cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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"Was jeden Tag in unserem Blick aufscheinen muss"

"Mitschrift der Beiträge von Davide Prosperi und Julián Carrón zum Eröffnungstag der Erwachsenen und Studenten von Comunione e Liberazione der Lombardei.


Mailänder Messegelände Rho-Pero

26. September 2009

JULIÁN CARRÓN
Im Bewusstsein unserer Bedürftigkeit bitten wir den Heiligen Geist, dass er uns offen macht und jene Sehnsucht erfülle, die uns bis hierher geführt hat.Komm Heiliger Geist
Ich möchte alle herzlich willkommen heißen und auch unsere Freunde begrüßen, die mit uns in den verschiedenen Regionen Italiens und im Ausland verbunden sind. Es ist ein ironischer Versuch - wie alles, was wir tun - einen Eröffnungstag live aus Mailand zu machen. Damit es aber zu einem Gestus wird, genügt es nicht, dass wir physisch anwesend sind. Jeder von uns, gleich wo er sich befindet, muss mit seinem ganzen Ich anwesend sein, damit das, was geschieht, jene Offenheit findet, jenen Spalt, durch den die Gnade eindringen kann, die Er uns schenken möchte.

DAVIDE PROSPERI
Beginnen wir unsere Zusammenkunft in diesem Jahr an dem Punkt, an dem wir die des vergangenen Jahres abgeschlossen hatten. Vergangenes Jahr hatten wir uns auf den Zeugen konzentriert, d.h. auf die wesentliche Bedeutung des Zeugen für den Weg, der uns zu einem reifen Glauben führt, zu einer Gewissheit im Glauben. Carrón erinnerte uns in seinem Brief an die Fraternität, den er unmittelbar nach der Synode verfasste, dass unser wesentlicher Beitrag für Kirche und Welt nicht in erster Linie in kulturellen, gesellschaftlichen oder politischen Aktionen besteht. Dies sind Früchte, die reifen, so Gott will. Ebenso wenig besteht unser Beitrag in irgendeiner Form von Vorherrschaft, selbst wenn sie noble Ziele verfolgen sollte. Vielmehr besteht sie genau darin, dass wir das Ereignis bezeugen, dass unser Leben einbezogen hat und uns Tag für Tag anders werden lässt: menschlicher. Es macht uns dankbarer und froher, es ermöglicht uns eine Freude, die andere neidisch werden läßt, sogar solche, die uns aus tausenderlei Gründen stets kritisiert haben… Wir haben dies beim Meeting deutlich gesehen. Eines der Dinge, die vor allem jene betroffen gemacht hat, die zum ersten Mal dort waren, war die Leidenschaft und Hingabe der "freiwilligen Helfer "- das sind Freiwillige, die dort ihre Zeit und Energie einsetzen, und dabei sogar noch selber bezahlen. So können sie auch zu diesem Gestus beitragen, der auf kultureller Ebene Herz und Ausdruckskraft unserer Erfahrung deutlich macht. In den herkömmlichen Kategorien, in denen wir die alltäglichen Dinge betrachten, läßt sich das nicht erklären. Erlaubt mir, dass ich den Leitartikel des Chefredakteurs Roberto Adritti der Tageszeitung Il Tempo zitiere. Er schreibt zunächst, dass er aufgrund einer alten Aversion gegenüber der Bewegung von CL skeptisch zum Meeting kam. „Diese war in meinen Studentenjahren entstanden und gewachsen. Doch ein Tag in Rimini zwang mich, meine Vorstellung radikal zu ändern.“ Angesichts dessen, was er gesehen hat, fragt er sich: „Was hat die laizistische Welt am Ende des 20. Jahrhunderts den Jüngeren hinterlassen? Welche ‚nützliche‘ Energie konnten wir hervorbringen? Ich finde keine überzeugende Antwort auf diese Fragen, während die Jugendlichen auf dem Meeting frei und kraftvoll sind (ohne dass ich daraus gleich einen Mythos machen möchte). Ich abends um 11 Uhr zurück auf den Parkplatz, um mein Auto zu holen. Dort war ein Mädchen, das allein auf einem kleinen Plastikstuhl saß. Sie lächelte und begleitete mich zu meinem Auto. Sie gehörte zu den Verantwortlichen für den Parkplatz – welch ein Privileg. Sie sitzt dort mit ihrem Meeting T-Shirt und ist froh über das, was sie tut. Und sie lächelt jemanden an, den sie nur wenige Sekunden lang sieht. Am Abend zuvor war ich zum Essen im Billionaire [einem der exklusivsten Sommerclubs Europas]. Niemand lächelte dort wie jenes Mädchen auf dem Parkplatz.“
Ich meine aber auch jene, die nach Rimini kamen, um sich aufrichtig mit jenem Vorschlag auseinanderzusetzen, den man ihnen gemacht hatte. Dabei gaben sie in mutiger Weise Zeugnis davon, wie das christliche Ereignis zu einem neuen kulturellen Urteil führt. Das galt beispielsweise für Tony Blair und die US-amerikanische Rechtswissenschaftlerin Mary Ann Glendon, um nur zwei zu nennen. Und dies geschah, weil der Zeuge nicht nur auf eine Art und Weise hinweist, wie man die Dinge tut, sondern auf ein neues Verständnis der Wirklichkeit und der eigenen Beziehung zu ihr.
Aber die Erfahrung dieses Jahres hat vor allem auch das Risiko der Oberflächlichkeit gezeigt, eines verkürzten, sentimentalen Verständnisses dessen, was es heißt, „auf den Zeugen zu schauen“. Wir laufen Gefahr, den Zeugen auf ein positives Beispiel zu reduzieren, auf jemanden, der in mir ein schwärmerisches Gefühl hervorruft oder vorübergehend Trost schenkt. Das Gefühl verschwindet aber ebenso schnell, wie es gekommen ist. Was dann bleibt, ist eine Unzufriedenheit, das Empfinden, immer noch am Ausgangspunkt zu stehen. Wer ist dagegen Zeuge, im wahren Sinne des Wortes? Wir haben uns dies in diesem Jahr oft gefragt. Zeuge ist jemand, der mir etwas erzählt, das wahr ist, dessen er sich sicher ist, weil er es gesehen hat, weil er es selber erfahren hat. Zeuge ist einer, der mir bezeugt, dass die Tatsache Christi wahr ist, weil er dies erfahren hat. Er weiß das aus Erfahrung und ist sich dessen gewiss, weil dieses Faktum sein Leben verändert hat, und weil es hier und jetzt gegenwärtig ist, zu jeder Zeit – entsprechend dem Titel des neuen Buchs der Equipe Qui e Ora[1] . Zeuge ist daher jemand, der die Wahrheit kennt. Und das macht ihn zu einem veränderten Subjekt. Denn er stützt sich auf das, was trägt, auf das einzige, was den Tod überwunden hat. Mich hat stets beeindruckt, wie Don Giussani darauf beharrte, dass der Begriff der Wahrheit in der Bibel durch das Bild des Felsen ausgedrückt wird. Die Wahrheit ist kein Gedanke und auch kein intellektuelles Konzept. Es ist eine Gegenwart, auf die ich mich vollkommen verlassen kann, auf die ich mein ganzes Ich stützen kann. Es ist eine Gegenwart, die verhindert, dass ich versinke, wie es im Psalm 40 heißt: „Er zog mich herauf [...] aus Schlamm und Morast. Er stellte meine Füße auf den Fels.“[2] Zeuge ist also jemand, der ganz auf dem Felsen ruht. Und deswegen willst du dich an ihm festhalten.
Aber hier taucht eine erste Frage auf. Wenn der Zeuge das ist, was wir gesagt haben, warum bleibt dann in uns die Gewissheit so schwach, obwohl wir von so vielen Zeugen umgeben sind? Du hast diesen Sommer immer wieder betont, dass der Zeuge allein nicht ausreicht. Welchen Schritt müssen wir also tun, wo blockieren wir uns?
Oft stocken wir gleichsam aus Bequemlichkeit oder aus Gleichgültigkeit gegenüber uns selbst vor dem Anruf der Schönheit, die das Faktum hervorbringt. Das heißt wir machen halt vor dem Anstoß, den die Schönheit der Zugehörigkeit zu Christus in einigen Momenten oder einigen Personen hervorbringt. Wir begnügen uns damit, die faszinierende Menschlichkeit einiger Personen zu genießen, ohne dass dies in uns eine Leidenschaft und Sehnsucht wachruft und damit eine Arbeit auslöst, sich auf den Weg zum verborgenen Ursprung dieser anderen Menschlichkeit hin zu machen.
Diesen Sommer haben einige von uns den Dokumentarfilm über die Lektion von Don Giussani zu Leopardi gesehen (während der internationalen Versammlung der Verantwortlichen von CL, die vom 18. bis zum 22. August in La Thuile stattfanden, wurden die Amateuraufnahmen einer Begegnung von Don Giussani mit Studenten der Technischen Universität Mailand aus dem Jahre 1996 gezeigt. A.d.R.). Mir persönlich fehlten beim Anschauen die Worte, ich war ergriffen von dieser Art und Weise, dass Menschliche wahrzunehmen, anzuschauen und zu verstehen. Doch schon zwei Tage später habe ich bemerkt, dass ich schon nicht mehr daran dachte. Hier zeigt sich das Problem: Anscheinend besteht ständig die Gefahr, selbst angesichts der größten Zeugnisse beim sentimentalen oder ästhetischen Widerhall stehenzubleiben. Zugleich verstehe ich aber, dass der Schritt, zu dem Carrón uns unermüdlich auffordert, auf eine andere Ebene verweist, damit etwas von jenem Blick, von jener Art und Weise, mit der Don Giussani vom Menschlichen sprach, unser Verhalten allem gegenüber durchdringt: die Art, wie ich am Morgen zur Arbeit gehe, mich mit Freunden treffe oder meine Frau und meine Kinder begrüße, wenn ich am Abend nachhause kommen. Es ist das, was der Chefredakteur von Il Tempo an jenem Abend auf dem Parkplatz des Meetings in jenem Mädchen gesehen haben muss. Ansonsten bleibe ich weiterhin verwirrt, obwohl ich von einer Fülle von Zeugen umgeben bin. Ich bleibe nicht mehr und nicht weniger verwirrt zurück als einer, der eine solche Begegnung überhaupt nicht gemacht hat. Daher also die zweite Frage, die in gewisser Weise die erste umfasst: Was kann die Verwirrung besiegen?

JULIÁN CARRÓN
1.       Der Sieg über die Verwirrung ist eine Erfahrung
Was die Verwirrung überwindet, ist eine Erfahrung. Und was die Erfahrung kennzeichnet ist ein Urteil und nicht der sentimentale Widerhall, den die Dinge in mir hervorrufen - wie wir dies bei uns oft sehen können. Durch das Urteil wird das, was ich tue, zu einer Erfahrung. Deshalb hat uns Don Giussani unablässig bezeugt:  Wenn man nicht der Verwirrung unterliegen will, „wenn man erwachsen werden will, ohne irregeführt oder sich selbst entfremdet oder als Sklave anderer benutzt zu werden“, muss man sich daran gewöhnen, „alles mit der Urerfahrung zu vergleichen“[3]. Alles mit jener Gesamtheit von Bedürfnissen und Evidenzen, die unser Ich ausmachen. Giussani war sich aber durchaus bewusst, dass das, was er vorschlägt, „keine leichte und populäre Aufgabe ist. In der Regel begegnen wir allem so, wie es die vorherrschende Mentalität vorgibt, die von den Mächtigen der Gesellschaft gefördert und propagiert wird. Auf diese Weise [aufgepaßt!]  lagern sich Familientraditionen oder Überlieferungen des näheren Umfeldes, in dem man aufgewachsen ist, auf unseren Urbedürfnissen ab und bilden gleichsam eine dicke Verkrustung. Diese verändert die unmittelbare Einsichtigkeit der ursprünglichen Bedeutungen und Kriterien,“[4] die diese Bedürfnisse konstituieren. Und wir müssen uns dessen bewusst sein. Denn ansonsten ist das, was wir "Herz" nennen, nichts anderes als jene Ablagerungen und Ausdrucksformen der vorherrschenden Mentalität. Deshalb finden wir uns oft so vor, wie alle anderen: verwirrt und verloren. Wir müssen dazu nur auf unser Leben schauen. Meine Freunde, Don Giussani war sich sehr wohl bewusst, welche Herausforderung er uns stellt: "Die kühnste Art, diese Mentalität herauszufordern, [aufgepaßt!] die alles beherrscht und sich für uns in allem auswirkt - vom Geistesleben bis zur Kleidung -, besteht eindeutig darin, es uns zur Gewohnheit zu machen, alles im Lichte unserer ursprünglichen Einsichten zu beurteilen und nicht aufgrund einer eher zufälligen Reaktion [eben jener sentimentale Widerhall der Dinge].“[5] Wenn wir diese Verwirrung also wirklich besiegen wollen, müssen wir uns entscheiden, ob wir diese Herausforderung annehmen wollen und uns das Urteil zur Gewohnheit machen. „Der Gebrauch der Grunderfahrung oder des eigenen ‚Herzens‘ ist daher unbeliebt, besonders im Hinblick auf sich selbst, eben weil dieses ‚Herz‘ am Ursprung jenes undefinierbaren Unbehagens steht, das einen zum Beispiel befällt, wenn man als Gebrauchsgegenstand oder Lustobjekt behandelt wird.“[6]
Es widerstrebt uns also vor allem uns selbst gegenüber. Denn es ist einfacher, das zu wiederholen, was alle sagen, als sich mit jenem undefinierbaren Unbehagen auseinanderzusetzen, das wir in uns vorfinden. Das Urteil ist der Beginn der Befreiung von der Verwirrung. Aber weshalb ist dies unbeliebt? Don Giussani antwortet: „Die Wiedergewinnung der Tiefe der Existenz [die unter allen Verkrustungen liegt] ermöglicht diese Befreiung. Sie kann sich aber die Mühe, gegen den Strom zu schwimmen, nicht ersparen. Man könnte sie als asketische Mühe bezeichnen, sofern das Wort Askese das Handeln des Menschen in seinem Bemühen um die eigene Reifung meint und unmittelbar auf den Weg zur Bestimmung ausgerichtet ist. Es handelt sich um eine Arbeit, doch um keine gewöhnliche [wie wir oft meinen], sie ist etwas Einfaches, doch nichts Selbstverständliches [absolut nicht!]. Alles bisher Gesagte gilt es zurückzugewinnen. Obgleich sich der Mensch zu jeder Zeit um die Wiedergewinnung seiner selbst zu mühen hatte, so leben wir doch in einer Zeit, in der die Notwendigkeit zu solcher Wiedergewinnung klarer ist denn je. Christlich gesprochen gehört solche Bemühung zur ‚metanoia‘ oder Bekehrung.“[7] Wie beeindruckend ist es doch, diese Seiten im Bezug auf die aktuelle Situation zu lesen. Angesichts dieser Verwirrung kann man schwerlich treffendere Worte finden.
Worin aber, meine Freunde, besteht die Schwierigkeit? Darin, dass wir das, was uns Don Giussani vorschlägt, nämlich die Dinge zu beurteilen, als etwas Angehängtes, Intellektuelles verstehen, dass nur für Leute gilt, die sich das Leben unnötig kompliziert machen. Wir denken, dass Leben und Erfahrung in Wirklichkeit etwas anderes sind. Die Beurteilung sei eben nur etwas für komplizierte oder wirre Typen. Und deshalb ziehen wir es nicht einmal in Erwägung und machen uns nicht einmal die Mühe, diese Herausforderung anzunehmen. Stattdessen sagen wir: "Was soll denn das! Die Dinge ständig beurteilen? so ein Quatsch … Bleiben wir doch auf dem Boden!"
Das größte Hindernis, das wir gegenüber dem Vorschlag des Charismas überwinden müssen - und das geschieht uns seit Jahren, und seit Jahren haben wir dies vor Augen - besteht darin, das Problem wirklich zu verstehen. Wir müssen anerkennen, worin die Frage besteht. Ich erinnere stets an die Aussage von Chesterton, die sich auf uns, die Wissenden bezieht: „Das Problem besteht nicht darin, dass unsere Weisen nicht die Antwort sehen, sondern darin, dass sie die Frage nicht erkennen.[8] Wir wissen einfach nicht, worum es geht. Deshalb können wir uns bestens in der Aussage von Barbara Ward wieder finden, die in Der religiöse Sinn zitiert wird: „Selten erlernen die Menschen das, was sie schon zu wissen glauben.“[9]
Deshalb geht es eben nicht in erster Linie um ein inhaltliches Problem, sondern darum, sich einer Schwierigkeit bewusst zu werden, die wir in uns tragen und deren Konsequenzen wir erleiden. Es sieht so aus, als ob wir den Ursprung dieses inneren Unbehagens, dieser Verwirrung nicht verstehen, den Ursprung dieser Schwierigkeit, nämlich aufrichtig vor der Wirklichkeit zu stehen und die Umstände zu leben. Und deshalb wiederholen wir auf der einen Seite die Gesten, aber auf der anderen Seite leiden wir unter dem Druck des Alltags. Ich möchte euch hierzu einen Brief vorlesen: „Don Giussani hat gesagt, und du hast oft daran erinnert: ‚Die Umstände, durch die Gott uns hindurchgehen lässt, sind ein wesentlicher Faktor und nicht zweitrangig in unserer Berufung, in der Mission, zu der er uns ruft. Das ist etwas Beruhigendes in unserem zerstreuten und gehetzten Leben. Trotzdem fällt es mir nach vielen Jahren in der Bewegung immer noch schwer, den Alltag zu leben: die kleinen Dinge, die Einfachheit einer alltäglichen Beschäftigung mit meinen Kindern, die Freude über einen ganz normalen Moment in der Familie, und so weiter. All das lebe ich immer, als sei es weniger wichtig, als sei das wichtigste in diesem Moment etwas anderes, nämlich das Seminar der Gemeinschaft, irgendeine Versammlung mit Hinz und Kunz, bei den Weihnachtständen mitzumachen, für die Lebensmittelsammlung zur Verfügung zu stehen und so weiter. Und ich merke, dass ich auf diese Weise eine andere Wirklichkeit lebe, so als würde ich aus den Umständen fliehen, die mir jeden Tag zu leben gegeben sind.“
Wenn ich diese Dinge lese, könnte ich fast heulen; Weil alles, was wir für die Bewegung tun, uns nicht dabei hilft, den Alltag zu leben. Deshalb versteht man, wie recht Don Giussani hatte, wenn er uns dazu drängte, von einer „Gruppenlogik zu einer Dimension des persönlichen Bewusstseins“ zu gelangen[10]. In der Tat reicht es nicht, der Gruppe anzugehören, damit der Alltag erträglich wird. Und deshalb schlug er als Formel vor: „Lasst uns vom Machen der Bewegung zur Erfahrung der Bewegung wechseln.“[11]
Wo liegt also das Problem? Es liegt in einem Mangel an Erfahrung, das heißt in einem Mangel an Urteil. Dennoch erscheint uns dies irgendwie seltsam, ja sogar übertrieben. Denn wir glauben, dass wir bereits eine Erfahrung machen, und wir sprechen ja auch oft darüber. Aber wir verwechseln Erfahrung mit etwas, was sie nicht ist. Wir meinen, die Dinge zu beurteilen, hören aber meistens vorher auf, noch lange bevor ein Urteil wirklich abgeschlossen ist. Wir begnügen uns mit einer Reaktion oder einem Vorurteil.
Am deutlichsten wird dies in der Haltung, die wir oft gegenüber den Zeugen einnehmen. Denn so, wie wir die Beziehung zur Wirklichkeit leben, so ist auch unsere Haltung gegenüber den Zeugen. Wie Davide zuvor sagte, können wir auch sie auf einen sentimentalen Widerhall reduzieren, um zwei Tage später wieder bei null anzufangen. Denn uns reicht die Erfahrung, die ein anderer gemacht hat, nicht. Der Zeuge zeigt uns eine reale Möglichkeit, in den Umständen, in die wir gerufen sind, menschlicher zu leben. Wenn uns dies aber nicht dazu drängt, selbst eine persönliche Erfahrung dessen zu machen, was uns der Zeuge aufzeigt, dann wird auch er früher oder später für uns uninteressant. Schließlich werden wir auch irgendwann die vielen Zeugnisse leid sein, weil sie nie zu unserer eigenen Erfahrung wurden. Deshalb hat uns Don Giussani stets gesagt: „Wenn ich mich nicht bemühe, das, was ich durch das Zeugnis eines anderen als einen Wert erahne, selbst zu verifizieren, dann gehe ich früher oder später weg.“[12] Das heißt, wenn ich nicht sehe, wie dies auch in mir geschieht, wird es mich mit der Zeit nicht mehr interessieren. Und er machte folgendes Beispiel: „Jemand kann mit 60 Jahren alles Mögliche ausprobiert haben, deshalb ist er aber nicht notwendigerweise eine ‚erfahrene‘ Person [jemand, der wirklich eine Erfahrung gemacht hat]. Denn Erfahrung ist die Fähigkeit des Vergleichs mit dem Ideal. Ansonsten [Aufgepaßt!] macht man keinerlei wirkliche Erfahrung. Man hat lediglich die charakteristische Haltung vieler Älterer, die innerlich leer und hohl sind.“[13]
Dies ist unser Schicksal, wenn wir nur probieren, probieren, probieren…, ohne wirklich eine Erfahrung zu machen. Wir werden alt und innerlich leer. Deshalb beharrte Giussani auf dem Schritt vom „Machen“ der Bewegung, zur Erfahrung der Bewegung. Er nennt diese Aneignung „Personalisierung“. Und der Schlüssel für diesen Schritt ist das Urteil – das, was wir als etwas Aufgesetztes und der Erfahrung Fremdes empfinden. Denn erst das Urteil lässt das, was wir tun, zur Erfahrung werden.

2. Wie wir die Erfahrung reduzieren
Helfen wir uns nun zu verstehen, wodurch wir die Erfahrung normalerweise verkürzen.
Der Haken liegt darin, dass es uns wirklich schwer fällt, eine Erfahrung zu machen. Das sieht man an der Verwirrung, in der wir uns oft befinden. In der Verwirrung, in der wir leben, zeigt sich gerade, wie wir die Erfahrung reduzieren. Es ist eine schwerwiegende, äußerst folgenreiche Verkürzung. Weshalb? Weil sie die grundlegende Methode der menschlichen Entwicklung schwächt oder aushöhlt. Denn genau darin sieht Don Giussani den Kern der Erfahrung. Erfahrung ist kein Wort, das man unbedacht gebrauchen sollte, denn sie ist der Weg, durch den sich die Person entfaltet. Sie ist das Instrument, das wir für unsere Entwicklung und Reife zur Hand haben. Wenn wir es falsch benutzen oder reduzieren, dann wird alles, was in unserem Leben geschieht, nutzlos (woran ich beim Meeting mit dem Zitat aus dem Galaterbrief erinnert habe). Alles bleibt steril, unfruchtbar. Es hilft uns nicht, es lässt unser Ich nicht wachsen, es dient nicht der Entwicklung unserer Person. So kann man altern und dabei immer leerer werden, selbst wenn man unzählige Dinge erlebt hat, weil man keine wirkliche Erfahrung gemacht hat.
Und in welcher Weise verkürzen wir die Erfahrung?
Wir verkürzen sie oft auf den unmittelbaren Eindruck, den die Dinge in uns hervorrufen. Wir berichten Dinge, die geschehen, bleiben aber dabei stehen. So bleibt am Ende nichts übrig. Dies geschieht, weil auch wir nomalerweise Erfahrung nur mit den Eindrücken, die die Dinge in uns hervorrufen, gleichsetzen. Sie sind gewiss alle real - wir gebrauchen die Worte nicht zum Scherz, wir erzählen Tatsachen und gehen von wirklichen Dingen aus - aber es sind eben nur Eindrücke.
Die Erfahrung ist deshalb blind, mechanisch. Was wir Erfahrung nennen, ist oft nichts anderes als ein reines Probieren, ein reines Empfinden, ohne Intelligenz, ohne Urteil. Oder es ist subjektiv, im äußerlichen Sinne des Wortes, das heißt etwas Sentimentales. Don Giussani hat uns dies in all seinen Ausdrucksformen dargelegt: „Hier haben die vielen, zwar häufig anzutreffenden, aber unangemessenen Deutungen des Wortes ‚Erfahrung‘ ihren Ursprung. So wird Erfahrung etwa gleichgesetzt mit [in dieser Liste kann jeder von uns gleichsam seinen eigenen Röntgenbefund wiederfinden] einer Vermehrung der Beziehungen durch eine bloße Anhäufung von Initiativen; man verwechselt sie mit einer plötzlichen Faszination oder Abscheu vor neuen Dingen oder mit der Durchsetzung eines eigenen Planes beziehungsweise der eigenen Vorstellung, gelegentlich auch mit einer Erinnerung an eine Vergangenheit, die nicht als ein Wert der Gegenwart gelebt wird, oder gar mit Ereignissen, die lediglich zur Sprache gebracht werden, um eine neue Anstrengung zu verhindern oder um Ideale zu Fall zu bringen.“ [14]
So hilft uns Don Giussani zu verstehen, wie wir diese Reduzierung oft vornehmen: „Ohne die Fähigkeit zu werten, kann der Mensch keinerlei Erfahrung machen. […]
Erfahrung hat gewiss mit Ausprobieren und Erproben zu tun, doch mehr noch mit dem Urteil über das Ausprobierte und Erprobte.“[15] Deshalb habe ich diesen Sommer gesagt: „Das Unverständnis des Begriffs ‚Erfahrung‘ wird durch die Art und Weise offensichtlich, wie wir ihn üblicherweise dem Begriff ‚Urteil‘ (oder ‚Erkenntnis‘) entgegensetzen: Wo es das eine gibt, fehlt das andere. Wir verstehen sie als Alternativen. Dies ist das deutlichste Zeichen, dass eine Verwirrung sowohl über den einen wie den anderen Begriff herrscht. Und weil Erfahrung für uns auf diese Art von Eindruck, von mechanischem Zusammenprall verkürzt ist, erscheint uns das Urteil oft als etwas Intellektuelles, als etwas Aufgesetztes und Künstliches. Und gerade deshalb empfinden wir das Urteil oft als etwas Gezwungenes, als etwas, das wir der Wirklichkeit aufsetzen, ja das wir erfinden. […] Wenn wir auch die schönen und beeindruckenden Dinge beurteilen müssen, dann zerstört dies den Zauber dessen, was wir leben, es entzaubert bis zu einem gewissen Maße die Erfahrung, so als würde es sie fast zerstören. Weshalb ist es also nötig, dass wir die Dinge beurteilen, wenn sie interessant, schön und überzeugend sind? Wir haben sie doch genossen! Die Aufforderung, die Dinge zu beurteilen, ist uns oft lästig. Wenn wir schon etwas Schönes erleben, weshalb sollten wir es dann auch noch beurteilen? Wir meinen also, einen künstlichen und mühsamen Akt zu vollbringen.“ [16] Es wäre doch besser, wenn wir uns dies gleich sparen würden.
Aber was verlieren wir dabei? Die Antwort auf diese Frage zeigt uns, wie schwer es uns fällt, dies zu verstehen. Denn der springende Punkt liegt genau darin, dass uns nichts zu fehlen scheint, wenn wir eine solchermaßen verkürzte Erfahrung machen. Wir „genießen“ sie, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, sie auch zu beurteilen. Die wahre Tragik liegt darin, dass wir meinen, es würde nicht fehlen! Welch erbärmliche Verkürzung des Menschseins! Alles wird formal, oberflächlich, angepasst und gleichgeschaltet. Es ist wie bei den neun von Jesus geheilten Aussätzigen, die wir bei anderer Gelegenheit zitiert haben: Sie fragen sich nichts, ihnen fehlt nichts mehr, und sie empfinden nicht die Notwendigkeit nach mehr. Dass uns das Urteil fremd vorkommt, bedeutet, dass uns nichts fehlt. Und dies zeigt, wie beängstigend inzwischen die Verkürzung des Menschen fortgeschritten ist! Denn man verliert das Beste, wenn man die Dinge nicht beurteilt. Es ist so, als würde man kurz vor dem halt machen, was einem wirklich interessiert. Wir aber empfinden in uns keinen Mangel mehr. Ja, uns erscheint das sogar als etwas „Intellektuelles“.
Es ist schon beeindruckend, dass gerade das, was uns am meisten zueigen sein müsste, nämlich die Sehnsucht nach Erfüllung angesichts der Wirklichkeit, uns am fremdesten ist. Welche Entfremdung gegenüber und selbst! Wir sind und selbst gegenüber lieblos, wie Don Giussani in dem Abschnitt sagt, den ich zitiert habe. Was aber geschieht, wenn wir aus dem Traum aufwachen? Was bleibt, wenn der „Genuss“ vorbei ist? Wir sind allein mit unseren Nichts, immer verlorener und immer skeptischer. Versteht ihr also, weshalb die Verwirrung zunimmt?
Welch ein Unterschied, welch ein Unterschied zu dem, was uns Don Giussani bezeugte, wenn er Giacomo Leopardi las – wie Davide uns zuvor in Erinnerung gerufen hat. Denn wer diese Menschlichkeit wahrnimmt, kann nicht umhin, sich nach einem solchen Blick zu sehnen, kann nicht umhin, sich zu wünschen, auch so eine Haltung gegenüber der Wirklichkeit zu haben. Denn wir sehen in diesem Video einen Menschen, der uns bezeugt, wie man vor Wirklichkeit stehen und Leopardi in einer Art und Weise lesen kann, dass man jenes „ew'ge Rätsel unseres Daseins[17] entdeckt und bezeugt, also das, was wir sind. Und worin liegt dieses Geheimnis? „Wie kannst du, Menschenwesen, wenn du nur schwacher Stoff, nur Staub und Schatten bist, so Hohes fühlen?“[18] Obgleich du so hinfällig bist, hast du doch ein so großes Verlangen. Doch haben wir oft den Eindruck, dass bei uns diese Bedürfnisse nicht vorhanden sind. Alles scheint zu verschwinden. Doch Don Giussani sagt - und es ist beeindruckend zu sehen, mit welcher Leidenschaft er Leopardi auslegt- : Nein, nicht im Mindesten, denn dies ist der beherrschende Gedanke: „Du sanfter, mächtiger Beherrscher meines innersten Gemüts“.[19] Dieser Schrei, dieses Verlangen nach Glück, taucht selbst in der Sintflut wieder auf, weil die „Eitelkeit, der alles Tun verfällt“,[20] nicht in der Lage ist, den Samen dieses beherrschenden  Gedankens, dieses Durstes, dieser Leidenschaft nach Glück auszureißen: „Und einem Turme gleich / in unbetretener Weite / stehst du da allein und groß in deinem Reich.“[21] Selbst wenn wir uns inmitten der Sintflut befänden, inmitten dieser vollkommenen Verwirrung, taucht dennoch der vorherrschende, unstillbare Gedanke wieder auf. Du kannst noch so verwirrt sein, aber wenn dich jemand ungerecht behandelt, dann kommt dein Verlangen nach Gerechtigkeit sofort wieder zum Tragen; du kannst noch so müde sein, und kannst doch nicht verhindern, dass angesichts der Schönheit dein ganzes Staunen wieder hervortritt. Das nennen wir Herz, diesen beherrschenden Gedanken. Die Wirklichkeit kann man zwar „vergessen, mystifizieren, oder ihr wiedersprechen, aber man kann sie nicht beseitigen.“[22]  Das bezeugt Don Giussani. Er ist Zeuge für diese Aufrichtigkeit gegenüber der Erfahrung, und so findet er in jemandem wie Leopardi seinen Weggefährten. Inmitten des Unglücks gibt es diese unzerstörbare Wirklichkeit, die sich ungestüm und mächtig aufrichtet. Wenn wir diesem nur ab und an folgen würden…
Der Zeuge ist jemand, der die Vernunft auf diese Weise benutzt. Er besitzt diese Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst. Er ist durch diesen beherrschenden Gedanken bestimmt, und ihm kommt unweigerlich die Sehnsucht nach dem Ganzen, egal zu was er in Beziehung tritt. Und darin besteht das Urteil. Mit dieser Menschlichkeit gilt es, alles zu vergleichen. Dieses Bedürfnis kommt in der Beziehung zu allem zum Vorschein, wenn wir jene Aufrichtigkeit besitzen, die wir in Giussani und Leopardi sehen. Nur wer diesen beherrschenden Gedanken ernst nimmt, dieses Verlangen, das jeder von uns in sich selbst vorfindet und das in der Beziehung zu allem zum Vorschein kommt, nur wer sich mit nichts weniger zufrieden gibt als mit diesem Verlangen nach dem Ganzen, kann wirklich verstehen, was Erfahrung ist.

3. Was in der menschlichen Erfahrung letztlich enthalten ist
„Was die Erfahrung kennzeichnet, ist das Verstehen einer Sache, das Entdecken ihres Sinnes. Die Erfahrung beinhaltet also die Einsicht in den Sinn der Dinge.“[23] Und wann verstehe ich dies? Wenn ich mir Rechenschaft über alle Faktoren ablege, die in einer Erfahrung enthalten sind. Wenn wir sagen, dass ein Urteil künstlich ist, dann sagen wir etwas, was dem Wesen unserer eigenen Erfahrung widerspricht. Wir müssen auf die einfache Erfahrung schauen, die wir in der Wirklichkeit, z.B. vor den Bergen oder angesichts von Liedern machen, um anzuerkennen, wie dort das Urteil unmittelbar, praktisch gleichzeitig mit der Wahrnehmung auftaucht: „Sie sind schön“. Und da soll noch jemand sagen, dass dies künstlich ist… künstlich sind wir, die wir uns nicht wirklich bewusst werden, was geschieht, wenn wir eine Erfahrung machen. Um es zu verdeutlichen: Studenten berichteten mir, dass bei Ausflügen während der Sommerferien  Touristen oft beeindruckt waren, wenn sie sahen, wie 800 Personen hintereinander in Stille den Berg hinauf stiegen. So fragte ein Ehepaar: „Wer seid ihr?“" – „Studenten“. – „Ja, aber wer seid ihr? Woher kommt ihr?“ – „Aus La Thuile“. „Ja, aber woher kommt ihr?“ – „ aus Mailand, Palermo…“ – „Nein, nein, wer seid ihr, woher kommt ihr?“ – „Wir sind von Comunione e Liberazione.“ – „Ah! Es ist wunderschön euch aufsteigen zu sehen.“ Ist dieses Beharren auf der Frage, um bis zum Ursprung vorzudringen, etwas Aufgesetztes? Oder sind das nicht vielmehr Leute, die ihr menschliches Fragen angesichts einer Herausforderung durch die Wirklichkeit nicht aufgeben, sondern aufrichtig bleiben? Auch die Studenten waren beeindruckt von dieser Aufrichtigkeit: „Auch wir waren überrascht von dieser Frage, von einer Frage über den letzten Ursprung dessen, was vor uns war. Und es wäre künstlich gewesen abzubrechen, ohne zu einer angemessenen Antwort zu kommen."
Zwei weitere Freunde schrieben mir von der Erfahrung während der Ferien: „Wir wollten dir eine Episode berichten, die sich am letzten Tag unserer Ferien zutrug, als wir gerade die Koffer packen wollten. Wir müssen aber noch eines vorausschicken: Während des Aufenthalts waren wir mit Freunden in einem Hotel, wo jeder sein eigenes Appartement hatte. Zu Mittag und zu Abend aßen wir aber stets zusammen, und wir waren natürlich auch tagsüber zusammen. Neben unseren Wohnungen wohnten zwei Herrschaften, ein Mann und eine Frau aus der Toskana, die etwa 60 Jahre alt waren. Sie sahen oft das Hin und Her in unseren Wohnungen und wie wir gegenseitig unsere Kinder hüteten. Beim Mittag- und Abendessen stand ihr Tisch neben dem unseren, wo acht Erwachsene und drei Kinder im Garten aßen. Am Tag der Abfahrt kam der Herr aus der Toskana zu Ciccio, einem unserer Freunde, und sagte ihm: ‚Ich möchte dir eine Frage stellen und bitte um eine klare Antwort. Wir haben euch in diesen Tagen oft beobachtet, wir sahen, wie ihr zusammen esst, betet, und wie ihr mit euren Kindern umgeht, aber abgesehen von der Freundschaft (vielleicht seid Ihr Arbeitskollegen, aber das scheint mir nicht hinreichend, um die Frage zu beantworten), was ist denn der rote Faden, der euch verbindet?‘ Ciccio antwortete, dass wir von der Bewegung sind, dass wir Christen sind und dass das, was unser Leben eint, uns zu Freunden gemacht hat. Er sagte: ‚Das hab’ ich mir doch gleich gedacht!‘ Er erklärte, dass er in seinem Heimatort, Pistoia, Gelegenheit gehabt hatte, Leute von der Bewegung zu treffen. Auch er sei Katholik. Dann dankte er uns für die Begleitung, die wir ihm und seiner Frau gewesen seien: ‚Ihr seid ein Schauspiel!‘.“ Es gibt keine Erfahrung, wenn man nicht bis zu dem Punkt vordringt, an dem man wirklich versteht. Um aber zu verstehen, darf man nicht abbrechen, bevor man eine erschöpfenden Antwort auf das gefunden hat, was man sieht: nämlich Freunde, die auf so andere Art und Weise zusammen sind. Und so entsteht die Frage: „Was ist der rote Faden, der euch verbindet?“ Es geht um die Menschlichkeit, man muss nur ein Mensch sein, der von seiner Menschlichkeit durchdrungen ist. In dem Brief heißt es weiter: „Als Ciccio uns von diesem Gespräch berichtete, waren wir zutiefst bewegt. Es war jene Rührung, von der Rose sprach, die einem überkommt, wenn man sieht, wie das Geheimnis am Werk ist. Uns hat sehr beeindruckt, wie dieser Mann seine Vernunft gebraucht hat. Denn als er uns zusah, ließ er sich davon beeindrucken und infrage stellen. Er sah unser einfaches Zusammensein (Essen, Diskutieren, Beten), und er sah etwas anderes, das ihn überraschte. Er blieb aber nicht bei diesem Gefühl des Staunens stehen, sondern fragte sich: Woher kommt diese Art und Weise, Freunde zu sein? Was kann der rote Faden sein, der sie verbindet? Er suchte eine Erklärung, und als ihm bewusst wurde, dass keine seiner Antworten ausreichte, um jener Andersartigkeit vollkommen gerecht zu werden, kam er unmittelbar auf uns zu und forderte von uns eine präzise Antwort.“
Es ist einfach: Es ist ein Ich, das sich mit dem auseinander setzt, was es empfindet. Wer würde dieses Verlangen zu verstehen als etwas Fremdes, Aufgesetztes ansehen, das den Zauber der Schönheit einer Erfahrung zerstören kann? Fragen zu stellen, um zu verstehen, ist Teil der Erfahrung, die ich mache. Ansonsten ist die Erfahrung unvollständig, und ich kann das, was vor mir ist, weder verstehen noch begreifen! Deshalb empfindet jemand, der diese Menschlichkeit hat, das Urteilen auch nicht als etwas Künstliches oder Fremdes. Nehmen wir noch das Beispiel, das uns Don Giussani stets gemacht hat und das in seiner Einfachheit elementar ist, um diese Vorstellung, dass das Urteilen etwas Künstliches ist, ein für alle Male zu entkräften. Wer würde es künstlich finden, wenn einer, der einen Blumenstrauß vorfindet, sich fragen würde, wer ihm diesen wohl geschickt hat? Diese Frage zerstört überhaupt nichts: Die Frage, wer sie wohl geschenkt hat, ist Teil des „Rückstoßes“, die die Blumen in dem hervorrufen, der sie bei sich zuhause vorfindet. Hält jemand die Frage nach der Herkunft der Blumen für etwas Intellektuelles? Jeder möge für sich antworten. Angesichts der Blumen, die ich vor mir habe, ist die Frage nach dem „Wer“ das, was letzlich in dieser Erfahrung enthalten ist. Es geht also lediglich darum, kein empfindungsloser Stein zu sein! Man muss keine seltsamen Gedankengänge vollziehen, sondern nur einfach den Rückstoß wahrnehmen, denn der Rückstoß enthält bereits alles.
Deshalb sagt Don Giussani: Es gibt keine Erfahrung, solange es nicht gelingt zu sagen: Gott ist „die letzte Implikation der menschlichen Erfahrung und folglich die Religiosität als unausweichliche Grunddimension einer authentischen und erschöpfenden Erfahrung.“[24] Wenn wir einen Vergleich ziehen zwischen dem, was wir „Erfahrung“ nennen, und dieser Behauptung, dann können wir feststellen, bis zu welchem Punkt wir die Dinge verkürzen…
Es ist so einfach, dass ich diesen Satz von Leopardi als Titel für unsere Versammlung gewählt habe: „Ein Strahl des Göttlichen erscheinst du mir, o Weib, in deiner Schönheit.“[25] Es so einfach, dass Leopardi im „Rückstoß“, den die Schönheit dieser Frau, die er liebt, in ihm hervorruft, unweigerlich einen göttlichen Strahl entdeckt. Dies ist Erfahrung in ihrer Einfachheit: Die Schönheit der Frau führt Leopardi dazu, in ihr den göttlichen Strahl anzuerkennen. Genau das meinen wir, wenn wir sagen, dass es keine wahre Erfahrung gibt, wenn sie nicht das Geheimnis enthält, wenn sie das Geheimnis nicht als erschöpfende Erklärung beinhaltet. Sagt Leopardi das etwa, weil er den Intellektuellen spielen will? Er konnte die eigene Erfahrung der Beziehung zur Schönheit der Frau nicht leben, ohne dass ihn dies auf das Geheimnis verwies, ohne dass ihn dies die göttlichen Strahlen wahrnehmen ließ. Es braucht hierfür aber einen Menschen wie Leopardi, das heißt eine Aufrichtigkeit gegenüber dem beherrschenden Gedanken, der unablässig im allgemeinen Untergang auftaucht, um nicht zu früh abzubrechen.
Uns fehlt diese Unmittelbarkeit. Es fällt uns schwer, weil über unserem grundlegenden Verlangen jene Verkrustung liegt, von der wir oben sprachen. Nur wenn wir uns auf eine Arbeit einlassen, können diese ursprünglichen Bedürfnisse wieder hervortreten. Wir haben gesehen, wie viel Mühe es bereitet, die Erfahrung in ihrer Ursprünglichkeit zu beschreiben (diesen Sommer haben wir dies in den gemeinsamen Gesten erfahren). Aber Don Giussani hat uns dies stets gesagt. Wenn jemand mit vollem Bewusstsein und im Wissen um sich selbst "Ich" sagt, dann muss er unvermeidlich das Du einbeziehen, das ihn schafft: „Ich bin ‚der-Du-mich-machst ‘.“[26] Dies ist die Formel einer vollständigen Erfahrung. „Also sage ich nur dann bewusst und meinem menschlichen Wesen voll entsprechend “ich bin”, wenn ich damit meine: “Ich bin geschaffen.”[27]Um zu verstehen, wie weit wir davon entfernt sind, müssen wir nur daran denken, wie oft wir „Ich bin“ ohne dieses Selbstbewusstsein sagen. Ohne die Erkenntnis, das Anerkennen, das Bejahen des Geheimnisses als Faktor der Wirklichkeit, gibt es keine Erfahrung, worum auch immer es sich handeln mag. So können wir auch unser Handikap verstehen. Es erschwert uns den Weg der Vernunft, der bis zum Du führt, bis zu jenem letzten Punkt, der in der menschlichen Erfahrung enhalten ist. Man muss ihn nicht hinzufügen. Don Giussani hat uns dies mit dem Bild der Bergsteiger erläutert: Wir sind „wie die Bergsteiger vor hundert Jahren, die den langen Anmarschweg auf sich nehmen mussten“.[28] Wir können es nur schaffen, wenn wir in uns dieses Verlangen nach einer erschöpfenden Erklärung haben, das nur das Geheimnis erfüllen kann.

4. Test der Erfahrung: Man wird sich bewusst, dass man reift
Nach all den Jahren in der Bewegung bereitet uns dies immer noch große Mühe. Das zeigt sich bei vielen Gelegenheiten. Mich beeindruckte diese Mühe beispielsweise bei der Versammlung der Studenten im Sommer, als wir versuchten, wirklich bis ins Letzte zu verstehen, was Erfahrung ist. Mindestens drei Mal gaben sie die richtige Antwort. Aber als ich sie darum bat, sie zu wiederholen, konnten sie es nicht. Sie hatten es zufällig gesagt. Deshalb ist es für uns so entscheidend. Denn wir sagen oft wahre Dinge, aber wir sind uns ihrer nicht bewusst. Don Giussani beharrt darauf: „Erfahrung beinhaltet folglich das Bewusstsein des eigenen Wachsens.“[29] Wenn wir uns dessen nicht bewusst werden, können wir es zwar unzählige Male wiederholen, wie Davide zuvor sagte, wir werden aber stets von vorne anfangen. Wir sehen, dass wir keine Erfahrung machen, weil sie nicht unser Selbstbewusstsein reifen lässt. Deshalb fallen wir wieder in die Verwirrung zurück.
Mich beeindruckt, mit welcher Klarheit Don Giussani alle Faktoren der Erfahrung erkennt, so dass er uns auch jetzt noch ein Begleiter ist. Wir aber sagen allzu oft: „Ja, ist schon klar, das weiß ich doch!“. Weil wir diese Dinge schon allzu oft gehört haben und sie wiederholen, glauben wir, wir hätten sie bereits verstanden. Ich kann das bestens verstehen, weil es auch mir früher so erging. Ich dachte, bereits bestimmte Dinge zu wissen. Deshalb war es die größte Entscheidung meines Lebens zu akzeptieren, dass ich das verstehen musste, was ich bereits zu verstehen glaubte. Ich musste erst erlernen, was ich bereits zu wissen meinte. Ich werfe das niemandem vor, weil ich aus eigener Erfahrung sehr gut weiß, worin das Problem liegt: Ich wiederholte alle richtigen Worte, stand aber in der Wirklichkeit nicht zu ihnen. Als ich dann akzeptierte, von vorne anzufangen, gab mir dies die Möglichkeit, wirklich einen Weg zu gehen. Und das war Don Giussani klar. Mich beeindruckt, wenn ich lese, was er in seiner ersten Stunde als Schullehrer sagte: „Seit meiner ersten Unterrichtsstunde habe ich immer wiederholt: “Ich bin nicht hier, damit ihr die Ansichten, die ich euch erzähle, übernehmt, sondern um euch eine wahre Methode beizubringen, damit ihr das, was ich sage, beurteilen könnt. Was ich euch aber sage, ist eine Erfahrung, Frucht einer langen Vergangenheit, die 2000 Jahre alt ist.“[30] Er wusste, dass er niemandem helfen konnte, wenn er es nicht schaffte, ihr Ich in Bewegung zu setzen. Er wusste, dass das, was er sagte, und selbst die Tatsache, dass er Zeuge war, nicht ausreichten. Er war sich bewusst, dass er nur helfen konnte, wenn er seinen Schülern eine Methode anbot, damit sie alles, was er ihnen sagte, selbst beurteilen konnten. Das heißt, Don Giussani forderte von Anfang an das Herz jener heraus, die der Herr vor ihn stellte. Es war die Aufwertung der Personen: Du bist in der Lage, die Dinge zu beurteilen, weil es diesen „beherrschenden Gedanken“ gibt, diesen „Turm“ inmitten des „allgemeinen Untergangs“, der es dir ermöglicht, die Dinge zu beurteilen, einen Weg zu gehen, um aus der allgemeinen Verwirrung herauszufinden. Und er fügte hinzu: „Die Berücksichtigung dieser Methode kennzeichnete von Anfang an unsere erzieherische Arbeit und stellte ihr Ziel deutlich heraus: Nämlich die Zuständigkeit des Glaubens für die Bedürfnisse des Lebens [das heißt die Sehnsucht nach Glück] aufzuzeigen. Durch die Formung in meiner Familie und im Seminar und später durch meine eigene Meditation gelangte ich zu der tiefen Überzeugung, dass ein Glaube, der sich nicht in der täglichen Erfahrung [eines jeden Menschen] finden ließe, der sich durch die Erfahrung nicht bestätigen ließe, der nicht imstande wäre, auf deren Bedürfnisse zu antworten, [...] nicht in einer Welt bestehen konnte, in der alles – alles! – das Gegenteil behauptete und auch heute noch behauptet.“[31] Schon in der ersten Schulstunde!

5. Christliche Erfahrung
Das, was er von der Erfahrung im Allgemeinen sagt, geschieht noch stärker in der christlichen Erfahrung. Warum ist es noch leichter in der christlichen Erfahrung? Er hat es uns immer gesagt: Je außergewöhnlicher die Gegenwart ist, der ich begegne, umso leichter ist es, sie anzuerkennen. Je schöner die Berge sind, umso leichter ist es für uns, Ihn anzuerkennen. Je schöner die Frau ist, in die ich mich verliebe, umso leichter ist es, Ihn anzuerkennen. Das Bedürfnis tritt leichter zutage, es nimmt dich mehr gefangen, es packt dich mehr, es ist so überwältigend, dass wir staunend vor den außergewöhnlichen Dingen stehen. Wir können zwar zerstreut sein, aber angesichts mancher Dinge ist es unmöglich, nicht zusammenzuzucken und sich unweigerlich zu fragen, wer das möglich macht. Das gilt für alle Menschen. Ich habe das in Brasilien gespürt, als Natalia, ein methodistisches Mädchen, bei einer Versammlung sagte: „Wir hatten uns in diesem Monat die Aufgabe gestellt, etwas zu finden, was unseren Herzen entspricht. Ich habe wirklich etwas gefunden, das meinem Herzen entspricht: Es sind die Leute von der Vereinigung von Cleuza und Marcos. Denn auch wenn das unglaublich scheint, wir leben in einer Zeit, in der die evangelischen Christen abhauen, wenn ihr sagt, dass ihr katholisch seid. Und wenn ich sage, dass ich evangelisch bin, hauen die Katholiken ab. Ich bin hierhergekommen und habe gesagt, zu welcher Religionsgemeinschaft ich gehöre. Und als ich dann nach Hause ging, habe ich gedacht: Bin ich mir eigentlich klar darüber, was das, was ich gesagt habe, in meinem Leben auslösen wird? Aber es ist genau das Gegenteil von dem passiert, was ich dachte. Denn als ich wiederkam, haben mich alle angelächelt. Die Leute haben mich gefragt, ob alles gut sei. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, aber geantwortet: ‚Alles ok!’ Und dann kam noch einer und sagte: ‚Na, geht’s dir gut? Wie läuft‘s?’ Und da verstand ich, wer Gott ist, was der Glaube an Gott ist. An keinem anderen Ort habe ich mich jemals so angenommen, so geliebt gefühlt wie hier.“
Um Rechenschaft abzulegen über diese Erfahrung, so respektiert und so geliebt zu werden, muss Natalia das Göttliche einbeziehen, so außergewöhnlich ist das.
Nur wenn wir akzeptieren, was jede Erfahrung im letzten einbezieht, können wir die Verwirrung besiegen. Der Beitrag den uns Don Giussani gibt, indem er bezeugt, dass Erfahrung letzlich immer Gott enthält, beantwortet die Frage angemessen. Wir bleiben aber allzu oft verwirrt, obgleich wir außergewöhnliche Ereignisse sehen, weil wir jene Forderung blockieren, die sich unweigerlich einstellt, nämlich die unvermeidliche Frage, nach Dem, der all diese Schönheit ermöglicht. Don Giussani bezeugt uns dies mit folgender Aussage:  „Die Begegnung – von der ein Eindruck Christi ausgeht, der überzeugend ist, d.h. in der man versteht, dass Christus etwas ist, das zum Leben gehört und das Leben betrifft – geschieht mit einer Gemeinschaft oder mit einem einzelnen Menschen. Aber nicht so sehr, indem du direkt verstehst, dass Christus darin anwesend ist, sondern indem du dich fragst: ‚Aber warum sind die so?’ … Du beginnst also diesen Weg, indem du einen Kameraden findest oder indem du eine Gruppe siehst, die irgendwie interessant ist, und ihr folgst. Und dann hörst du, dass die sagen, dass sie interessant sind, weil ‚es den Herrn gibt’. Und du folgst ihnen ein bisschen aus Neugier, aber ohne von dieser Sache bestimmt zu sein. Ab einem bestimmten Punkt wird dieser Anruf stärker. … Du bist stärker betroffen von dieser Idee, von jenem Wort, von der Tatsache, dass die Leute sagen: ‚Schau, wir sind zusammen wegen dem da (dem Herrn).’ Das ist ein qualitativer Sprung gegenüber dem ersten Eindruck. Dann fängst du an, ‚den da’ ernst zu nehmen … Je mehr du dieser evolutiven Entwicklung folgst, umso mehr wird Jesus dir wichtiger als die Gesichter, die da zusammen sind [das ist der Kern des Problems: dass Jesus – Jesus! – wichtiger wird als die versammelten Gesichter]. Ja, er wird sogar so wichtig, dass dir klar wird, ohne ihn [Jesus] würden auch die Gesichter verschwinden, und du würdest ihrer ‚überdrüssig’! Das ist das Schicksal so vieler Leute, die bei uns vorbeikommen und wieder gehen. Es ist so wie der italienische Dichter Pascoli in Il focolare sagt: Sie gehen ihren eigenen Weg, denn die Gemeinschaft hat sie zwar angezogen, sie haben aber das, was nach Aussage der Gemeinschaft der eigentliche Grund ihres Zusammenseins darstellt, nicht angemessen in Erwägung gezogen und nicht hinreichend ernst genommen. Die Gemeinschaft sagt: ‚Wir sind aus diesem und jenem Grund zusammen.’ Sie nehmen das nicht ernst und geben sich mit der Gemeinschaft zufrieden, ihnen gefällt die Gemeinschaft. Aber sie nehmen diese Motivation nicht wahr. Ich schwöre euch, dass sie nach einiger Zeit auch die Gemeinschaft verlassen [Das ist die Konsequenz, wenn wir nicht zu einem Urteil gelangen, denn eine Wirklichkeit ohne angemessenen Grund verschwindet]! Der angemessene Grund für unsere Gemeinschaft ist etwas anderes. Es ist das, was jeden Tag in unserem Blick mitschwingen muss, denn es gilt für jeden Tag!“[32]
Dass wir eine Weg gehen, zeigt sich darin, dass Jesus wichtiger wird als die versammelten Gesichter, nicht weil ich die Gesichter vergesse, sondern weil diese Gesichter nicht das ganze Bedürfnis nach Vollendung erfüllen können, das ich in mir trage. Und wenn ich nicht bis dahin vordringe, bis zu Jesus, dann werde ich ihrer überdrüssig und gehe weg. Wenn wir nicht bis zu diesem Punkt vordringen, werden wir weiterhin sagen, dass dieser Gedankengang künstlich ist (für mich ist dann nur das wichtig, was ich berühre, was ich sehe und alles Übrige ist angeblich überflüssig). Schließlich werden wir früher oder später gehen, weil es wohl oder übel niemals dem Verlangen entsprechen wird, das wir in uns tragen, jenen beherrschenden Gedanken, der bleibt, wie der „Turm in unbetretener Weite“ inmitten des „allgemeinen Untergangs“.
Wie kann man von diesem Zeugnis von Don Giussani nicht bewegt sein? Jesus ist das, “was jeden Tag in unserem Blick mitschwingen muss“[33]. Ohne diese Erfahrung von Christus, bleibt jede Rede über ihn formal, und wir bleiben verwirrt und verloren wie alle anderen, die dem Nihilismus unterworfen sind, „diesem unheimlichen Gast unserer Zeit“, wie ihn Kardinal Angelo Bagnasco bezeichnet hat. Ohne die wirkliche Erfahrung Christi werden wir wie alle anderen auf die Wirklichkeit schauen. Um zu verstehen, dass dies alles andere als selbstverständlich ist, muss ein jeder nur darauf schauen, wie er sich gegenüber den Fragen verhalten hat, die Italien bedrängen; ein Land, das wie Bagnasco sagte, „in regelmäßigen Abständen von einer Krankheit geplagt wird, die ebenso zäh wie geheimnisvoll ist“[34]. Wie haben wir dies beurteilt? Nach welchen Kriterien?
Das ganze Getöse scheint nur einen einzigen Zweck zu haben: zu verhindern, dass wir die einzig wirklich entscheidende Frage stellen, die allein unserem Herzen entspricht, jene, die Henrik Ibsen in „Brand“ stellt: „Antworte mir, o Gott, in der Stunde, in der der Tod mich verschlingt: Reicht denn die ganze Willenskraft eines Menschen nicht aus, um auch nur einen Teil des Heils zu erlangen?“ Das heißt: Kann ein Mensch mit all seiner Kraft eine einzige wahre Handlung vollbringen? Alles andere ist der Versuch, unsere Unfähigkeit zu einer Antwort zu verbergen, zu unserem Schaden und zu dem der anderen.
Zugleich ermöglicht eine wirkliche Erfahrung einen Gestus wie das Meeting, wo sich jeder zuhause fühlt. Und paradoxerweise verbirgt dies nicht, wer wir sind und was uns am meisten am Herzen liegt. Im Gegenteil, es schärft den Blick darauf, und es ist das, was uns für alle anderen am interessantesten macht. Ohne diese wirkliche Erfahrung Christi gibt es keine Erziehung, weil niemand in der Lage ist, das Herz herauszufordern.
Deshalb beeindruckt, was Don Giussani 1980 nach einem Treffen mit Lehrern sagte, bei der er ein Zeugnis eines russischen Dissidenten vorgelesen hatte. Dieser äußerte seine Dankbarkeit, dass er für seinen Glauben zu Lagerhaft verurteilt worden war (Während der Urteilsverkündigung hatten seine Freunde den Osterhymnus Christi gesungen). Giussani sagte damals: „Und in einer Zeit, in der es einen solchen Glauben gibt [wie bei den russischen Dissidenten], sind wir damit beschäftigt, unsere Gemeinschaft aufzubauen! Aber was ist eure Gemeinschaft? Was ist eure Gruppe von jungen Leuten? Du bist es, der vor der Welt steht, vor der Schule, vor den Lehrern, du hast es mit den Büchern zu tun, mit den Ideen, die herumschwirren, du, nicht deine Freunde, nicht deine Gemeinschaft, nicht der Lehrerverband der Bewegung und auch nicht CL. Die einzige Art, CL und den Lehrerverband aufzubauen, ist dein Glaube und sonst nichts. Darum geht es. Es ist der Glaube, den du lebst [als wirkliche Erfahrung]. Es geht nicht um dein Temperament, um die Umstände, die Umgebung, deine Freunde, die Klasse, in der du dich durchsetzt oder nicht. Wenn du einsam wärst wie ein Hund, schlimmer noch: nicht einmal mit einem Hund, es wäre das gleiche, schmerzhafter zwar, aber weniger illusorisch und reiner. Ich schwöre euch, dass früher oder später andere kommen werden! [… ] Es geht um den Glauben, den du lebst. Ich werde nie müde beim Gebrauch des Wortes Glauben daran zu erinnern, worum es geht. Denn selbst wenn man ihn theologisch definiert, weiß man noch nicht, worum es geht. Glauben heißt, dass wir staunend, dankbar, schüchtern und doch froh eine Gegenwart anerkennen. Denn Gott ist gekommen, und er ist unter uns. […] dieses Schöne und Gegenwärtige ist der Inhalt des Glaubens, und ich kenne nichts anderes als dies. ‚Ich bin zu euch gekommen und kenne nichts anderes als Christus, den geschichtlichen und gekreuzigten Christus‘, Gott, der Mensch geworden ist. Wie kann man Zeuge sein, wenn nicht aufgrund dieses Glaubens – und nicht wegen unserer intellektuellen Fähigkeiten, einer besonderer Schlauheit oder bestimmten geschichtlichen Umstände.“[35]
Deswegen ist zu Beginn dieses [akademischen] Jahres jeder von uns aufgerufen, sich zu entscheiden, ob er den ganzen Weg gehen will, so wie Don Giussani ihn uns vorschlägt, ob er der Erfahrung treu bleiben möchte oder ob er sich selbst im Weg stehen will. Nur wenn wir so eine Erfahrung machen, können wir sehen, wie angemessen der Glaube für das menschliche Leben ist. Und das ist nicht selbstverständlich, denn oft verwechseln wir die Absicht zu folgen mit der tatsächlichen Nachfolge, das heißt mit dem Vergleich, der sich aus der Methode ergibt, die er uns vorschlägt. Wir müssen uns, um es noch deutlicher zu sagen, entscheiden, ob wir wirklich Söhne werden wollen. Denn nur so kann er uns immer mehr zum Vater werden und in uns jene Menschlichkeit hervorbringen, die wir in ihm gesehen haben. (Sie findet im Ikarus von Henri Matisse, den wir als Illustration zu dieser Begegnung gewählt haben, ihren künstlerischen Ausdruck). Das bedeutet, unser Selbstbewusstsein ist bestimmt vom Wissen um die Gegenwart des Vaters, so dass alles, was wir tun, sich immer mehr auf den großen Plan bezieht, zu unserem Heil und zu dem unserer Mitmenschen. Das ist die Herausforderung und die Entscheidung, die jeder treffen muss und bei der wir uns dieses Jahr hindurch begleiten wollen.

Predigt zur heiligen Messe

JULIÁN CARRÓN
Die ganze Welt ist ein Dorf. Und stets lauert die Versuchung, Gott so einzuordnen, dass er kein Durcheinander schaffen kann. Doch der Geist Gottes ist von seiner Natur her einer, der uns aufrüttelt. Jesus vergleicht diesen Geist mit dem Wind: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“[36] Es ist beeindruckend, wie der Heilige Geist, - wie ihn die beiden Lesungen bezeugen (Nm 11,25 e Mc 9,38-43.45.47-48) - stets die Freiheit hat, in einer Weise einzudringen, die unsere Gedanken durcheinander bringt. Treu seiner Methode schenkt Gott dem einen eine Gnade, um durch ihn alle zu erreichen. Durch Mose weitet er sie auf die 60 Männer aus, um so das ganze Volk zu erreichen. Jesus versammelt um sich die Jünger, um sie dann in die ganze Welt zu senden, zu den Völkern in aller Welt. Gott hätte es dabei bewenden lassen können: Er hatte seinen Geist bereits den 60 für das Volk gegeben. Welche Notwendigkeit bestand, ihn auch zwei weiteren Menschen zu geben, die außerhalb dieser Gruppe standen, Eldad und Medad? Er wollte auch anderen Menschen außerhalb der Gruppe seiner Jünger die Macht schenken, Wunder zu vollbringen. Und jene, die diese Gabe als erste erhalten hatten, ereiferten sich schon einen Augenblick später, und vergaßen dabei, dass auch sie die Gnade empfangen hatten, dass es sich also um ein reines Geschenk handelte. So gewann die Versuchung, besitzen zu wollen, bei ihnen die Oberhand. Angesichts dieses Handelns des Heiligen Geistes an den beiden, die nicht zur Gruppe gehörten, forderte Josua von Moses, ihnen dies zu untersagen. Und auch die Jünger sagten angesichts derer, die Dämonen austrieben, aber nicht zur „Gruppe“ gehörten: „Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt.“[37]
Auch in unseren Gedanken gibt es diese scheinbare Vernünftigkeit. Die Versuchung, Gott zu ersetzen, ist stets vorhanden. Hier zeigt sich aber, wem wirklich das Wohl des Volkes am Herzen liegt oder wem nur die Macht. Moses sagt zu Josua: „Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!“[38] Moses wünschte sich, dass alle vom Heiligen Geist erfüllt werden, und zwar so, wie es Gott gefällt. Dasselbe sehen wir bei Jesus: „Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.[39] Wir haben aber oft den Eindruck, dass sich die Initiativen des Heiligen Geistes gegen uns richten, weil er in einer Art und Weise handelt, die uns befremdlich vorkommt. Doch gegenüber diesem Vorbehalt sagt Jesus die harten Worte: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab.“[40] Bitten wir den Herrn, dass wir offen sind für jede Art und Weise, mit der uns das Geheimnis überraschen und aufrütteln will. Bitten wir ihn, dass wir dem folgen, was er unter uns wirkt, gleich ob dies unsere Pläne durcheinander wirft oder nicht. Bitten wir den Herrn, dass er uns so sehr mit seinem Geist erfülle, den er allen zukommen lässt, dass auch wir ihn überall dort anerkennen können, wo wir ihm begegnen. Denn, wie der heilige Paulus sagt, wir sind nicht Herren über den Glauben anderer, „sondern wir sind Helfer zu eurer Freude“[41].



[1] Qui e Ora. 1984-1985, Bur, Mailand 2009.

[2] Ps 40,3

[3] Luigi Giussani, Der Religiöse Sinn, Bonifatius, Paderborn 2003, S. 19.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd. S. 20

[7] ebd.

[8] vgl. G. K. Chesteron, Orthodoxie, Eine Handreichung für die Ungläubigen. Frankfurt am Main 2000, S. 72.

[9] L. Giussani, Der religiöse Sinn, op. cit., S. 113.

[10] Qui e ora. 1984-1985, op. cit., S. 320.

[11] Certi di alcune grandi cose. 1979 - 1981, Bur, Mailand 2007, S. 149.

[12] Vgl. ebd. S. 158

[13] ebd. S. 148.

[14] L. Giussani, Das Wagnis der Erziehung, EOS-Verlag, St.Ottilien 1996, S. 84.

[15] L. Giussani, Der Religiöse Sinn, op. cit., S.14.

[16] Die Erfahrung: das Instrument für einen menschlichen Weg, Internationale Versammlung der Verantwortlichen von Comunione e Liberazione, La Thuile, August 2009, in Beiheft zu Spuren, Oktober 2009.

[17]  “Ein ew’ges Rätsel ist unser Dasein”, G. Leopardi, “Auf das Bildnis einer schönen Frau an dem Grabmal derselben”, in Leopardi , München 1978, S. 219.

[18] ebd. S. 221.

[19] „Der beherrschende Gedanke“, ebd. S. 183 f.

[20] „An sich selbst“, ebd. S. 200.

[21] „Der beherrschende Gedanke“, ebd. S.183.

[22] L. Giussani, Uomini senza Patria, 1982-1983, Bur, Mailand 2008, S. 256.

[23] Das Wagnis der Erziehung, op. cit. S.82

[24] L. Giussani, Das Wagnis der Erziehung , op. cit, S. 84.

[25] Aspasia, G. Leopardi, op. cit. S. 204.

[26] L. Giussani, Der Religiöse Sinn, op. cit., S. 127.

[27] ebd. S. 128.

[28] L. Giussani, Warum die Kirche, pro manuscriptum  S.29.

[29] L. Giussani, Das Wagnis der Erziehung, op. cit. S. 126.

[30] Ebd. S. 16.

[31] Ebd. S. 17

[32] L. Giussani, Tu o dell’amicizia, Bur, Mailand 1997, S. 175-177.

[33] Ebd. S. 177.

[34]  A. Bagnasco, Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz beim Ständigen Rat, Rom, 21. September 2009.

[35] Archiv von Comunione e Liberazione.

[36]  Joh 3,8.

[37] Mk 9,38.

[38] Num 11, 29.

[39] Mk 9, 39-40.

[40] Mk 9, 42-43

[41] 2 Kor 1, 24

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