Don Giussani: Christus lieben ohne Moralismus
"Unsere Fraternität ist nicht eine Gruppe perfekter Menschen, sondern das Gesicht und die Arme Jesu"
von Luigi Giussani
Heute (15. Okt. 2002) erscheint das Buch "Die Fraternität von Gemeinschaft und Befreiung" von Don Giussani anlässlich der 20-jährigen Anerkennung von CL (Gemeinschaft
und Befreiung) durch den Papst. Im Folgenden veröffentlichen wir einen Abschnitt des Buches (Verlag San Paolo, 280 Seiten, 15 €) der einem Diskurs von 1984 entstammt.
Das Christentum oder unsere Fraternität, das heißt unsere Art und Weise, das Geheimnis des gegenwärtigen Christus zu leben, - was ist das in der Welt, wenn nicht jene Gruppe von
Menschen, jener kleine Teil der Menschheit, der erkennt, dass Gott einer von uns geworden ist, und Schluss? Oder ist es vielleicht doch die Gruppe von vollkommenen Menschen, die nicht lügen,
die nicht stehlen, die den anderen nichts Böses tun, die den eigenen Leib und den der anderen nicht missbrauchen? Ist das die Gruppe der Christen? Wenn das geschieht, ist es das Wunder aller
Wunder. Aber die große Frage, die Neuheit ist, dass die Christen die Nachfolger Christi sind (so beschrieben die antiken Schriftsteller die Christen: "Sie sind die Nachfolger Christi."),
das heißt jene, die ihn anerkennen (denken wir an die ersten, jene die ihm hinterher gegangen sind), jene die das Bewusstsein Seiner Gegenwart leben. Gibt es nun etwas Erstaunlicheres als
die Tatsache, dass niemand Seine Gegenwart bemerkt? "Er kam zu den Seinen, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Er kam in Sein Haus und die Seinen empfingen Ihn nicht." Und wir, mit unserem
ganzen christlichen Diskurs, unserem Glauben, den wir haben, und den Handlungen, die wir ausüben, bringen wir es fertig zu leben, als ob es Christus nicht gäbe! Was ist also unsere ganze
Moral? Unsere Moral ist nicht mehr Moral, das heißt, sie ist nicht mehr das wahre Verhalten; unsere Moral ist das Bezahlen einer Gebühr für eine Angst oder einen Anspruch, für
ein In-Ordnung-Bringen der Dinge, das heißt für einen Vertrag, für eine Berechung. Man kann sagen: Sie ist ein Moralismus.
Im Gegensatz dazu ist das einzige Gesetz jenes, Christus zu lieben, die Zuneigung zu Christus (
). Man braucht sich nichts vom Herzen zu reißen, wir müssen nichts von uns wegreißen:
es gilt, sich zu bekehren! Es ist eine andere Frage. Wenn ein Mann beginnt, eine Frau zu lieben, sie wirklich zu lieben, kommt in ihn ein anderes Herz, aber er muß nichts von sich wegwerfen:
sein Geld, sein Temperament und so weiter. Dann natürlich, mit der Zeit, "veredelt" er sich, ordnet er sich, wird, wenn er wirklich lieben will, zu Dingen fähig, zu denen er
vorher nicht fähig war.
Aber dieses kommt mit der Zeit, als Folgeerscheinung! Die zentrale Frage ist nicht, dies oder das schaffen zu können, die Gesetze so oder so zu befolgen, sondern die Zuneigung zu Christus.
Dann also gibt es keine Zweideutigkeit mehr, und man meint nicht, in Ordnung zu sein, weil man das tut, was einem liegt. Man reduziert nicht mehr unsere Moral auf die Dinge, die wir machen können,
während wir bei den anderen Sachen ein Auge zudrücken. Nein! Die Zuneigung zu Christus lässt uns keine Ruhe, es ist ein Kampf, eine Unruhe, die voll von Frieden und Freude ist (
).
Ihr hingegen "lebt verstreut auf Straßen, die sich wie Bänder verschlingen - schreibt Eliot -, und niemand kennt seinen Nachbarn oder interessiert sich für ihn/, zumindest
solange sein Nachbar ihm nicht zuviel Störung verursacht/, aber alle rasen hinauf und hinunter mit den Autos/, vertraut mit den Straßen aber ohne einen Ort, an dem sie wohnten".
Der Ort, an dem man wohnt, heißt Zuhause. Eine Gruppe der Fraternität oder eine Komunität der Bewegung sollte das erste Zuhause sein; sie verwandelt auch die Beziehung mit der Ehefrau
oder dem Ehemann in ein Zuhause. Das Zuhause ist ein Ort, wo man erneuert, stets neue Kraft für den Weg, weil im Zuhause die Mühe, die jemand auf sich nehmen muss, eine gesunde Mühe
ist, die ihn erneuert; wie für euch Mütter, auch wenn ihr oftmals während der Nacht für euer Kind aufstehen müsst: diese Mühe macht euch zu Personen, weil es für
euch wichtig ist (
).
"Uns ist es - so Péguy - (
) anvertraut worden/, von uns hängt es ab (
)/ lebendig zu machen und zu ernähren und lebendig zu halten durch die Zeit/ die lebendigen,
in der Zeit ausgesprochenen Worte". Von uns hängt es ab, dass der lebendige Christus jetzt lebt, dass man ihn jetzt lebendig sieht. "Geheimnis aller Geheimnisse, dieses Vorrecht ist
uns gegeben worden/ dieses unglaubliche, übermäßige Vorrecht/ die Worte des Lebens lebendig zu halten/, mit unserem Blut, mit unserem Fleisch, mit unserem Herz zu nähren/ Worte,
die ohne uns hinsiechen würden, entfleischt [Christus fiele in den Nebel zurück, ließe er sich nicht durch die Werke erkennen, die er mit uns erschafft]. Zu sichern, (es ist unglaublich),
den ewigen Worten zu sichern / (
) wie eine zweite Ewigkeit,/ eine zeitliche und fleischliche Ewigkeit, eine Ewigkeit von Fleisch und Blut,/ eine Nahrung, eine körperliche Ewigkeit/ eine
irdene Ewigkeit."
Unsere Einheit, auf jedweder Ebene (sei es die Gruppe der Fraternität oder die Gemeinschaft, die Familie, die Arbeitswelt, sei es auf dem Land, in der Gesellschaft, in der Welt), ist die irdische
Ewigkeit Christi: Ihn zeigt sie; auf Ihn weist sie hin. Daran werden sie Ihn erkennen: "O Vater, mögen sie eins sein, damit die anderen erkennen, dass Du mich gesandt hast". Vor zweitausend
Jahren sahen sie Seine Hände sich regen und hörten die Worte, die Er sprach. Wer weiß, mit welchem Gesicht er sprach! Sein Gesicht und seine Arme ist nun unsere Weggemeinschaft,
das Geheimnis Christi in der Welt, der geheimnisvolle Leib Christi.
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