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Meditation, die Papst Benedikt XVI. am Montag nach der Lektüre
der Terz oder der Dritten Stunde des Stundengebets vor den Synodenvätern
im Vatikan gehalten hat
03/10/2005
Quelle: zenit.org
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Liebe
Mitbrüder,
dieser Text der Terz von heute enthält fünf Imperative
und ein Versprechen. Lasst uns ein bisschen besser verstehen,
was der Apostel uns mit diesen Worten sagen will.
Der erste Imperativ erscheint sehr häufig in den Briefen
des Apostels Paulus, man könnte sogar sagen, dass er der "cantus
firmus" seines Gedankens ist: "gaudete" ["Freut
euch"].
In einem so gepeinigten Leben wie es das seinige war, einem
Leben voller Verfolgungen, Hunger, Leiden aller Arten, bleibt
ein Schlüsselwort dennoch immer gegenwärtig: "gaudete".
Hier erhebt sich die Frage: Ist es möglich, die Freude
quasi zu befehlen? Die Freude, würden wir sagen, kommt oder
kommt nicht, aber sie kann nicht erzwungen werden wie eine Pflicht.
Und hier hilft es uns, an den bekanntesten Text der paulinischen
Briefe über über die Freude zu denken, den der "Dominica
Gaudete", im Herzen der Adventsliturgie: "Gaudete,
iterum dico gaudete quia Dominus prope est" ["Noch
einmal sage ich euch: Freut euch! Denn der Herr ist nahe",
vgl. Phil 4,4.5].
Hier hören wir den Grund, warum Paulus in all seinen Leiden,
in all seinen Nöten, zu den anderen sagen konnte: "gaudete".
Er konnte es sagen, weil in ihm selbst die Freude gegenwärtig
war: "Gaudete, Dominius enim prope est."
Wenn der Geliebte – die Liebe, das größte Geschenk
meines Lebens – mir nahe ist, wenn ich überzeugt sein
kann, dass derjenige, der mich liebt, auch in Situationen der
Not in meiner Nähe ist, bleibt im Grunde des Herzens die
Freude, die größer ist als alle Leiden.
Der Apostel kann sagen "gaudete", weil der Herr in
unser aller Nähe ist. Und so ist dieser Imperativ in Wirklichkeit
eine Einladung, die Gegenwart des Herrn in unserer Nähe
zu bemerken. Er ist eine Sensibilisierung hinsichtlich der Gegenwart
des Herrn. Der Apostel will uns aufmerksam machen auf diese verborgene,
aber sehr reale Gegenwart Christi, der in der Nähe eines
jeden von uns ist. Für jeden von uns sind die Worte der
Apokalypse wahr: Ich klopfe an deine Tür, höre mich
an, öffne mir.
Es handelt sich folglich auch um die Einladung, sensibel zu
sein für diese Gegenwart des Herrn, der an meine Tür
klopft. Nicht taub zu sein ihm gegenüber, weil die Ohren
unserer Herzen dermaßen voll sind von so vielem Lärm
der Welt, dass wir nicht diese leise Gegenwart, die an unsere
Türen klopft, hören können. Denken wir nach, ob
wir jetzt wirklich bereit sind, die Türen unseres Herzen
zu öffnen, oder ob dieses Herz nicht vielleicht voll von
anderen Dingen ist, so dass für den Herrn kein Platz ist
und wir im Augenblick keine Zeit für den Herrn haben. Wenn
wir unsensibel und taub für seine Gegenwart und voll von
anderen Dingen sind, können wir das Wichtige nicht hören:
Er klopft an der Tür und ist uns nahe. So nahe ist die wahre
Freude, die stärker ist als alle Traurigkeiten der Welt,
alle Traurigkeiten unseres Lebens.
Lasst uns also beten im Kontext dieses ersten Imperativs: Herr,
mach uns sensibel für deine Präsenz; hilf uns zu hören
und nicht taub zu sein für dich; hilf uns, ein freies, offenes
Herz für dich zu haben.
Der zweite Imperativ "perfecti estote" ["Seid
vollkommen"], wie der lateinische Text sagt, scheint mit
dem zusammenfassenden Wort der Bergpredigt zusammenzufallen: "Perfecti
estote sicut Pater vester caelestis perfectus est" ["Ihr
sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater
ist"; vgl. Mt 5,48].
Dieses Wort lädt uns ein, das zu sein, was wir sind: Abbilder
Gottes und Geschöpfe, die erschaffen sind in Bezug zu Gott; "Spiegel",
in dem sich das Licht des Herrn widerspiegelt. icht gemäß dem
Wort des Christentums zu leben, nicht die Heilige Schrift gemäß dem
Wort zu hören, ist schwierig und geschichtlich fragwürdig,
sondern über das Wort und die gegenwärtige Realität
hinauszugehen auf den Herrn zu, der zu uns spricht, und mit ihm
vereint zu sein.
Aber wenn wir den griechischen Text anschauen, finden wir ein
anderes Wort, "catartizesthe", und dieses Wort bedeutet: "wieder
herstellen", ein Instrument reparieren, ihm seine volle
Funktionalität zurückgeben. Das häufigste Beispiel
für die Apostel ist es, das Fischernetz zu reparieren, damit
es von neuem ein Netz zum Fischen sein kann, um erneut zurückzukehren
zu seiner Perfektion dieser Arbeit. Ein anderes Beispiel: Wenn
ein musikalisches Saiteninstrument eine gerissene Saite hat,
kann die Musik folglich nicht so wie gewollt gespielt werden.
So erscheint bei diesem Imperativ unsere Seele wie ein apostolisches
Netz, das trotzdem häufig nicht gut funktioniert, weil es
von unseren eigenen Absichten zerfetzt ist; oder wie ein Musikinstrument,
bei dem leider diese oder jene Saite gerissen ist und folglich
die Musik Gottes, die aus der Tiefe unsere Seele tönen sollte,
nicht gut klingen kann. Es geht darum, dieses Instrument zu reparieren,
die Beschädigungen, die Zerstörungen und Vernachlässigungen
zu erkennen und dafür zu sorgen, dass das Instrument perfekt,
komplett ist, damit es diene, wozu es vom Herrn geschaffen wurde.
Und so kann dieser Imperativ auch eine Einladung sein zu einer
regelmäßigen Gewissenserforschung: um zu sehen, wie
es um dieses mein Instrument steht, bis zu welchem Punkt es vernachlässigt
worden ist und nicht mehr funktioniert, und um zu versuchen,
es zu seiner Vollkommenheit zurückzuführen.
Dieser Imperativ ist auch eine Einladung zum Sakrament der Versöhnung,
in dem Gott selbst dieses Instrument überholt und uns von
neuem die Ganzheit, die Perfektion, die Funktionalität schafft,
damit in dieser Seele wieder das Lob Gottes erklingen kann.
Dann "exortamini invicem" ["Ermutigt euch gegenseitig"].
Die brüderliche Korrektur ist ein Werk der Barmherzigkeit.
Keiner von uns sieht sich selbst gut, sieht gut seine Fehler.
Und so ist es ein Akt der Liebe, einander zu helfen und einander
zu korrigieren, damit man sich besser sehen kann. Ich denke,
genau dass ist ein Wesenszug der Kollegialität, sich auch
im Sinne des vorhergehenden Imperativs zu helfen, die Mängel
zu erkennen, die wir selbst nicht sehen wollen – "ab
occultis meis munda me", sagt der Psalm ["Sprich mich
frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist!", vgl. Ps 18,13];
uns zu helfen, damit wir offen werden und diese Dinge sehen können.
Natürlich erfordert dieses große Werk der Barmherzigkeit,
dass wir uns gegenseitig helfen, damit ein jeder wirklich die
eigene Integrität, die eigene Funktionalität als Instrument
Gottes finde, viel Demut und Liebe; ein demütiges Herz,
das sich nicht über andere stellt und sich nicht als besser
betrachtet, sondern allein als demütiges Instrument. Nur
wenn man diese tief greifende und wahre Demut fühlt, wenn
man fühlt, dass diese Worte aus der gemeinsamen Liebe kommen,
aus der kollegialen Zuneigung, mit der wir gemeinsam Gott dienen
wollen, können wir einander helfen mit einem großen
Akt der Liebe.
Auch hier fügt der griechische Text manches Detail hinzu,
das griechische Wort ist "paracaleisthe"; und es hat
die gleiche Wurzel, von der auch das Wort "Paracletos, paraclesis" kommt – "trösten".
Wir wollen nicht nur korrigieren, sondern auch trösten,
die Nöte des anderen teilen, ihm bei Schwierigkeiten helfen.
Und auch dies erscheint mir als ein großer Akt von wahrer
kollegialer Zuneigung.
In den vielen schwierigen Situationen, die heute in der Seelsorge
entstehen, ist wirklich mancher ein bisschen verzweifelt und
erkennt nicht, wie er voran gehen kann. In einem solchen Augenblick
braucht er Trost. Er braucht jemanden, der ihm bei seiner inneren
Einsamkeit beisteht und das Werk des Heiligen Geistes, des Trösters,
ausführt: Mut zu machen, gemeinsam zu tragen, sich gegenseitig
zu stützen – mit der Hilfe des Heiligen Geist selbst,
der der große Paraklet, der Tröster und unser Verteidiger
ist, der uns hilft. Es handelt sich folglich um die Einladung,
dass wir selbst "ad invicem" ["aneinander"]
das Werk des Heiligen Geistes Paraklet vollziehen.
"Idem sapite": Wir hören hinter dem lateinischen
Wort das Wort "sapor", "Geschmack". Habt
den gleichen Geschmack an den Dingen, habt die gleiche grundlegende
Vision der Wirklichkeit mit allen Unterschieden, die nicht nur
legitim sind, sondern sogar notwendig, aber habt "eundem
sapore": Habt die gleiche Sensibilität. Der griechische
Text sagt dasselbe, "froneite", das heißt: Habt
grundsätzlich den gleichen Gedanken. Wie könnten wir
im Grunde einen gemeinsamen Gedanken haben, der uns hilft, gemeinsam
die Heilige Kirche zu führen, wenn wir nicht gemeinsam den
Glauben teilen, der von keinem von uns erfunden wurde, sondern
der Glaube der Kirche ist – das gemeinsame Fundament, das
uns trägt, auf dem wir stehen und arbeiten?
Dieser Imperativ ist also eine Aufforderung, dass wir uns immer
wieder aufs Neue in diesen gemeinsamen Gedanken einfügen,
in diesen Glauben, der uns voraus geht. "Non respicias peccata
nostra sed fidem Ecclesiae tuae" ["Schau nicht auf
unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche"]:
Es ist der Glaube der Kirche, den der Herr in uns sucht und der
auch die Vergebung der Sünden ist. Es geht darum, dass wir
alle diesen gleichen Glauben haben.
Wir können, wir müssen diesen Glauben gemeinsam leben – jeder
in seiner Einzigartigkeit, aber immer wissend, dass dieser Glaube
uns voraus geht. Und wir müssen allen anderen diesen gemeinsamen
Glauben mitteilen. Dieses Element führt uns schon zum letzten
Imperativ, der uns tiefen Frieden gibt.
Und an diesem Punkt können wir auch an "touto froneite" denken,
an einen anderen Text des Briefes an die Philipper, am Beginn
der großen Hymne über den Herrn, wo der Apostel uns
sagt: Habt die gleichen Gefühle wie Christus, tretet ein
in die "fronesis", in das "fronein", in das
Denken Christi. Folglich können wir alle den Glauben der
Kirche haben, denn mit diesem Glauben treten wir ein in die Gedanken,
in die Gefühle des Herrn und denken gemeinsam mit Christus.
Dies ist die letzte Vertiefung dieser Aussage des Apostels:
denken mit dem Gedanken Christi. Und wir können das tun,
indem wir die Heilige Schrift lesen, in der die Gedanken Christi
Worte werden und zu uns sprechen. In diesem Sinne werden wir
die "Lectio Divina" üben müssen, den Gedanken
Christi in den Schriften fühlen und lernen, mit Christus
zu denken, den Gedanken Christi zu denken, die Gefühle Christi.
Und so ist der letzte Imperativ quasi "pacem habete et
eireneuete" die Zusammenfassung der vier vorhergehenden
Imperative, die Folge der Vereinigung mit Gott, der unser Friede
ist, und mit Christus, der uns gesagt hat: "Pacem dabo vobis." Wir
sind im inneren Frieden, weil der Gedanke, in Christus zu sein,
unser Dasein verbindet. Die Schwierigkeiten, die Kontraste in
unserer Seele verbinden sich, man ist vereinigt mit dem Original,
mit dem, von dem wir mit dem Gedanken Christi ein Abbild sind.
So entsteht der innere Frieden, und nur, wenn wir auf einen tief
greifenden inneren Frieden gegründet sind, können wir
auch Menschen des Friedens in der Welt für die anderen sein.
Hier stellt sich die Frage, ob das Versprechen durch die Imperative
bedingt ist? Ist es so, dass lediglich in dem Maße, in
dem wir die Imperative realisieren können, dieser Gott des
Friedens mit uns ist? Wie ist der Bezug zwischen Imperativ und
Versprechen?
Ich würde sagen, dass er bilateral ist, das heißt,
das Versprechen geht den Imperativen voraus und folgt auch der
Verwirklichung der Imperative. Das bedeutet in erster Linie,
so viel wir tun, ist der Gott der Liebe und des Friedens offen
für uns, ist er mit uns. In der Offenbarung, die im Alten
Testament begonnen hat, ist Gott uns mit seiner Liebe und mit
seinem Frieden entgegen gekommen.
Bei der Inkarnation schließlich ist Gott in uns Gott geworden – Immanuel,
dieser Gott des Friedens mit uns: Er ist Fleisch geworden mit
unserem Fleisch, er ist Blut von unserem Blut. Er ist Mensch
mit uns und umfasst den ganzen Menschen. Und bei der Kreuzigung
und bei dem Niedergang zum Tod hat er sich völlig auf unsere
Seite gestellt. Er geht uns mit seiner Liebe voran und umarmt
unser ganzes Tun. Und das ist unser großer Trost: Gott
geht uns voran. Er hat schon alles getan. Er hat uns Frieden,
Vergebung und Liebe gegeben. Er ist mit uns. Und nur, weil er
mit uns ist, weil wir in der Taufe seine Gnade erhalten haben,
bei der Firmung den Heiligen Geist, im Sakrament des geweihten
Lebens seine Sendung, können wir jetzt agieren, kooperieren
mit seiner Präsenz, die uns voran geht. All dieses unser
Tun, von dem die fünf Imperative sprechen, ist ein Kooperieren,
ein Zusammenarbeiten mit dem Gott des Friedens, der mit uns ist.
Aber das gilt andererseits auch gerade in dem Maße, in
dem wir wirklich eintreten in diese Gegenwart, die er gegeben
hat, in dieses Geschenk, das schon in unserem Dasein vorhanden
ist. Seine Präsenz wächst natürlich, sein Sein
mit uns.
Lasst uns zum Herrn beten, dass er uns lehre, mit seiner vorhergehenden
Gnade zusammenzuarbeiten, damit er wirklich immer bei uns sei.
Amen!
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