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Treffen mit den Jugendlichen im städtischen Stadion von Pacaembu "Paulo
Machado de Carvalho" in São Paulo - Ansprache (10.
Mai 2007)
Papst Benedikt XVI.
ZENIT-Übersetzung des portugiesischen Originals; © Copyright
2007 – Libreria Editrice Vaticana
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Meine
lieben jungen Freunde!
„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz,
und gib das Geld den Armen; … dann komm, und folge mir
nach“ (Mt 19,21).
1. Ich habe mir besonders gewünscht, euch während
dieser meiner ersten Reise nach Lateinamerika zu begegnen. Ich
bin gekommen, um die Fünfte Generalversammlung der Bischöfe
von Lateinamerika zu eröffnen, die meinem Wunsch gemäß in
Aparecida hier in Brasilien stattfinden wird, beim Heiligtum
Unserer Lieben Frau. Sie ist es, die uns zu Jesu Füßen
führt, damit wir seine Lehren über das Reich kennen
lernen können, und sie ist es auch, die in uns den Wunsch
weckt, seine Missionare zu sein: damit die Menschen dieses „Kontinents
der Hoffnung“ in ihm die Fülle des Lebens haben.
Eure Bischöfe hier in Brasilien haben während ihrer
Vollversammlung im vergangenen Jahr über das Thema der Evangelisierung
der Jugend nachgedacht, und sie gaben euch ein Dokument in die
Hände. Sie haben euch darum gebeten, dieses Dokument entgegenzunehmen
und im Lauf des Jahres eure eigenen Überlegungen hinzuzufügen.
Bei ihrer allerletzten Versammlung kamen die Bischöfe auf
dieses Thema zurück, das durch eure Mitarbeit bereichert
worden ist, und sie taten es in der Hoffnung, dass die Überlegungen
und Orientierungen, die darin vorgeschlagen werden, als Ansporn
dienen mögen und als Lichtstrahl für eure Reise. Die
Worte, die der Erzbischof von São Paulo und der Leiter
der Jugendseelsorge vorgebracht haben – ich möchte
ihnen beiden danken –, sind eine Bestätigung für
den Geist, der eure Herzen bewegt.
Schon als ich gestern Abend über euer Land Brasilien flog,
blickte ich unserer Begegnung hier im Stadium von Pacaembu entgegen,
darauf bedacht, euch allen eine herzliche brasilianische Umarmung
zukommen zu lassen und mit euch die Empfindungen zu teilen, die
ich im tiefsten Innern meines Herzens trage und die uns im heutigen
Evangelium aufgezeigt worden sind, was sehr passend ist.
Ich habe bei solchen Treffen immer eine besondere Freude erfahren.
Ich erinnere mich ganz besonders an den 20. Weltjugendtag, dem
ich vor zwei Jahren in Deutschland vorstehen durfte. Einige von
denen, die heute hier versammelt sind, waren damals anwesend!
Für mich ist es aufgrund der reichen Früchte der Gnade
des Herrn, die auf diejenigen, die dort waren, ausgegossen wurde,
eine bewegende Erinnerung. Es gibt wenig Zweifel darüber,
dass die erste unter den zahlreichen Früchte, auf die ich
hinweisen könnte, der beispielhafte Sinn für Brüderlichkeit
war, der als klares Zeugnis für die immerwährende Vitalität
der Kirche in der ganzen Welt hervorstach.
2. Aus diesem Grund, meine lieben Freunde, bin ich sicher, dass
die Eindrücke, die ich in Deutschland hatte, hier erneuert
werden. Der Diener Gottes Papst Johannes Paul II. seligen Angedenkens
erklärte während seines Besuchs nach Mato Grosso 1991,
dass „die jungen Menschen die ersten Protagonisten des
dritten Jahrtausends“ seien. „Sie sind es, die das
Schicksal dieser neue Etappe der Menschheit abstecken“ (16.
Oktober 1991). Heute bin ich ergriffen, wenn ich diese Bemerkung
wiederhole, die euch allen gilt.
Das christliche Leben, das ihr in unzähligen Pfarrgemeinden
und kleinen kirchlichen Gemeinschaften führt, in den Universitäten,
Hochschulen und Schulen, ganz besonders aber am Arbeitsplatz
in der Stadt und auf dem Land, gefällt dem Herrn zweifellos.
Aber es ist notwendig, noch weiter zu gehen. „Wir dürfen
nie 'genug' sagen, denn die Liebe Gottes ist unendlich,
und der Herr bittet uns, oder besser: er verlangt von uns, dass
wir unsere Herzen weit machen, damit in ihnen Platz für
noch mehr Liebe ist, für noch mehr Güte und Verständnis
für unsere Brüder und Schwestern sowie für die
Probleme, die nicht nur die menschliche Gemeinschaft betreffen,
sondern auch die wirksame Bewahrung und Behütung der natürlichen
Umwelt, von der wir alle ein Teil sind. „Unsere Wälder
besitzen mehr Leben“: Lasst diese Flamme der Hoffnung nicht
ausgehen, die euch eure Nationalhymne in den Mund legt. Die Umweltzerstörung
im Amazonasgebiet und die Bedrohung der menschlichen Würde
der Völker, die in diesem Gebiet leben, erfordern in den
verschiedenen Tätigkeitsbereichen einen größeren
Einsatz, als die Gesellschaft im Allgemeinen für nötig
erachtet.
3. Heute möchte ich gern den Text betrachten, den wir gerade
vom heiligen Matthäus gehört haben (vgl. 19.16-22).
Er handelt von einem jungen Mann, der sich eilends aufmacht,
um Jesus zu sehen. Seine Ungeduld verdient besondere Beachtung.
In diesem jungen Mann sehe ich euch alle, die Jugend Brasiliens
und Lateinamerikas. Ihr seid eilends aus verschiedenen Gegenden
dieses Kontinents zu diesem unserem Treffen hierher aufgebrochen.
Ihr wollt hören, was Jesus selbst sagt – durch die
Stimme des Papstes.
Ihr habt eine äußerst wichtige Frage, die ihr ihm
stellen wollt – eine Frage, die in diesem Evangelium vorkommt.
Es handelt sich um die Frage, die vom jungen Mann aufgeworfen
wird, der eilends aufbricht, um Jesus zu sehen: „Was muss
ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Ich möchte
mit euch diese Frage genauer in den Blick nehmen. Sie hat mit
dem Leben zu tun, mit dem Leben, das – in euch allen – überschäumend
und wunderschön ist. Was werdet ihr damit tun? Wie könnt
ihr es in Fülle leben?
Schon in der Formulierung dieser Frage erkennen wir auf den
ersten Blick, dass das Hier und Jetzt nicht genug sind. Um es
anders auszudrücken: Wir dürfen unser Leben nicht durch
die Grenzen von Raum und Zeit einschränken, wir sehr wir
uns auch darum bemühen mögen, ihren Horizont zu weiten.
Das Leben geht über sie hinaus. In anderen Worten: Wir wollen
leben, nicht sterben. Wir sind uns bewusst, dass es etwas gibt,
was uns sagt, dass das Leben ewig ist und dass wir uns anstrengen
müssen, um dieses Leben zu erreichen. Kurzum: Es liegt in
unserer Hand und hängt in gewisser Weise von unserer eigenen
Entscheidung ab.
Die Frage im Evangelium betrifft nicht nur unsere Zukunft. Es
geht hier nicht nur um die Frage, was nach dem Tod sein wird.
Im Gegenteil: Sie besteht als Aufgabe in der Gegenwart, im Hier
und im Jetzt, die die Authentizität und in der Folge die
Zukunft gewährleisten muss. Kurz gesagt: Die Frage des jungen
Mannes wirft das Thema vom Sinn des Lebens auf. Deshalb könnte
sie auch so gestellt werden: Was muss ich tun, damit mein Leben
einen Sinn hat? Wie muss ich leben, damit ich die reifen Früchte
des Lebens ernten kann? Oder auch: Was muss ich tun, um mein
Leben nicht zu verschwenden?
Nur Jesus kann uns die Antwort geben, denn er allein kann uns
das ewige Leben zusichern. Und darum kann uns nur er allein den
Sinn dieses gegenwärtigen Lebens zeigen und ihm Fülle
verleihen.
4. Aber ehe Jesus seine Antwort gibt, fragt er nach einem sehr
wichtigen Punkt in der Anfrage des jungen Mannes: Warum fragst
du mich nach dem Guten? In dieser Frage finden wir den Schlüssel
zu seiner Antwort. Dieser junge Mann erkennt, dass Jesus gut
ist und dass er ein Lehrmeister ist – ein Meister, der
nicht betrügt. Wir sind hier, weil wir ganz genau dieselbe Überzeugung
haben: Jesus ist gut. Es mag sein, dass wir nicht wissen, wie
wir den Grund für diese Erkenntnis umfassend erklären
können, aber sie zieht uns ohne jeden Zweifel zu ihm hin
und öffnet uns für seine Lehre: Er ist ein guter Lehrmeister.
Das Gute zu erkennen, bedeutet zu lieben. Und jeder, der liebt – um
einen treffenden Ausdruck des heiligen Johannes zu gebrauchen –,
kennt Gott (vgl. 1 Joh 4,7). Der junge Mann im Evangelium hat
Gott in Jesus Christus erkannt.
Jesus versichert uns, dass Gott allein gut ist. Für das
Gute offen zu sein bedeutet, Gott zu empfangen. So lädt
er uns dazu ein, Gott in allen Dingen und in allem, was geschieht,
zu sehen – ja selbst dort, wo die meisten Menschen nur
Gottes Abwesenheit sehen. Wenn wir die Schönheit der Schöpfung
sehen und das in ihr vorhandene Gute erkennen, ist es unmöglich,
nicht an Gott zu glauben und seine rettende und bestärkende
Gegenwart nicht zu erfahren. Wenn es uns möglich wäre,
all das Gute wahrzunehmen, was es in der Welt gibt – und
darüber hinaus die Erfahrung des Guten zu machen, das von
Gott selbst ausgeht –, würden wir niemals damit aufhören,
ihm entgegenzugehen, ihn zu loben und ihm zu danken. Ständig
erfüllt er uns mit Freude und schenkt uns gute Sachen. Seine
Freude ist unsere Stärke.
Aber wir können nur in einer unvollkommenen Weise und nur
zum Teil erkennen. Um zu begreifen, was gut ist, benötigen
wir Unterstützung, eine Unterstützung, wie sie uns
die Kirche bei vielen Anlässen anbietet, insbesondere durch
die Katechese. Jesus selbst zeigt uns, was gut für uns ist,
indem er uns das erste Element in seiner Katechese darlegt: „Wenn
Du das Leben erlangen willst, halte die Gebote“ (Mt 19,17).
Er beginnt mit einer Kenntnis, mit der der junge Mann sicherlich
schon von seiner Familie und der Synagoge her vertraut ist: Er
kennt die Gebote. Sie führen zum Leben, was bedeutet, dass
sie unsere Authentizität sicherstellen. Sie sind die großen
Hinweistafeln, die uns den richtigen Weg weisen. Jeder, der die
Gebote hält, ist auf dem Weg, der zu Gott führt.
Es reicht allerdings nicht aus, sie nur zu kennen. Das Zeugnis
ist noch wichtiger als das Wissen. Oder besser gesagt: Es ist
angewandtes Wissen. Die Gebote werden uns nicht von außen
auferlegt; sie verringern unsere Freiheit nicht. Im Gegenteil:
Sie sind starke innere Anreize, die uns dazu veranlassen, in
einer bestimmten Weise zu handeln. In ihrer Mitte entdecken wir
Gnade und Natur, die es nicht zulassen, dass wir stehen bleiben.
Wir müssen uns auf den Weg machen. Wir sind dazu angeregt,
etwas zu tun, um unser Potential auszuschöpfen. Durch die
Handlung Erfüllung zu finden, bedeutet in Wirklichkeit,
echt zu werden. Wir sind von unserer Jugend an weitgehend das,
was immer wir auch sein wollen. Wir sind sozusagen das Werk unserer
eigenen Hände.
5. An diesem Punkt wende ich mich von neuem an euch Jugendliche,
weil ich auch von euch die Antwort des Jugendlichen aus dem Evangelium
hören möchte: All diese Dinge habe ich beobachtet von
Jugend an. Der Jugendliche des Evangeliums war gut. Er beobachtete
die Gebote. Er ging den Weg Gottes. Darum fesselte ihn Jesus,
er liebte ihn. Indem er Jesus als gut anerkannte, zeigte er,
dass auch er gut war. Er machte eine Erfahrung des Guten und
damit Gottes. Und ihr, Jugendliche Brasiliens und Lateinamerikas,
habt ihr schon entdeckt, was gut ist? Folgt ihr den Geboten des
Herrn? Habt ihr entdeckt, dass das der wahre und einzige Weg
zum Glück ist?
Die Jahre, die ihr jetzt verbringt, sind die Jahre, die eure
Zukunft vorbereiten. Das „Morgen“ hängt sehr
davon ab, wie ihr das „Heute“ der Jugend lebt. Vor
euren Augen, liebe Jugendliche, liegt ein Leben, das hoffentlich
lang sein möge. Aber es gibt nur ein Leben, es ist einzig:
Lasst nicht zu, dass es umsonst vergeht, verschwendet es nicht.
Lebt mit Begeisterung, mit Freude, aber vor allem mit Verantwortungsbewusstsein.
Oft zittern die Herzen von uns Hirten, wenn wir feststellen,
wie es in unserer Zeit zugeht. Wir hören von den Ängsten
der Jugend von heute. Diese zeigen uns einen enormen Mangel an
Hoffnung, Angst vor dem Tod, gerade in dem Augenblick, wo das
Leben aufblüht und den Weg der eigenen Verwirklichung sucht,
Angst zu scheitern, Angst davor, nicht den Sinn des Lebens entdeckt
zu haben; und Angst, abgehängt zu werden angesichts einer
erschütternden Schnelligkeit der Ereignisse und der Kommunikation.
Wir stellen eine hohe Prozentzahl von Toten unter den Jugendlichen
fest, Bedrohungen durch Gewalt, die bedauerliche Verbreitung
von Drogen, die die Jugend von heute bis in die tiefsten Wurzeln
erschüttert. Man spricht deshalb von einer ins Schleudern
geratenen Jugend.
Aber während ich euch sehe, ihr Jugendlichen hier, voller
Freude und Enthusiasmus, übernehme ich den Blick Christ:
einen Blick der Liebe und des Vertrauens, in der Sicherheit,
dass ihr das wahre Leben gefunden habt. Ihr seid die Jugendlichen
der Kirche. Ich schicke euch deshalb in die große Mission,
die Jungen und Mädchen zu evangelisieren, die in dieser
Welt herumirren wie Schafe ohne Hirten. Ihr seid die Apostel
der Jugend. Ladet sie ein, mit euch zu gehen, dieselbe Erfahrung
des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu machen wie ihr; Jesus
zu begegnen, um sich wirklich geliebt zu fühlen, angenommen
und mit der großen Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen.
Damit auch sie die sicheren Wege der Gebote entdecken und ihnen
folgend zu Gott gelangen.
Ihr könnt die Protagonisten einer neuen Gesellschaft sein,
wenn ihr ein konkretes Verhalten an den Tag legt, das von den
universalen moralischen Werten inspiriert ist, aber auch einen
persönlichen Einsatz von menschlicher und geistlicher Formung,
die von vitaler Bedeutung ist. Ein Mann oder eine Frau, die nicht
durch die korrekte Interpretation des christlichen Lebens auf
die tatsächlichen Herausforderungen ihres eigenen Umfelds
vorbereitet sind, werden leicht zum Opfer aller Angriffe des
auf allen Ebenen immer aktiveren Materialismus und Laizismus.
Seid freie und verantwortliche Männer und Frauen; macht
aus der Familie ein Zentrum, das Friede und Freude ausstrahlt;
seid Förderer des Lebens von seinem Anfang bis zu seinem
natürlichen Ende; schützt die Alten, weil sie Respekt
und Bewunderung für das verdienen, was sie euch getan haben.
Der Papst erwartet sich auch, das die Jugendlichen ihre Arbeit
zu heiligen versuchen, indem sie sie mit technischer Kompetenz
und mit Sorgfalt verrichten, um zum Fortschritt all ihrer Brüder
beizutragen und um alle menschlichen Aktivitäten mit dem
Licht des Evangeliums zu erleuchten (vgl. Lumen gentium, 36).
Vor allem aber wünscht sich der Papst, dass sie es verstehen,
Protagonisten einer gerechteren und brüderlicheren Gesellschaft
zu sein, indem sie ihre Pflichten dem Staat gegenüber erfüllen:
indem sie seine Gesetze achten, indem sie sich nicht von Hass
und Gewalt treiben lassen, indem sie versuchen, Vorbild eines
christlichen Verhaltens in ihrem beruflichen und sozialen Umfeld
zu sein und sich durch Ehrenhaftigkeit in ihren sozialen und
beruflichen Beziehungen auszeichnen. Sie mögen sich daran
erinnern, dass der maßlose Anspruch auf Reichtum und Macht
zu persönlicher Korruption und zur Korruption der anderen
führt; es gibt keine gültigen Gründe, die den
Versuch rechtfertigen würden, die eigenen Ansprüche,
seien sie wirtschaftlicher oder politischer Art, durch Betrug
und Täuschung durchzusetzen.
Genau betrachtet gibt es ein weites Panorama des Handelns, bei
dem die Fragen der sozialen, wirtschaftlichen und politischen
Natur immer dann eine besondere Gestalt annehmen, wenn die Quelle
ihrer Inspiration das Evangelium und die Soziallehre der Kirche
sind. Der Aufbau einer gerechteren und solidarischeren, einer
versöhnten und friedlichen Gesellschaft, das Bemühen,
die Gewalt zu bremsen, die Initiativen zur Förderung des
ganzen Lebens, der demokratischen Ordnung und des Allgemeinwohls
sowie, ganz besonders, jene Initiativen, die darauf abzielen,
gewisse in den lateinamerikanischen Gesellschaften bestehende
Diskriminierungen abzubauen und die kein Grund dafür sind,
jemanden auszuschließen, sondern eine gegenseitige Bereicherung
bedeuten.
Habt vor allem große Achtung vor der Institution des Sakraments
der Ehe. Es kann kein wahres Glück zuhause geben, wenn es
keine Treue unter den Eheleuten gibt. Die Ehe ist eine Einrichtung
des Naturrechts, die von Christus zur Würde des Sakraments
erhoben wurde; sie ist ein großes Geschenk, das Gott der
Menschheit gemacht hat. Achtet sie, verehrt sie. Gleichzeitig
ruft euch Gott, euch gegenseitig beim Verliebtsein und als Verlobte
zu achten, denn das eheliche Leben, das nach göttlicher
Bestimmung nur den verheirateten Paaren vorbehalten ist, wird
nur in dem Maß zu einer Quelle des Glücks und des
Friedens, in dem ihr versteht, aus der Keuschheit sowohl innerhalb
wie außerhalb der Ehe ein Bollwerk zum Schutz eurer zukünftigen
Hoffnungen zu machen. Ich wiederhole hier für euch alle,
dass „der Eros uns zum Göttlichen hinreißen,
uns über uns selbst hinausführen will, aber gerade
darum einen Weg des Aufstiegs, der Verzichte, der Reinigungen
und Heilungen verlangt“ (Deus caritas est, 5).
In wenigen Worten, er verlangt einen Geist des Opfers und des
Verzichts um eines höheren Guts willen, welches genau genommen
die Liebe Gottes zu allen Dingen ist. Versucht mit Festigkeit
allen Fallen des in vielen Umfeldern bestehenden Bösen zu
widerstehen, das euch zu einem sittenlosen und paradoxerweise
leeren Leben drängt, indem es euch das kostbare Geschenk
eurer Freiheit und eures wahren Glücks verlieren lässt.
Die wahre Liebe muss „immer mehr das Glück des anderen
wollen, immer mehr sich um ihn sorgen, sich schenken, für
ihn da sein wollen“ (ebd. 7) und wird deshalb immer treuer,
unauflösbarer und fruchtbarer sein. Zählt dabei auf
die Hilfe Jesu Christi, der das mit seiner Gnade möglich
macht (vgl. Mt 19,26). Das Leben des Glaubens und des Gebets
wird euch zu den Wegen der Innigkeit mit Gott führen und
zum Verständnis der Größe der Pläne, die
Er für jede Person hat. „Um des Himmelreichs willen“ sind
einige zu einer völligen und endgültigen Hingabe berufen,
um sich Gott im religiösen Leben zu weihen, einer „außerordentlichen
Gnadengabe“, wie das Zweite Vatikanische Konzil erklärt
hat (Perfectae caritatis, 12).
Die Geweihten, die sich Gott unter dem Antrieb des Heiligen
Geistes ganz hingeben, nehmen an der Mission der Kirche teil,
indem sie die Hoffnung auf das Reich Gottes unter allen Menschen
bezeugen. Darum segne ich alle Religiosen, die sich im Weinberg
des Herrn Christus und den Brüdern widmen, und rufe den
Segen auf sie herab. Die geweihten Personen verdienen wahrhaft
die Dankbarkeit der kirchlichen Gemeinschaft: die Mönche
und Nonnen, die Kontemplativen, die den Apostolatswerken geweihten
Religiosen, die Mitglieder der Säkularinstitute und der
Gesellschaften des Apostolischen Lebens, die geweihten Eremiten
und Jungfrauen. „Ihre Existenz bezeugt die Liebe zu Christus,
wenn sie auf seine Nachfolge zusteuern, wie es vom Evangelium
vorgeschlagen wird, und mit innerster Freude den Lebensstil annehmen,
den Er für Sich gewählt hat“ (Kongregation für
die Institute des gottgeweihten und apostolischen Lebens, Instruktion
Ripartire da Cristo, 5). Ich wünsche, dass der Heilige Geist
in diesem Augenblick der Gnade und der tiefen Gemeinschaft mit
Christus in den Herzen vieler Jugendlicher eine leidenschaftliche
Liebe dafür erweckt, dem keuschen, armen und gehorsamen,
ganz der Verherrlichung des Vaters und der Liebe zu den Brüdern
und Schwestern zugewandten Christus nachzufolgen und ihm gleich
zu werden.
6. Das Evangelium sagt uns klar, dass jener Jugendliche, der
Jesus begegnete, sehr reich war. Wir verstehen diesen Reichtum
nicht nur in materieller Hinsicht. Die Jugend selbst ist ein
einzigartiger Reichtum. Man muss ihn entdecken und wert schätzen.
Jesus hat ihn so sehr geschätzt, dass er ihn am Ende eingeladen
hat, an seiner Heilssendung teilzunehmen. Jener Jugendliche trug
in sich alle Voraussetzungen für die Verwirklichung eines
großen Werks.
Aber das Evangelium berichtet uns, dass dieser junge Mann traurig
wurde, als er die Einladung hörte. Er ging niedergeschlagen
und traurig von dannen. Diese Episode lässt uns nochmals über
den Reichtum der Jugend nachdenken. In erster Linie handelt es
sich nicht um materielle Güter, sondern um das eigene Leben
mit den der Jugend innewohnenden Werten. Das rührt von einer
doppelten Erbschaft her: Das Leben, von Generation zu Generation
weitergegeben, an dessen ursprünglichem Anfang Gott steht,
voll der Weisheit und Liebe; sowie die Erziehung, die uns in
die Kultur einführt, so dass man in gewisser Weise sagen
kann, dass wir mehr die Kinder der Kultur, und damit auch des
Glaubens, als Kinder der Natur sind.
Dem Leben entsprießt die Freiheit, die sich, vor allem
in dieser Phase, als Verantwortlichkeit zeigt. Es ist der große
Augenblick der Entscheidung, mit einer doppelten Option: Die
erste betrifft den Lebensstand, die andere den Beruf. Sie antwortet
auf die Frage, was man aus seinem Leben machen soll. Mit anderen
Worten, die Jugend erweist sich als ein Reichtum, weil sie zu
einer Entdeckung des Lebens als Geschenk und als Auftrag führt.
Der Jugendliche des Evangeliums verstand den Reichtum der eigenen
Jugend. Er ging zu Jesus, dem guten Lehrer, um Orientierung zu
suchen. In der Stunde der großen Option hatte er aber nicht
den Mut, alles auf Jesus Christus zu setzen. Die Folge war, dass
er traurig und niedergeschlagen wegging. Das geschieht jedes
Mal, wenn unsere Entscheidungen wanken und kläglich und
eigennützig werden. Er verstand, dass ihm die Großzügigkeit
fehlte, und das erlaubte ihm keine volle Verwirklichung. Er zog
sich auf seinen Reichtum zurück, indem er ihn zu etwas Egoistischem
machte.
Jesus missfällt die Traurigkeit und das Klägliche
des Jugendlichen, der gekommen war, ihn zu suchen. Die Apostel,
so wie ihr alle heute, füllen die Leere auf, die jener Jugendliche
zurückließ, der traurig und niedergeschlagen davonging.
Sie und wir sind glücklich, weil wir wissen, wem wir glauben
(vgl. 2 Tim 1,12). Wir wissen und bezeugen mit unserem Leben,
dass nur Er Worte des ewigen Lebens hat (vgl. Joh 6,68). Deswegen
können wir mit dem heiligen Paulus ausrufen: Freuet euch
immer im Herrn! (vgl. Phil 4,4)
7. Mein heutiger Appell an euch Jugendliche, die ihr zu diesem
Treffen gekommen seid, ist der, dass ihr eure Jugend nicht verschwendet.
Versucht nicht, vor ihr zu fliehen. Lebt sie intensiv. Weiht
sie den hohen Idealen des Glaubens und der menschlichen Solidarität.
Ihr Jugendlichen seid nicht nur die Zukunft der Kirche und der
Menschheit, so als sei das eine Art Flucht vor der Gegenwart.
Im Gegenteil: Ihr seid die gegenwärtige Jugend der Kirche
und der Menschheit. Ihr seid ihr junges Angesicht. Die Kirche
braucht euch, als Jugendliche, um der Welt das Angesicht Jesu
Christi zu zeigen, das sich in der christlichen Gemeinschaft
abzeichnet. Ohne dieses junge Angesicht würde sich die Kirche
entstellt zeigen.
Liebe Jugendliche, in Kürze eröffne ich die fünfte
Konferenz des lateinamerikanischen Episkopats. Ich bitte euch,
ihre Arbeit mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, an den Debatten
teilzunehmen, ihre Früchte aufzunehmen. Wie es bei den vergangenen
Konferenzen der Fall war, wird auch sie in bezeichnender Weise
die nächsten zehn Jahre der Evangelisation in Lateinamerika
und der Karibik vorzeichnen. Niemand darf beiseite stehen oder
gleichgültig bleiben angesichts dieser großen Anstrengung
der Kirche – und am wenigsten noch die Jugend. Ihr seid
in vollem Umfang Teil der Kirche, die das Angesicht Jesu Christi
für Lateinamerika und die Karibik darstellt.
Ich grüße die Französischsprachigen, die auf
dem lateinamerikanischen Kontinent leben, und ich lade sie ein,
Zeugen des Evangeliums und Protagonisten des kirchlichen Lebens
zu sein. Mein Gebet gilt in ganz besonderer Weise euch Jugendlichen:
Ihr seid gerufen, euer Leben auf Christus und die grundlegenden
menschlichen Werte zu bauen. Mögen sich alle eingeladen
fühlen, mitzuwirken, um eine Welt der Gerechtigkeit und
des Friedens zu errichten.
Liebe junge Freunde, so wie der junge Mann des Evangeliums,
der Jesus fragte: „Was muss ich Gutes tun, um das ewige
Leben zu erlangen?“, so sucht auch ihr die Wege, um auf
den Ruf Gottes großzügig zu antworten. Ich bete, dass
ihr seine erlösenden Worte hört und seine Zeugen werdet
für die Völker von heute. Gott segne euch alle mit
Friede und Freude.
Liebe Jugendliche, Christus ruft euch, heilig zu sein. Er selbst
lädt euch ein und will mit euch gehen, um Brasilien an diesem
Anfang des dritten Jahrtausends der christlichen Zeit mit seinem
Geist zu beleben. Ich bitte unsere Liebe Frau von Aparecida,
dass sie euch mit ihrer mütterlichen Hilfe führe und
euch das Leben lang begleitet.
Gelobt sei unser Herr Jesus Christus!
[© Die Tagespost vom 12.5.2007]
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