liberale Wirtschaft einiger lateinamerikanischer Länder um mehr Gerechtigkeit bemühen, da immer größere Bereiche der Gesellschaft immer stärker von großer Armut unterdrückt werden oder sich sogar ihrer eigenen Bodenschätze beraubt sehen.

In den kirchlichen Gemeinschaften Lateinamerikas ist bei zahlreichen aktiven Laien, die sich dem Herrn weihen, eine bemerkenswerte Glaubensreife festzustellen. Ferner ist die Präsenz zahlreicher Katecheten, vieler Jugendlicher, neuer kirchlicher Bewegungen und neu entstandener Einrichtungen des konsekrierten Lebens bezeichnend. Viele katholische Gemeinschaften zur Erziehung, zur Unterstützung und zur Aufnahme von Menschen sind von großer Bedeutung. Es stimmt allerdings, dass eine gewisse Schwächung des christlichen Lebens im Gesamtbild der Bevölkerung und bei der Teilnahme am Leben der katholischen Kirche festzustellen ist, die auf die Säkularisierung, den Hedonismus, die Gleichgültigkeit und die Proselytenmacherei zahlreicher Sekten, animistischer Religionen und neuer pseudoreligiöser Ausdrucksformen zurückzuführen sind.

All das stellt eine neue Situation dar, die hier in Aparecida analysiert werden soll. Angesichts neuer, schwieriger Entscheidungen erhoffen sich die Gläubigen von dieser V. Generalversammlung eine Erneuerung und eine Wiederbelebung ihres Glaubens an Christus, unseres einzigen Lehrmeisters und Erlösers, der uns die einzigartige Erfahrung der unendlichen Liebe Gottes, des Vaters, zu den Menschen offenbart hat. Aus dieser Quelle können neue Wege und kreative Pastoralprojekte hervorgehen, welche feste Hoffnung schaffen können, um den Glauben auf verantwortliche und frohe Weise zu leben und ihn so auf die eigene Umgebung ausstrahlen zu lassen.

3. Jünger und Sendboten

Diese Generalversammlung steht unter dem Thema: „Jünger und Sendboten Jesu Christi, damit unsere Völker in Ihm das Leben haben – Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Die Kirche hat die wichtige Aufgabe, den Glauben des Gottesvolkes zu bewahren und zu fördern und auch den Gläubigen dieses Kontinents in Erinnerung zu rufen, dass sie kraft der Taufe dazu berufen sind, Jünger und Sendboten Jesu Christi zu sein. Das heißt Ihm zu folgen, in enger Gemeinschaft mit Ihm zu leben, seinem Beispiel nachzufolgen und Zeugnis abzulegen. Jeder Getaufte empfängt wie die Apostel von Christus den Auftrag: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet“ (Mk 16,15 f.). Jünger und Sendboten Jesu Christi zu sein und das Leben „in Ihm“ zu suchen, setzt voraus, das man tief in Ihm verwurzelt ist.

Was gibt uns Christus wirklich? Warum wollen wir Jünger Christi sein? Die Antwort lautet: Weil wir hoffen, in der Gemeinschaft mit Ihm das Leben zu finden, das wahre Leben, das diesen Namen verdient, und daher wollen wir auch, dass die anderen ihn kennen lernen und ihnen das Geschenk mitteilen, das wir in Ihm gefunden haben. Doch ist das wirklich so? Sind wir wirklich davon überzeugt, dass Christus der Weg und die Wahrheit und das Leben ist?

Angesichts der Priorität des Glaubens an Christus und des Lebens „in Ihm“, die im Titel dieser V. Versammlung formuliert wird, könnte auch eine andere Frage auftauchen: Könnte diese Priorität nicht vielleicht eine Flucht zur Innerlichkeit, zu einem religiösen Individualismus bedeuten, eine Abkehr von der drängenden Realität der großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme Lateinamerikas und der Welt, eine Flucht aus der Wirklichkeit in eine spirituelle Welt?

In einem ersten Schritt können wir diese Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Was ist diese „Realität“? Was ist real? Sind nur die materiellen Güter, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme „Realität“? Genau hierin liegt der große Irrtum der Herrschaftstendenzen des vergangenen Jahrhunderts, ein zerstörerischer Irrtum, wie sowohl die Folgen der marxistischen als auch der kapitalistischen Systeme zeigen. Sie verfälschen die Vorstellung der Realität durch die Verkürzung um die grundlegende und damit entscheidende Realität Gottes. Wer Gott aus seinem Blickfeld ausschließt, fälscht die Vorstellung von der „Realität“ und kann schließlich nur auf dem falschen Weg und bei zerstörerischen Mitteln landen.

Die erste grundlegende Aussage ist also folgende: Nur jemand, der Gott anerkennt, kennt die Realität und kann auf angemessene und wirklich menschliche Weise auf sie antworten. Die Wahrheit dieser These erweist sich am Scheitern aller Systeme, die Gott ausklammern.

Doch es taucht sofort eine andere Frage auf: Wer kennt Gott? Wie können wir ihn erkennen? Wir können hier keine komplexe Debatte über diese fundamentale Frage aufnehmen. Für den Christen ist der Kern dieser Antwort einfach: Nur Gott kennt Gott, nur sein Sohn, der Gott von Gott, der wahrer Gott ist, kennt ihn. Und Er, der „am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18). Hieraus rührt die einzigartige und unersetzliche Bedeutung Christi für uns und für die Menschheit. Wenn wir Gott nicht in Christus und mit Christus erkennen, verwandelt sich die gesamte Realität in ein unentzifferbares Rätsel; es gibt keinen Weg, und wenn es keinen Weg gibt, dann gibt es weder Leben noch Wahrheit.

Gott ist die grundlegende Realität, nicht ein nur gedachter oder hypothetischer Gott, sondern der Gott mit dem menschlichen Antlitz; es ist der Gott-mit-uns, der Gott der Liebe bis zum Kreuz. Wenn der Jünger diese Liebe Christi „bis zum Ende“ endlich versteht, dann kann er diese Liebe nur mit einer ähnlichen Liebe beantworten: „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst“ (Lk 9,57).

Wir können uns noch eine weitere Frage stellen: Was gibt uns der Glaube an diesen Gott? Die erste Antwort lautet: er gibt uns eine Familie, die universale Familie Gottes in der katholischen Kirche. Der Glaube befreit uns aus unserem isolierten Ich, da er uns zur Gemeinschaft führt: die Begegnung mit Gott ist, in sich selbst und als solche, Begegnung mit den Brüdern, ein Akt der Versammlung, der Vereinigung, der Verantwortung für den und für die anderen. In diesem Sinne ist die vorrangige Option für die Armen im christologischen Glauben an diesen Gott enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns mit seiner Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9).

Bevor wir uns jedoch damit beschäftigen, was die Bewusstwerdung des Glaubens an den Mensch gewordenen Gott mit sich bringt, müssen wir die Frage vertiefen: wie können wir Christus wirklich kennen lernen, um Ihm zu folgen und mit Ihm zu leben, um das Leben in Ihm zu finden und dieses Leben den anderen, der Gesellschaft und der Welt mitzuteilen? Zunächst gibt sich uns Christus durch das Wort Gottes in seiner Person, in seinem Leben und in seiner Lehre zu erkennen. Für den Beginn des neuen Abschnitts, auf den sich die missionarische Kirche Lateinamerikas und der Karibik auf dieser V. Generalversammlung in Aparecida vorbereiten will, ist eine tiefgehende Kenntnis des Wortes Gottes die unerlässliche Voraussetzung.

Daher müssen die Gläubigen zur Lektüre und zum Nachdenken über das Wort Gottes angehalten werden: das Wort Gottes muss die Stärkung der Gläubigen werden damit sie aus eigener Erfahrung sehen, dass die Worte Jesu Geist und Leben sind (vgl. Joh 6,63). Wie sollten sie sonst eine Botschaft verkünden, wenn sie deren Inhalt und Geist nicht genau kennen? Wir müssen unsere missionarischen Bemühungen und unser ganzes Leben auf den Felsen des Wortes Gottes gründen. Daher möchte ich die Hirten dazu ermutigen, sich um seine Verbreitung zu bemühen.

Ein wichtiges Mittel, um das Volk Gottes in das Geheimnis Christi einzuweisen, ist die Katechese. In der Katechese wird auf einfache und verständliche Weise die Botschaft Christi vermittelt. Es wäre also gut, die Katechese und die Ausbildung im Glauben sowohl der Kinder als auch der Jugendlichen und der Erwachsenen zu intensivieren. Das reife Nachdenken über den Glauben erleuchtet den Weg des Glaubens und verleiht die Kraft, um für Christus Zeugnis abzulegen. Dafür stehen äußerst nützliche Hilfsmittel wie etwa der „Katechismus der Katholischen Kirche“ oder seine kürzere Fassung, das „Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche“ zur Verfügung.

In diesem Bereich darf man sich nicht nur auf Predigten, Konferenzen, Bibelkurse oder theologische Kurse beschränken, sondern man muss sich auch der Kommunikationsmittel bedienen – Presse, Radio und Fernsehen, Internet, Foren und andere Systeme –, um einer großen Zahl von Personen auf wirksame Weise die Botschaft Christi zu vermitteln.

Bei dem Bemühen, die Botschaft Christi kennen zu lernen und das eigene Leben davon leiten zu lassen, muss man sich daran erinnern, dass sich die Evangelisierung immer gemeinsam mit der Förderung des Menschen und der wirklichen christlichen Befreiung entwickelt hat. „Gottes- und Nächstenliebe verschmelzen: Im Geringsten begegnen wir Jesus selbst, und in Jesus begegnen wir Gott“ (Enzyklika „Deus caritas est“, Nr. 15). Aus demselben Grund wird auch eine soziale Katechese und eine angemessene Ausbildung in der Soziallehre der Kirche notwendig sein, wofür das „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ sehr hilfreich ist. Das christliche Leben kommt nicht nur in den persönlichen Tugenden, sondern auch in den sozialen und politischen Tugenden zum Ausdruck.

Der Jünger, der so auf dem Felsen der Wortes Gottes gründet, fühlt sich gedrängt, seinen Brüdern die Frohe Botschaft des Heils zu bringen. Jüngerschaft und Sendung sind wie die zwei Seiten derselben Medaille: wenn der Jünger Christus liebt, kann er nicht umhin, der Welt zu verkünden, dass nur in Ihm das Heil zu finden ist (vgl. Apg. 4,12). Tatsächlich weiß der Jünger, das es ohne Christus kein Licht, keine Hoffnung, keine Liebe und keine Zukunft gibt.

4. „Damit sie in ihm das Leben haben“

Die Menschen in Lateinamerika und der Karibik haben das Recht auf das volle Leben, so, wie es den Kindern Gottes angemessen ist und dies unter Bedingungen, die humaner sind als heute: frei von der Bedrohung durch Hunger und durch jegliche Art von Gewalt. Für diese Menschen müssen die Bischöfe eine Kultur des Lebens fördern, die es ihnen erlaubt, wie mein Vorgänger Paul VI. es ausdrückte, „von Not zum Besitz des Lebensnotwendigen, zur Gewinnung von Kultur, zur Kooperation für das Gemeinwohl, zur Anerkennung von übernatürlichen Werten durch den Menschen und zur Anerkennung Gottes, ihrer Quelle und ihres Zieles zu gelangen“ (Populorum Progressio, 21).

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich mit Freude an die Enzyklika Populorum Progressio, deren 40. Erscheinungsjahr wir in diesem Jahr feiern. Dieses päpstliche Dokument unterstreicht, dass wahre Entwicklung ganzheitlich sein muss, das heißt, dass sie auf die Förderung der ganzen Person und aller Völker ausgerichtet sein muss (vgl. Nr. 14). Alle sind eingeladen, die großen sozialen Ungleichheiten zu überwinden und die enormen Unterschiede im Blick auf den Zugang zu Gütern auszumerzen. Diese Völker sehnen sich in erster Linie danach, die Fülle des Leben zu erlangen, die Christus uns gebracht hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10) Mit diesem göttlichen Leben wird die menschliche Existenz gleichermaßen in Fülle weiterentwickelt. Das gilt sowohl für den persönlichen, den familiären, den sozialen und den kulturellen Bereich.

Um den Jünger zu formen und den Sendboten in seiner großen Aufgabe zu bestärken bietet ihm die Kirche neben dem Brot des Wortes auch das Brot der Eucharistie an. In diesen Simme finden wir Inspiration und Erleuchtung in dem Abschnitt des Evangeliums über die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Als sie am Tisch sitzen und von Christus das gesegnete und gebrochene Brot empfangen, öffnen sich ihre Augen und sie entdecken das Antlitz des auferstandenen Gottes. In ihren Herzen fühlen sie, dass alles, was er gesagt und getan hat, die Wahrheit war und dass die Erlösung der Welt bereits begonnen hat. Jeder Sonntag und jede Eucharistiefeier ist eine persönliche Begegnung mit Christus. Wenn wir auf Gottes Wort hören, brennen unsere Herzen, weil er uns alles erklärt und verkündet. Wenn wir das Brot in der Eucharistie brechen, ist er es, den wir persönlich empfangen. Die Eucharistie ist eine unentbehrliche Nahrung für das Leben der Jünger und der Sendboten Christi.

Die Sonntagsmesse, die Mitte des christlichen Lebens

Deshalb ist es auch notwendig, in allen Pastoralprogrammen der Wertschätzung der Sonntagsmesse Vorrang zu geben. Wir müssen die Christen dazu bewegen, aktiv daran teilzunehmen und, wenn möglich, ihre Familien mitzubringen, was noch besser ist. Wenn Eltern mit ihren Kindern die Sonntagsmesse mitfeiern, ist das ein vorzüglicher Weg der Glaubensunterweisung und ein enges Band, um die Einheit untereinander zu bewahren. Im Leben der Kirche hat der Sonntag immer als bevorzugte Gelegenheit der Begegnung der Gemeinde mit dem auferstandenen Christus gegolten.

Christen sollten sich immer bewusst sein, dass sie nicht einer historischen Gestalt folgen, sondern dem lebendigen Christus, der in Jetzt und Heute ihres Lebens zugegen ist. Er ist der wirklich Lebendige, der an unserer Seite geht. Er offenbart uns die Bedeutung der Ereignisse, von Leid und Tod, von Freuden und Festen. Er tritt in unsere Häuser ein und bleibt bei uns. Er nährt uns mit dem Brot, das Leben gibt. Aus diesem Grund muss die Sonntagsmesse die Mitte des christlichen Lebens sein.

Die Begegnung mit Christus in der Eucharistie verlangt gebieterisch den Einsatz für die Evangelisierung und sollte ein Impuls für mehr Solidarität sein. Sie weckt in den Christen den starken Wunsch, das Evangelium zu verkünden und vor der Welt Zeugnis für das Evangelium abzulegen, um so eine gerechtere und humanere Gesellschaft aufzubauen. Über viele Jahrhunderte ist von der Eucharistie ein großer Reichtum an Nächstenliebe ausgegangen, der Anteilnahme an den Schwierigkeiten anderer, der Liebe und Gerechtigkeit. Nur aus der Eucharistie wird eine Zivilisation der Liebe ausgehen, die Lateinamerika und die Karibik verwandeln werden und sie nicht nur zu einem Kontinent der Hoffnung, sondern auch zu einem Kontinent der Liebe werden lassen.

Soziale und politische Probleme

An dieser Stelle müssen wir uns fragen: Wie kann die Kirche zur Lösung dieser dringenden sozialen und politischen Probleme beitragen und auf die großen Herausforderungen von Armut und Not eingehen? Die Probleme Lateinamerikas und der Karibik, ebenso wie die der Welt von heute sind vielschichtig und komplex und können nicht einfach durch schematisierte Programme gelöst werden. Zweifellos ist die Grundfrage, wie die Kirche, erleuchtet durch den Glauben an Christus, auf diese Herausforderungen reagieren soll, eine Frage, die uns alle angeht. In diesem Zusammenhang müssen wir unweigerlich von strukturellen Problemen sprechen, insbesondere von denen, die Ungerechtigkeiten schaffen. Denn es ist wahr, dass gerechte Strukturen eine Vorbedingung dafür sind, dass eine gerechte Gesellschaftsordnung überhaupt entstehen kann. Aber wie können gerechte Strukturen geschaffen werden? Wie funktionieren sie? Sowohl der Kapitalismus als auch der Marxismus versprachen, den Weg zur Schaffung gerechter Strukturen aufzuzeigen und sie erklärten, dass gerechte Strukturen, wenn sie einmal geschaffen seien, wie von selbst funktionieren würden. Sie erklärten, dass es weder eine Notwendigkeit für eine vorausgehende moralische Haltung des Einzelnen gebe, da es automatisch zur Förderung einer gemeinschaftlichen Moral kommen werde. Aber diese ideologischen Versprechungen haben sich als falsch erwiesen. Die Fakten haben das deutlich gezeigt. Das marxististische System, wo immer es Eingang in Regierungen gefunden hat, hat nicht nur ein trauriges Erbe ökonomischer und ökologischer Zerstörung hinterlassen, sondern auch eine schmerzliche Zerstörung des menschlichen Geistes. Und wir können das gleiche im Westen sehen, wo der Graben zwischen Reichen und Armen immer größer wird und es gleichzeitig zu einer Besorgnis erregenden Abwertung der personalen Würde durch Drogen, Alkohol und trügerische Glücksversprechen kommt.

Gerechte Strukturen sind, wie gesagt, eine unentbehrliche Bedingung für eine gerechte Gesellschaft. Ohne einen moralischen Konsens in der Gesellschaft über grundlegende Werte und die Notwendigkeit, für diese Werte auch die notwendigen Opfer zu bringen, selbst zu Lasten persönlicher Interessen, können sie jedoch weder entstehen noch funktionieren.

Wo Gott – Gott mit dem menschlichen Gesicht Jesu Christi – abwesend ist, können sich diese Werte nicht in ihrer Gesamtheit zeigen. Es kann auch kein Konsens im Blick auf ihre Durchsetzung erzielt werden. Dabei meine ich nicht, dass Ungläubige nicht nach Höherem streben und und ein beispielhaft moralisches Leben führen können. Ich sage nur, dass eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist, keinesfalls den notwendigen Konsens findet, um moralische Werte anzuerkennen oder die Kraft zu haben, entsprechend diesen Wertvorstellungen zu leben, insbesondere, wenn die eigenen Interessen auf dem Spiel stehen.

Auf der anderen Seite müssen gerechte Strukturen gesucht und im Lichte der grundlegenden Werte aufgebaut werden, weil es dafür grundsätzliche politische, wirtschaftliche und soziale Gründe gibt. Es handelt sich hierbei um die Frage nach der recta ratio. Sie ergeben sich nicht aus Ideologien oder deren Prämissen.

Natürlich gibt es einen großen Reichtum an politischer Erfahrung und Sachverstand zu sozialen und wirtschaftlichen Problemen, die die grundsätzlichen Elemente eines gerechten Staates aufzeigen und die Wege, die vermieden werden müssen, benennen kann. Aber in verschiedenen kulturellen und politischen Situationen, inmitten ständig neuer technologischer Entwicklungen und Veränderungen der historischen Gegebenheiten der Welt müssen adäquate Antworten auf eine rationale Art und Weise gesucht und – mit dem erforderlichen Engagement – ein Konsens darüber erreicht werden, welche Strukturen einzurichten sind.

Eine derartige politische Aufgabe fällt nicht unbedingt in die Kompetenz der Kirche. Der Respekt vor einem gesunden Säkularismus – eingeschlossen der Pluralismus der politischen Meinungen – ist ein Wesensmerkmal der wahren christlichen Tradition. Wenn sich die Kirche in ein direktes politisches Subjekt verwandeln würde, würde sie weniger und nicht mehr für die Armen und für die Gerechtigkeit tun, weil sie durch die Identifikation mit einem einzigen politischen Weg und mit umstrittenen parteiischen Positionen ihre Unabhängigkeit und ihre moralische Autorität verlöre. Die Kirche ist Anwalt der Gerechtigkeit und der Armen, weil sie sich eben gerade nicht mit Politikern oder parteiischen Interessen identifiziert. Nur, wenn sie unabhängig bleibt, kann sie die großen Merkmale und unveräußerlichen Werte lehren, kann sie als Wegweiser der Gewissen auftreten und eine Lebenswahl anbieten, die über das politische Spektrum hinausgeht. Die Gewissen zu formen, Anwalt von Gerechtigkeit und Wahrheit zu sein, Erziehung zu individuellen und politischen Werten anzubieten: Das ist die fundamentale Berufung der Kirche in diesem Gebiet der Welt. Und Laienkatholiken müssen sich ihrer Verantwortung im öffentlichen Leben bewusst sein. Sie müssen an der Bildung des notwendigen Konsenses mitarbeiten und sich aller Ungerechtigkeit widersetzen.

Gerechte Strukturen können niemals endgültig erreicht werden. So, wie sich die Geschichte weiterentwickelt müssen diese immer wieder erneuert und modernisiert werden; sie müssen immer mit einem politischen und humanen Ethos erfüllt werden – und wir müssen energisch daran arbeiten, ihre Präsenz und ihre Effektivität zu garantieren. Um es anders auszudrücken: Die Gegenwart Gottes, die Freundschaft mit dem eingeborenen Sohn Gottes, das Licht seines Wortes: dies sind die grundlegenden Vorbedingungen für die Präsenz und die Effektivität von Gerechtigkeit und Liebe in unseren Gesellschaften.

Weil dies ein Kontinent mit getauften Christen ist, ist es an der Zeit, den erkennbaren Mangel an Stimmen und Initiativen katholischer Leitfiguren mit starken Persönlichkeiten und großherzigem Engagement und Durchsetzungskraft für ihre ethischen und religiösen Überzeugungen im politischen Bereich, in der Welt der Medien und an den Universitäten zu überwinden. Die kirchlichen Bewegungen haben hier viel Raum, um die Laien an diese ihre Verantwortung zu erinnern und daran, dass es ihre Mission ist, das Licht des Evangeliums in das öffentliche Leben, in die Kultur, die Wirtschaft und die Politik zu tragen.

5. Weitere wichtige Bereiche

Um diese Erneuerung der Kirche herbeizuführen, die euch anvertraut wurde, möchte ich eure Aufmerksamkeit auf einige Bereiche lenken, denen ich für diese neue Phase eine besondere Bedeutung beimesse.

Die Familie

Die Familie, das „Erbe der Menschheit“, stellt einen der wichtigsten Schätze der lateinamerikanischen Länder dar. Die Familie war und ist die Schule für den Glauben und das Übungsgelände aller menschlichen und zivilen Werte, das Heim, wo das menschliche Leben geboren und hochherzig und verantwortungsvoll willkommen geheißen wird. Unzweifelhaft gibt es derzeit viel Widerstand gegen das Leben, begründet im Säkularismus und in einem ethischen Relativismus, durch interne und externe Volksbewegungen, durch Armut, soziale Instabilität und zivile Gesetze, die sich gegen die Ehe richten, durch die Förderung von Empfängnisverhütung und Abtreibung. All dies bedroht die Zukunft der Völker.

In einigen Familien in Lateinamerika gibt es bedauerlicherweise auch immer noch eine chauvinistische Mentalität, die das „Neue“ des Christentums ignoriert, nämlich da, wo es um die gleiche Würde and Verantwortung für Frauen im Vergleich zu Männern geht.

Die Familie ist unersetzlich für die persönliche Ruhe, die sie gibt und um Kinder aufzuziehen. Mütter, die sich ganz der Erziehung ihrer Kinder und dem Dienste ihrer Familie widmen wollen, müssen Bedingungen vorfinden, die ihnen das auch ermöglichen. Sie haben ein Recht darauf, derartige Bedingungen vom Staat zu verlangen. Denn die Rolle der Mutter ist die Grundlage für die Zukunft der Gesellschaft.

Der Vater hat in gleicher Weise seine Rolle zu spielen. Er muss ein echter Vater sein, der seine unersetzliche Verantwortung und Mitarbeit bei der Erziehung der Kinder einbringen muss. Die Kinder haben, um ihres ganzheitlichen Heranwachsens willen, das Recht, sich auf Vater und Mutter verlassen zu können und darauf, dass diese für sie sorgen und sie auf dem Weg zur Fülle des Lebens begleiten. Deshalb muss den Familien eine intensive und tatkräftige pastorale Sorge zukommen. Auch ist es unverzichtbar, in der Familienpolitik Bestrebungen zu fördern, die dem Recht der Familie als einem wesentlichen Teil der Gesellschaft dienlich sind. Die Familie ist ein großer Wert innerhalb der Völker und innerhalb der ganzen Menschheit.

Priester

Die ersten Förderer der Jüngerschaft und Mission sind diejenigen, die gerufen waren, „mit Jesus zu sein und ausgesandt zu werden zum Predigen“ (Mk 3, 14), also die Priester. Ihnen muss bevorzugte Beachtung und väterliche Sorge durch die Bischöfe zukommen, denn sie sind die ersten Förderer einer authentischen Erneuerung des christlichen Lebens unter dem Volk Gottes. Ich möchte ich ihnen ein väterliches Wort der Zuneigung entbieten und die Hoffnung aussprechen, dass „Gott ihr Teil und ihr Kelch“ (Ps 16, 5) sein möge. Wenn der Priester Gott als Fundament und Zentrum seines Lebens erkennt, dann wird er die Freude und die Fruchtbarkeit seiner Berufung erkennen. Vor allem muss der Priester „ein Mann Gottes“ (1 Tim 6, 11) sein, der Gott wirklich kennt, der eine tiefe und persönliche Freundschaft mit Christus pflegt und der mit anderen dieselben Gefühle teilt, die Christus mit ihnen teilt (Phil 2, 5). Nur so wird der Priester in der Lage sein, Menschen zu Gott, der in Jesus Christus Fleisch geworden ist, zu führen und Zeuge seiner Liebe zu sein. Um diese erhabene Aufgabe erfüllen zu können, muss der Priester über eine solide geistliche Ausbildung verfügen und sein ganzes Leben muss von Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt sein. Wie Jesus muss auch er ein Mensch sein, der durch das Gebet das Gesicht und den Willen Gottes sucht, und er muss seine kulturelle und geistliche Vorbereitung sehr ernst nehmen.

Liebe Priester dieses Kontinents und ihr alle, die ihr zur Arbeit als Missionare hierher gekommen seid, der Papst begleitet euch bei eurer pastoralen Arbeit und wünscht euch, dass ihr voller Freude und Hoffnung sei. Vor allem aber betet er für euch.

Ordensmänner und -frauen und gottgeweihte Personen

Ich möchte mich jetzt an alle Ordensmänner und -frauen und gottgeweihten Laien wenden. Die Gesellschaft in Lateinamerika und der Karibik braucht euer Zeugnis: In einer Welt, in der es oftmals nur um das Wohlergehen, den Reichtum und das Vergnügen als Lebensziel geht, wo Freiheit so übersteigert gelebt wird, dass sie an Stelle der Wahrheit, dass Gott den Menschen geschaffen hat, tritt, legt ihr Zeugnis davon ab, dass es auch noch andere bedeutungsvolle Möglichkeiten gibt, sein Leben zu leben. Erinnert eure Brüder und Schwestern daran, dass das Königreich Gottes schon gekommen ist; dass Gerechtigkeit und Wahrheit möglich sind, wenn wir uns der liebenden Gegenwart von Gott unserem Vaters sowie Christus, unserem Bruder und Herrn und dem Heiligen Geist, unserem Tröster öffnen. Mit Großherzigkeit und mit Heroismus müsst ihr immer versuchen, dafür Sorge zu tragen, dass die Gesellschaft von Liebe, Gerechtigkeit, Güte, Dienstbarkeit und Solidarität in Übereinstimmung mit den Charismen eurer Gründer geleitet wird. Mit großer Freude solltet ihr eure Weihe annehmen, die ein Instrument der Heiligung für Euch selbst ist und für die Erlösung Eurer Brüder und Schwestern.

Die Kirche in Lateinamerika dankt euch für euren großartigen Einsatz und all das, was ihr in den vergangenen Jahrhunderten für das Evangelium Christi und für das Wohl Eurer Brüder und Schwestern erreicht habt, insbesondere für die Ärmsten und Ausgegrenzten unter ihnen. Ich lade euch ein, immer zusammen mit den Bischöfen zu arbeiten und mit ihnen geeint zu sein, weil sie diejenigen sind, die für die Pastoral die Verantwortung tragen. Ich ermahne euch auch, der Autorität der Kirche mit Gehorsam gegenüberzustehen. Setzt euch kein anderes Ziel als das der Heiligung, so wie Ihr es auch von euren Gründern gelernt habt.

Die gläubigen Laien

Heute, da die Kirche dieses Kontinents sich aus ganzem Herzen zu ihrem missionarischen Auftrag bekennt, möchte ich alle gläubigen Laien daran erinnern, dass auch sie Kirche sind, die Gemeinschaft, die von Christus zusammengerufen wurde, um sein Zeugnis vor der ganzen Welt abzulegen. Alle getauften Männer und Frauen müssen sich dessen bewusst werden, dass sie nach dem Vorbild Christi geschaffen wurden, dem Priester, dem Propheten und dem Hirten durch das allgemeine Priestertum des Volkes Gottes. Sie müssen ihre gemeinsame Verantwortung für den Aufbau der Gesellschaft nach den Kriterien des Evangeliums wahrnehmen und zwar mit Begeisterung und Mut sowie in Gemeinschaft mit ihren Priestern.

Es sind heute viele von euch anwesend, die kirchlichen Bewegungen angehören, in denen wir die vielfältige Präsenz und die geheiligten Handlungen des Heiligen Geistes in der Kirche und in der heutigen Gesellschaft erkennen können. Ihr seid dazu berufen, der Welt das Zeugnis von Jesus Christus zu bringen und Sauerteig der Liebe Gottes unter den Menschen zu werden.

Junge Menschen und Berufungspastoral

In Lateinamerika besteht der größte Teil der Bevölkerung aus jungen Menschen. Deshalb müssen wir sie in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass es ihre Berufung ist, Freunde Christi, seine Jünger, zu sein. Junge Menschen haben keine Angst davor, Opfer zu bringen, sie fürchten sich vor einem sinnlosen Leben. Sie sind feinfühlig gegenüber dem Ruf Jesu, der sie einlädt, ihm nachzufolgen. Sie können diesem Ruf folgen als Priester, als Männer oder Frauen des geweihten Lebens, als Väter oder Mütter von Familien. Dabei können sie sich mit allem Engagement dem Dienst an ihren Brüder und Schwestern verschreiben, indem sie ihre Zeit und ihre Fähigkeit zur Hingabe mit ihrem ganzen Leben einbringen. Junge Menschen müssen ihr Leben als eine ständige Entdeckungsreise betrachten. Sie dürfen sich niemals von modischen Trends gefangen nehmen lassen, sondern sollen vielmehr mit einer tiefen Neugier über die Bedeutung des Lebens und des Geheimnisses Gottes, des Schöpfers und Vaters und Sohnes, unseres Erlösers innerhalb der menschlichen Familie tätig werden. Sie sollten sich auch für die ständige Erneuerung der Welt im Lichte des Evangeliums engagieren. Darüber hinaus müssen sie allen einfachen Versprechungen von sofortigem Glück widerstehen und dem Scheinparadies von Drogen, Vergnügungen und Alkohol eine Absage erteilen. Auch müssen sie jeder Form von Gewalt eine klare Absage erteilen.

6. „Bleibe bei uns“

Die Beratungen dieser Fünften Generalversammlung veranlassen uns, uns der Bitte der Jünger auf dem Weg nach Emmaus anzuschließen. „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag ist schon fast vergangen“ (Lk 24, 29).

Bleibe bei uns, Herr, schenke uns deine Gemeinschaft, selbst wenn wir dich nicht immer erkannt haben. Bleibe bei uns, weil überall um uns herum die Schatten länger werden und weil du das Licht bist; Entmutigung will sich in unseren Herzen ausbreiten: lasse sie brennen mit der Gewissheit von Ostern. Wir sind müde von der Reise, aber du tröstest uns durch das Brechen des Brotes, so dass wir unseren Brüdern und Schwestern verkünden können, dass du wirklich auferstanden bist und uns mit der Aufgabe betraut hast, Zeugnis von deiner Auferstehung abzulegen.

Bleibe bei uns Herr, wenn der Nebel von Zweifel, Erschöpfung und Schwierigkeiten um unseren katholischen Glauben herum aufsteigen; du bist die Wahrheit selbst, du bist derjenige, der uns den Vater zeigt: erleuchte unseren Geist mit deinem Wort und hilf uns, die Schönheit des Glaubens an dich zu erfahren.

Bleibe in unseren Familien, erleuchte sie, wenn sie zweifeln, stärke sie in ihren Schwierigkeiten, tröste sie in ihrem Leiden und bei ihrer täglichen Arbeit, wenn die Schatten auf sie fallen, die ihre Einheit und ihre naturgegebene Identität bedrohen. Du bist das Leben selbst: bleibe in unseren Wohnungen, so dass sie auch weiterhin Nester bleiben, in denen menschliches Leben großherzig geboren wird, wo das Leben willkommen geheißen wird, wo es geliebt und respektiert wird, vom Augenblick der Empfängnis an bis zu seinem natürlichen Tod.

Bleibe, oh Herr, bei all jenen in unserer Gesellschaft, die am verletzlichsten sind; bleibe bei den Armen und Erniedrigten, bei den indigenen Völkern und den Afro-Amerikanern, die nicht immer den Raum und die Unterstützung erfahren haben, um den Reichtum ihrer Kultur und die Weisheit ihrer Identität ausleben zu können. Bleibe, o Herr, bei unseren Kindern und bei den jungen Menschen, die die Hoffnung und der Schatz unseres Kontinents sind, beschütze sie vor den vielen Fallstricken, die ihre Unschuld und ihre berechtigten Hoffnungen bedrohen. O du Guter Hirte, bleibe bei unseren alten und kranken Menschen. Stärke sie in ihrem Glauben, so dass sie deine Jünger und deine Missionare sein können:

Schluss

Mein Aufenthalt bei Euch geht zu Ende. Ich möchte den Schutz der Mutter Gottes und der Mutter der Kirche auf euch herabflehen und auf ganz Lateinamerika und die Karibik. Ich flehe unsere Mutter besonders unter dem Titel Guadalupe, der Schutzpatronin Amerikas, und unter dem Titel Aparecida, Schutzpatronin Brasiliens, an, damit sie euch bei eurer aufregenden und herausfordernden pastoralen Arbeit begleitet. Ihr empfehle ich das Volk Gottes im dritten christlichen Jahrtausend an. Ich bitte sie auch, euren Beratungen und Überlegungen bei der Generalversammlung den Weg zu weisen und ich bitte sie, mit überreichen Gaben die geliebten Völker dieses Kontinents zu segnen.

[Übersetzung von Claudia Reimüller und Margret Still; © Die Tagespost vom 15.5.2007]

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