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Predigt
von Papst Benedikt XVI. anlässlich der Eröffnung der
Bischofssynode zur Eucharistie im Petersdom
02/10/2005
Quelle: DT vom 04.10.2005 (Übersetzung aus dem Italienischen
von Claudia Reimüller)
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Die Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja und das Evangelium
des heutigen Tages führen uns eines der großen Bilder
der Heiligen Schrift vor Augen: das Bild des Weinstocks. Das
Brot steht in der Heiligen Schrift stellvertretend für alles,
was der Mensch im täglichen Leben braucht. Das Wasser schenkt
der Erde Fruchtbarkeit: es ist die grundlegende Gabe, die das
Leben möglich macht. Der Wein hingegen bringt die Köstlichkeit
der Schöpfung zum Ausdruck, er schenkt uns das Festmahl,
in dem wir die Grenzen des Alltags überschreiten: der Wein "erfreut
das Herz". So sind der Wein und mit ihm der Weinstock auch
zu einem Bild für das Geschenk der Liebe geworden, durch
die wir einen gewissen Vorgeschmack auf das Göttliche erhalten
können. Und so beginnt die Lesung des Propheten, die wir
gerade gehört haben, wie ein Lied der Liebe: Gott hat sich
einen Weinberg geschaffen - ein Bild der Geschichte seiner Liebe
zur Menschheit, seiner Liebe zu Israel, das Er sich erwählt
hat.
Der erste Gedanke der heutigen Lesungen ist also folgender:
Gott hat dem Menschen, den er nach seinem Bild geschaffen hat,
die
Fähigkeit zu lieben eingegeben und folglich auch die Fähigkeit
Ihn selbst, seinen Schöpfer, zu lieben. Mit dem Lied der
Liebe des Propheten Jesaja will Gott zum Herzen seines Volkes
reden - und auch zu jedem von uns. "Ich habe dich nach meinem
Bild und Gleichnis geschaffen", sagt er uns. "Ich bin
die Liebe und du bist mein Abbild, in dem Maße, in dem
der Glanz der Liebe in dir erstrahlt, in dem Maße, in dem
du mir liebend antwortest."
Gott wartet auf uns. Er will
von uns geliebt werden: sollte ein solcher Aufruf unser Herz
etwa nicht berühren? Gerade in
dieser Stunde, in der wir die Eucharistie feiern, in der wir
die Eucharistiesynode eröffnen, kommt Er uns entgegen, kommt
er mir entgegen. Wird er eine Antwort finden? Oder wird es uns
wie dem Weinberg ergehen, von dem Gott bei Jesaja sagt: "Dann
hoffte er, dass der Weinberg süße Trauben brächte,
doch er brachte nur saure Beeren"? Ist unser christliches
Leben vielleicht häufig nicht eher Essig als Wein? Selbstbemitleidung,
Streit, Gleichgültigkeit?
Damit sind wir automatisch beim
zweiten Gedanken angelangt, der den heutigen Lesungen zugrunde
liegt. In ihnen ist vor allem
vom Wert der Schöpfung Gottes die Rede und von der Größe
der Erwählung, durch die Er uns sucht und liebt. Doch dann
ist auch die Rede von der Geschichte, die darauf folgt - vom
Scheitern des Menschen. Obwohl Gott besonders auserlesene Weinstöcke
gepflanzt hatte, brachten sie saure Beeren hervor. Woraus bestehen
diese sauren Beeren? Die süßen Trauben, die Gott sich
erhofft hatte - sagt der Prophet - , wären Gerechtigkeit
und Rechtschaffenheit gewesen. Die sauren Beeren hingegen sind
Gewalt, Blutvergießen und Unterdrückung, die das Volk
unter dem Joch der Ungerechtigkeit ächzen lassen.
Im Evangelium ändert
sich das Bild: der Weinstock bringt süße Trauben hervor,
doch die Pächter behalten
sie für sich. Sie weigern sich, dem Eigentümer seinen
Anteil zu geben. Sie prügeln und töten seine Boten,
und sie töten seinen Sohn. Ihre Motivation ist leicht zu
verstehen: sie wollen sich selbst zu Eigentümern aufschwingen;
sie ergreifen Besitz von dem, was ihnen nicht gehört. Im
Alten Testament steht die Anschuldigung der Verletzung der sozialen
Gerechtigkeit im Vordergrund, der Missachtung des Menschen durch
den Menschen. Dahinter wird jedoch sichtbar, dass mit der Missachtung
der Thora, dem von Gott gegebenen Gesetz, Gott selbst missachtet
wird; man will nur die eigene Macht genießen.
Dieser Aspekt
wird im Gleichnis Jesu besonders hervorgehoben: die Pächter
lehnen es ab, einen Herrn zu haben - und diese Pächter halten
auch uns einen Spiegel vor. Wir Menschen, denen sozusagen die
Verwaltung der Schöpfung anvertraut
ist, ergreifen unrechtmäßig Besitz von ihr. Wir wollen
selbst ihr einziger Besitzer sein. Wir wollen die Welt und unser
Leben auf unbeschränkte Weise besitzen. Gott behindert uns.
Entweder wird Er einfach zu einer frommen Phrase herabgewürdigt
oder Er wird vollständig geleugnet, aus dem öffentlichen
Leben verbannt, so dass Er jede Bedeutung verliert. Die Toleranz,
die Gott sozusagen als private Meinung zulässt, ihm jedoch
den öffentlichen Bereich, die Realität unserer Welt
und unseres Lebens verweigert, ist nicht Toleranz sondern Heuchelei.
Dort aber, wo der Mensch sich zum einzigen Herrn der Welt und
Eigentümer seiner selbst erhebt, kann keine Gerechtigkeit
herrschen. Dort kann nur die Willkür der Macht und der Interessen
vorherrschen. Sicher, man kann den Sohn aus dem Weinberg verjagen
und ihn töten, um dann selbstsüchtig die Früchte
der Erde alleine zu verzehren. Doch dann wird sich der Weinberg
bald in unbebautes Land verwandeln, das von Ebern umgewühlt
wird, wie es im Antwortpsalm (Ps 80, 14) heißt.
So gelangen
wir zum dritten Element der heutigen Lesungen. Der Herr verkündet,
im Alten wie im Neuen Testament, dem untreuen Weinberg den Urteilsspruch.
Der Urteilsspruch, den Jesaja vorhersah,
hat sich in den großen Kriegen gegen Assyrer und Babylonier
sowie im Exil bewahrheitet. Der vom Herrn Jesus Christus angekündete
Urteilsspruch bezeiht sich vor allem auf die Zerstörung
Jerusalems im Jahre 70. Doch die Androhung eines Urteilsspruchs
betrifft auch uns, die Kirche in Europa, sowie Europa und den
Westen im allgemeinen. Mit diesem Evangelium ruft der Herr auch
uns die Worte zu, die er in der Offenbarung an die Kirche von
Ephesus gerichtet hat: "Wenn du nicht umkehrst, werde ich
kommen und deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken" (2,
5). Auch uns kann das Licht fortgenommen werden, und wir tun
gut daran, diese Warnung in ihrer ganzen Ernsthaftigkeit in unserem
Herzen erklingen zu lassen und dem Herrn dabei zuzurufen: "Hilf
uns, dass wir umkehren! Schenke uns allen die Gnade der wahren
Erneuerung! Lass nicht zu, dass dein Licht in unserer Mitte erlischt!
Stärke du unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe,
damit wir gute Früchte tragen können!".
An diesem
Punkt jedoch steigt in uns die Frage auf: "Aber
gibt es denn in der Lesung und im Evangelium von heute keinerlei
Verheißung, kein Wort des Trostes? Ist die Drohung das
letzte Wort?" Nein! Es gibt eine Verheißung und sie
hat das letzte, das entscheidende Wort. Wir hören sie im
Halleluja-Vers des Johannesevangeliums: "Ich bin der Weinstock,
ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe,
der bringt reiche Frucht" (Joh 15, 5).
Mit diesen Worten
des Herrn erklärt uns Johannes den endgültigen,
den wahren Ausgang der Geschichte über den Weinberg Gottes.
Gott scheitert nicht. Am Ende siegt Er, siegt die Liebe. Eine
versteckte Anspielung darauf findet sich bereits in den abschließenden
Worten des Gleichnisses vom Weinberg aus dem heutigen Evangelium.
Auch hier bedeutet der Tod des Sohnes nicht das Ende der Geschichte,
auch wenn das nicht direkt erzählt wird. Jesus erklärt
diesen Tod mit Hilfe eines weiteren Bildes, das den Psalmen entnommen
ist: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist
zum Eckstein geworden..." (Mt 21, 42; Ps 118, 22). Aus dem
Tod des Sohnes geht das Leben hervor, es entsteht ein neues Gebäude,
ein neuer Weinberg. Er, der in Kanaan Wasser in Wein verwandelt
hat, hat sein Blut in den Wein der wahren Liebe verwandelt und
so verwandelt er den Wein in sein Blut. Beim Abendmahl hat er
seinen Tod vorweggenommen, und ihn in einem radikalen Liebesakt
in die Hingabe seiner selbst verwandelt. Sein Blut ist Geschenk,
ist Liebe, und daher ist es der wahre Wein, den der Schöpfer
sich erwartet hatte. Auf diese Weise ist Christus selbst der
Weinstock geworden, und dieser Weinstock trägt immer reiche
Furcht: die Gegenwart seiner Liebe zu uns, die durch nichts zu
erschüttern ist.
So münden diese Gleichnisse am Ende in das Geheimnis der
Eucharistie, in dem der Herr uns das Brot des Lebens und den
Wein seiner Liebe schenkt und uns zum Festmahl der ewigen Liebe
einlädt. Wir feiern die Eucharistie in dem Bewusstsein,
dass der Tod des Sohnes ihr Preis war - das Opfer seines Lebens,
das in ihr gegenwärtig bleibt.
Sooft wir von diesem Brot essen und aus diesem Kelch trinken,
verkünden wir den Tod des Herrn, bis er kommt, sagt der
heilige Paulus (vgl. 1 Kor 11, 26). Doch wir wissen auch, dass
aus diesem Tod das Leben hervorgeht, da Jesus ihn in eine Opfergabe,
in einen Liebesakt verwandelt und auf diese Weise im Innersten
verändert hat: die Liebe hat den Tod besiegt. In der Heiligen
Eucharistie zieht er uns alle vom Kreuz aus zu sich (Joh 12,
32) und lässt uns zu Reben des Weinstocks werden, der Er
selbst ist. Wenn wir mit Ihm vereint bleiben, dann werden auch
wir Frucht tragen, denn wird auch von uns nicht mehr der Essig
der Selbstgenügsamkeit, der Unzufriedenheit über Gott
und seine Schöpfung kommen, sondern der gute Wein der Freude
in Gott und der Liebe zu unserem Nächsten.
Beten wir zum Herrn, dass er uns seine Gnade schenke, damit wir
in den drei Wochen der Synode, die jetzt beginnen, nicht nur
schöne Dinge über die Eucharistie sagen, sondern vor
allem aus ihrer Kraft leben. Beten wir durch Maria für diese
Gabe, liebe Synodenväter - die ich Sie sowie die verschiedenen
Gemeinschaften aus denen Sie kommen und die Sie hier vertreten,
herzlich grüßen möchte -, damit wir, dem Wirken
des Heiligen Geistes folgend, der Welt dabei helfen können,
in Christus und mit Christus der fruchtbare Weinstock Gottes
zu werden. Amen.
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