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Interview Farina-Giussani

"Sollte nicht vorher das Ende der Welt kommen, so glaube ich, können Christen und Juden in sechzig bis siebzig Jahren eins sein."

Ein Interview von Don Giussani durch Renato Farina, welches am 22. August 2002 in der italienischen Zeitung Libero erschienen ist.

Die feuchte Landschaft rings um den ruhigen Vorort in der Nähe Mailands dampft in der Mittagssonne. Monsignore Luigi Giussani hat mir gerade ein Interview gegeben und dabei in einem fort vom Sein gesprochen, vom Geheimnis: "Das Sein, hier und jetzt. Das Sein als Caritas". Doch meinte er nicht in erster Linie das Sein der Philosophen, sondern vor allem das Sein, aus dem unsere Gesichter bestehen. Ein vertrautes Geheimnis. Don Gius (so nennen ihn seine Freunde liebevoll) spricht vom Sein, gibt ihm einen für mich unvorstellbaren Namen. Er sprach nicht in erster Linie von Christus, sondern von der Gottesmutter. Im Laufe des Interviews fiel auch ein prophetischen Satz, den er mit absoluter Gewissheit aussprach: "Sollte nicht vorher das Ende der Welt kommen, so glaube ich, werden Christen und Juden innerhalb von sechzig bis siebzig Jahren eins sein."

Schmal ist er geworden, denke ich mir. Doch nichts lenkt ihn vom Wesentlichen ab, seine Rede ist wie das Hämmern der Finger Chopins auf dem Klavier: dabei kommt er mit den Worten Mensch, Gott, Freiheit, Liebe, Schönheit sowie den Namen einiger Personen aus. Er ist völlig davon überzeugt, dass jeder von uns eine Aufgabe hat - und weist jeden diskret, aber entschieden darauf hin: ohne unsere Arbeit hätten die Hände des Seins weniger Einfluss auf die Dinge. "Nimmst Du denn nicht wahr, dass sich Dein Ich auflöst, wenn Du das Sein nicht anflehst?", fragt er mich. "Das Sein möchte uns mit einbeziehen, nimmt unser Elend in seine Hände, so wie eine Mutter ihrem Kind zuhört und sich ihm mitteilt". Ich weiss nur, dass mein Leben ohne die Worte des alten Mannes mit den glasgrünen Augen viel weniger intensiv wäre. Er wiederholt: "Ohne Christus würden die Dinge zu Staub zerfallen, das Ich wäre verloren. Doch zum Glück…". Es gibt guten Wein, duftendes Brot, das man langsam genießt. Giussani bemerkt unvermittelt dazu: "Nach der Poesie und der Musik richtet sich der Geschmack des Menschen auf die Schönheit beim Essen und beim Wein." Ich will nun versuchen, die etwas wackeligen Notizen einer persönlichen Begegnung wiederzugeben, die eigentlich gar nicht zu einem Interview hätte werden sollen. Man verzeihe mir, wenn ich gelegentlich Groß- und Kleinschreibung durcheinanderbringe. Ob "Sein" nun groß- oder kleingeschrieben wird: das Sein ist alles. Oft kehrt auch das Wort Caritas wieder. Man lasse sich nicht verwirren und denke hierbei an das Wort Liebe, den gewöhnlichen christlichen Namen dafür.

Der beinahe achtzigjährige Giussani gilt weltweit als eine der bekanntesten katholischen Persönlichkeiten Italiens. Der Ruf des Priesters geht aber weit über die Grenzen der von ihm 1954 gegründeten Bewegung Comunione e Liberazione (CL) hinaus. Seine Bücher wurden jüngst zu Bestsellern in den Vereinigten Staaten, wo man CL heute beinahe überall finden kann. Momentan läuft in Rimini das ‚Meeting für die Freundschaft unter den Völkern' unter dem Titel 'Der Sinn für die Dinge, die Betrachtung des Schönen'.

Was lesen und denken Sie zur Zeit, Don Giussani?
Mir wird jeden Tag immer deutlicher, dass das Sein Geheimnis ist, ein Geheimnis, das anwesend ist. Denn das Sein ist ja. Der Mensch befindet sich in der tragischen Lage, dies nicht zu erkennen.

Aber wir nehmen doch wahr, dass wir existieren. Ist das nicht schon viel?
Wenn das Sein Geheimnis ist, kann es nicht anerkannt werden, wenn es nicht geliebt wird. Geliebt! Liebe, was ist das? Sich gänzlich von sich lösen, um in ein Du einzudringen. Du gehst dabei aus dir heraus und lässt dich von einem Strudel ergreifen, von dem aus du beginnst, das Sein zu verstehen. Das Sein-Geheimnis könnte anders nicht verstanden werden, man könnte es nicht erhaschen und verehren, wenn es sich nicht als Caritas offenbaren würde.

Geheimnis, oder auch Liebe, sind heute Worte, die man vornehmlich in Illustrierten findet. Unförmiger, abgeschmackter Wortbrei.
Das weiß ich sehr wohl. Aber die Leute haben einen gewissen Instinkt noch nicht ganz verloren, dank dem diese Worte ihre Bedeutung gewinnen. Um zu vermitteln, was ich vorhin gesagt habe, bedarf es einer verantwortungsbewussten Geisteshaltung, die alle überrascht und aufgrund der man wieder zu dem Punkt vorstößt, von dem alles seinen Ausgang nimmt.

Wenn ich Ihre Bücher richtig verstanden habe, meinen Sie, man müsse wieder zur Erfahrung vorstoßen: ohne Erfahrung kann man weder etwas erkennen noch es vermitteln.
Erfahrung ist Erfahrung von Liebe, oder es handelt sich nicht um Erfahrung! Denn das Sein ist Caritas. Das Geheimnis, das uns "sein" lässt, das uns umgibt, das in uns Fragen und Sehnsüchte erweckt und sich allenthalben darbietet, ist Caritas. Gott erträgt sich selbst aus diesem Grunde...

Viele dagegen ertragen Ihn nicht.
Darauf wollte ich nicht hinaus. Ich wollte hervorheben, dass Gott sich selbst erträgt, weil er Caritas ist. Das Sein nimmt sich selbst an, weil es Caritas ist. Es birgt in sich weder Tod noch Streit: es ist sich selbst gegenüber Caritas, so wie es auch anderem gegenüber Caritas ist, allen und allem gegenüber. Weil Es Liebe ist, nimmt Es sich an und bietet sich dar.

Das ist ja unerhört! Die ganze Welt steht in Flammen. Sie wissen es, Sie haben die Zeitung in Händen, und behaupten: das Geheimnis umgibt uns und ist Caritas, was ja in der Bibel soviel heißt wie Liebe, nicht wahr?
Genau das will ich sagen! Es kommt den Menschen zu, das Geheimnis anzuerkennen und es nachzuahmen. Hier liegt die eigentliche Dramatik unserer Zeit. Islamische Fundamentalisten wie die Taliban werden dies nie verstehen; sie werden nie verstehen, dass Wahrnehmung der Wirklichkeit und Liebe ein und dasselbe sind. Dies zu verstehen oder nicht zu verstehen, macht den großen Unterschied! Hier entscheidet sich in der einen oder anderen Weise unsere Zukunft. Ich finde es bewegend, zu wissen, dass sich in Kasachstan, nur wenige Kilometer vom Krieg in Afghanistan entfernt, Freunde von mir befinden, die das Geheimnis-Caritas anerkennen. Es sind mehr die Armen, gleich welcher Konfession sie nun aus Tradition oder Wahl heraus angehören, die diese Anerkennung ersehnen, als diejenigen, die glauben, das Geheimnis bereits vollständig erfasst und ermessen zu haben, darunter auch Katholiken.

Sie gehen hart ins Gericht mit den Vorstehern der Christenheit.
Mich bewegt, wie klar der Papst die Tragödie unserer Tage erfasst, und mit welch banger Sorge und unbändigem Mut er uns den Weg weist. Die absolute Reinheit seiner Gegenwart in der Welt ist einfach ergreifend. Man braucht ihn nur in Toronto oder in Mexiko vor der Gottesmutter von Guadalupe beobachtet zu haben. Zu meiner großen Freude konnte ich ihm just am Weltjugendtag mitteilen, dass sich an diesem Tag 108 junge Leute aus 22 Nationen durch ihren Eintritt in die Vereinigung Memores Domini Christus in Jungfräulichkeit geweiht haben (Memores Domini ist eine Vereinigung päpstlichen Rechtes, die aus CL hervorgegangen ist und von Don Giussani geleitet wird. A.d.R.). Doch wer hört schon auf den Papst? Keiner. Nicht einmal mehr Bischöfe und Priester! Viele, die eine Gemeinde zu leiten hätten, wollen ihren Konformismus nicht aufgeben, um in die Zukunft aufzubrechen: sie ersehnen keine Vollendung. Keiner erwartet mehr etwas. Das gilt für CL und außerhalb von CL, in der Kirche und außerhalb von ihr. Dabei wäre die Sache ganz einfach: das was, da ist, das Geheimnis, das existiert, die Wirklichkeit des Seins, vermag man nur dann zu akzeptieren, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass Gott an uns handelt. Jetzt, in diesem Augenblick, erfasst dich gleichsam der Sog eines Strudels, dessen Ursprung in der Geschichte liegt, der sich aber hic et nunc erneuert, so dass dieser Strudel in der Geschichte fortbesteht, dass die Geschichte dank ihm fortbesteht. Hier entspringt die Zivilisation. Ansonsten würde man schlicht hinweggefegt.

Merkt denn keiner etwas von diesem hic et nunc, hier und jetzt?
Was man heute weitergibt, gleicht einer korrekten und ausgefeilten Abhandlung, einer Reihe von Regeln darüber, wie man Christ und Mensch zu sein hat. Doch geschieht all dies ohne Liebe; das belebende Geheimnis wird dabei nicht anerkannt, und so erstickt man den anderen, er kommt um. Unsere Hoffnung, das Heil in Christus, kann doch nicht etwas sein, das wir gelesen oder auswendig gelernt haben! Die Verkündigung wird oft auf mehr oder weniger erbauende, moralschwangere Worte verkürzt. Wir sollten vielmehr Feuereifer entwickeln! Stattdessen lässt man die Welt ohne Hirten ins Verderben ziehen. Man versteht einfach nicht, dass allein das wirklich von Nutzen ist, was ein Volk bewegt, und was es begeistert. Ich meine damit die Einheit als sichtbares Zeichen für das Geheimnis-Caritas. Dieses Geheimnis bringt hic et nunc (hier und jetzt!) ein Volk hervor, das bisweilen ohne Führung ist, ohne Führung, die überhaupt seiner Existenz gewahr werden könnte. Anderenfalls würde man geradezu herbeigerannt kommen, um die Erlösung durch Christus zu verkünden und sie zu beweisen.

Es liegt also nicht nur an einer Unfähigkeit zur Kommunikation?
Der Glaube wird heute kaum mehr zur Erklärung der Dinge herangezogen. Auch außerhalb der christlichen Gemeinschaft ist das Gespür im Wesentlichen dafür verloren gegangen, worum es sich bei dem religiösen Weg des Menschen handelt. Wir befinden uns in der aberwitzigen Situation, dass nur noch denjenigen gestattet wird, von Israel zu sprechen, die ohne weiteres davon ausgehen, dass sich dieses Volk - das weiterhin das auserwählte Volk ist - niemals mehr mit den Christen vereinen könne. Aber das jüdische Volk ist doch das Volk der Erwartung... Scharfsinnige Juden wissen dies: der Rabbiner von New York hat mir jüngst eine Botschaft gesandt, in der er Comunione e Liberazione als den "Rest Israels" bezeichnet. Sollte nicht vorher das Ende der Welt kommen, so glaube ich, können Christen und Juden in sechzig bis siebzig Jahren eins sein.

Das ist ja unerhört!
Genau hier liegt das Problem. Es ist, als erwartete man sich nichts mehr. Und da sehe ich eine besondere Aufgabe der Christen. Sie müssen das Geheimnis-Caritas wieder wahrnehmen. Ich wünschte, sie würden an der Gegenwart des Papstes in der Welt Anteil nehmen und so gestärkt und getröstet werden! Man bräuchte nur zu gehorchen, sich erwärmen lassen, sich in den Sog hineinziehen zu lassen, doch stattdessen... Die Erhöhung des Individuums, der Sieg des Geheimnisses, die Ehre Christi angesichts all dessen, was geschieht, wurde noch nicht vermittelt. Und das geht auch nur vermittels einer Erfahrung. Aus diesem Grund will ich alle dazu anleiten, das Sein als Geheimnis anzuerkennen. Wie bejaht man das Geheimnis? Indem man es als gegenwärtig anerkennt. Indem man anerkennt, dass es da ist. Doch wie kommt man dazu, so etwas zu sagen? Nun, man kann das Geheimnis nachahmen. Man kann in der Selbstbeherrschung etwas von Seiner Liebe nachahmen, sich ihr hingeben. Gelingt es einem, diese Dinge zu sagen, dann vermitteln sie uns wirklich Gelassenheit und Frieden für unser Ich. Das Geheimnis kommt uns dort wieder zu Bewusstsein, wo die Stimme eines Kindes ist; in seiner Beziehung zur Mutter finden wir die Beziehung zum Geheimnis, das sich mitteilt.

Sie kommen immer wieder auf denselben Punkt zu sprechen...
Ich gelange immer wieder zu diesem Punkt; für Dich sieht es dann so aus, als würde ich stets dasselbe wiederholen: aber es ist die Wirklichkeit, von der ich spreche, und zwar die ganze Wirklichkeit. Die Lage des Menschen angesichts des Seins ist dramatisch. Man akzeptiert davon nur, was man selbst erfahren hat. Hat man es nicht innerhalb einer Liebe erfahren, gelangt man dazu, einer tragischen Sichtweise der Dinge anzuhängen, die die Erfahrung des Kreuzes vermittelt, ohne dass dies eine belebende Wirkung zeitigte. Man verkündet dann Christus und was von ihm kommt mit wohlklingenden Worten, doch ohne heiligende Wirkung, weil die Liebe fehlt und man nicht vom Sog des Geheimnisses-Caritas ergriffen ist, ohne das man letztlich unfruchtbar bleibt. Ohne Christus ist alles ungewiss und damit völlig unsicher. Mit Ihm jedoch wird der Einzelne erhöht. Daher will ich immer wieder darauf hinaus: das Sein ist Geheimnis. Das Geheimnis ist anwesend. Das einzige, wozu wir in der Lage sind, ist, es nachzuahmen. Ich meine das Sein, das sich als Positivität erweist, in der Positivität des Lebens: das Caritas ist.

Spricht nicht der Katechismus von Werken der Näch-stenliebe, der Caritas?
Man kann sich das Heil nicht eigenständig erwerben, sozusagen dank der guten Vorsätze, die man sich macht, denn ein Anderer rettet uns und die Welt vermittels etwas Neuem, dass in die Weltgeschichte eingetreten ist. Das Sein! Alles entspringt dem Fluss des Seins!

Das vergisst man aber wieder, man verlässt sich lieber auf die Moral und verrät dann auch diese.
Ohne Christus fühlt man sich in sich selbst verloren, unerhört, unfähig, die Wirklichkeit in den Blick zu bekommen, unfähig auch nur den Abglanz jener Schönheit zu erblicken, die Bestand hat. Die Fähigkeit von uns Menschen, uns zu betrügen und betrügen zu lassen, ist groß. Der Schein trügt. Und wir Christen weiden uns oft noch daran und bilden uns ein, gut zu sein, nur weil wir einmal etwas verstanden haben und deswegen denken, wir würden gerettet, wenn wir darüber sprechen und kohärent sind. Ich ziehe da viele Nicht-Christen vor, die um ihr Elend wissen und um ihre Unfähigkeit, dem Guten zu folgen, das sie jedoch in Ehren halten. Ich habe daher eine Vorliebe für gewisse Temperamente, die sich in der Welt einsetzen und einen Frieden ersehnen, der auf sich warten lässt, und die sich nicht wie einige Katholiken ein System schaffen, um sich ihres vermeintlichen Glaubens und ihrer vermeintlichen Nächstenliebe zu erfreuen. In ihnen wird Christus mumifiziert, den sie schon zu kennen vermeinen.

Unterdessen steht die Welt in Flammen...
Bei der morgendlichen Zeitungslektüre stellte ich mir in diesen Tagen vor, wie es für Bush sein müsse, vor den Jungs zu stehen, die er nach Afghanistan geschickt hat. Was empfindet er wohl, wenn man ihm den Verlust von Leuten meldet? Vielleicht denkt er: "Meine Schuld, ich bin der Oberbefehlshaber. Doch ich muss gegen die Taliban vorgehen, um die Nation zu retten." Ich würde ihm sagen: "Nicht Du rettest die Nation, sie wird von Dem gerettet, zu dem Du sagst: Ich erkenne Dich an und tue was in meiner Macht steht, um die Nation zu retten, auf dass das Geheimnis-Caritas anerkannt werde." Ein Unterschied zwischen Bush und den Taliban besteht in dem Maße, wie Bush anerkennt, dass er der Geschichte des Christentums zugehört.

Don Gius, im Oktober werden Sie achtzig Jahre alt. Die Gesundheit hat bei Ihnen nicht immer so mitgespielt. Das Geheimnis, von dem Sie sprechen muss etwas Großartiges sein, wenn es jemandem aus ihrer Generation angesichts der Auflösung des Christentums noch ein Lächeln entlocken kann.
Ich sage, was ich sehe, und ich bin begeistert von dem, was ich bin. Gott hat den Menschen geschaffen, Christus hat den Menschen und die Kirche als Entfaltung des Geheimnisses geschaffen. Also gilt es, wie Christus zu leben und die österliche Freude zu leben. Wir müssen dem Heiligen Geist dafür danken, dass er uns Christus und Seine Geschichte hat kennenlernen lassen, und dass er uns dazu berufen hat, alle Aspekte der Geschichte als Teil Seiner Geschichte zu leben.

Das ist aber alles recht schwer ...
Man kann diese Dinge auf folgende Weise einfach werden lassen: indem man sagt, was man sieht. Gott, der in Christus Mensch geworden ist, und die Kirche als Entfaltung hiervon. Es gibt einen Instinkt, der in den Menschen noch nicht zerstört ist, es gibt noch die Vernunft. Sie erlaubt es einem, das Böse nicht für unabwendbar zu halten, so als ob die Geschichte zwangsläufig dazu bestimmt wäre, dass die Taliban oder die Fundamentalisten zur Vorherrschaft gelangen. Deren Siege sind nicht unabwendbar, denn man kann mit der Vernunft feststellen, dass das, was sie be-haupten, nicht das Geheimnis ist und auch nicht der Erwartung des Menschen entspricht. Diesen Instinkt gibt es noch, er wurde noch nicht zerstört. Das Sein als Caritas! Wenn du hiervon auch nur einen Augenblick Erfahrung gemacht hast, so kannst du diesen Gesichtspunkt nicht mehr außer Acht lassen. Allerdings nur, sofern es jemanden gibt, der dich mit seiner Gemeinschaft daran erinnert.

Welche öffentliche Methode gibt es, um die christliche Wahrnehmung der Dinge und ihre Gestaltungskraft wiederzugewinnen? Zur Zeit läuft ja beispielsweise das 'Meeting für die Freundschaft unter den Völkern' ...
Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass die Erfahrung des Geheimnisses mit einfachen Worten zur Menge der Bevölkerung zurückkehrt, zu den Leuten, so wie sie sind. Dass wir im allgemeinen Durcheinander der Menschheit den einzigen intelligenten Standpunkt einnehmen. Dass wir gleichsam einem jeden sagen, was auch immer er gerade tut oder sagt oder schreibt: "Was hast Du damit zu tun?". Es bedarf eines kreativen Aufbruchs, in den wir Freunde und Feinde mit einbeziehen, indem wir sie zu Treffen oder Versammlungen einladen, bei denen jedoch nicht das Treffen oder die Versammlung im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch, wobei wir mit einem klaren Bewusstsein darüber ausgerüstet sein müssen, was für eine große und einzigartige Sache das Geheimnis ist. Gott als Geheimnis der Caritas, das ist das Einzige, das ich gerne an die Leute von CL schreiben würde, an alle.

Worin zeigt sich das Fehlen einer christlichen Erfahrung?
Der Glaube hat keine kulturelle Wirksamkeit mehr, er hat zu dem, was den Leuten auf den Nägeln brennt, nichts mehr zu sagen. Wir Christen sind die einzigen, die den Leuten einen kulturellen Vorschlag machen könnten, und dabei meine ich nicht irgendwelche Eliten, sondern die allgemeine Bevölkerung, die abends fernsieht, die in die Schule geht und auf Lehrer trifft, denen nichts mehr an ihren Schülern liegt. Es muss etwas von neuem geschehen, ansonsten ... In den zwölf Jahren, die ich im Priesterseminar war, hat man von nichts anderem gesprochen als von dem Glauben, der alles umfasst: Carducci, Leopardi und Pascoli. Wenn jemand auch nur ein wenig das Geheimnis Christi erfahren hat, dann wird das Heranwachsen seiner Person zu einem Voranschreiten in der Liebe, so dass er gar nicht anders kann als sich für Leopardi, Dante und Pascoli zu begeistern, für jede Ausdrucksform echten Menschseins: denn man kann nicht die Gegenwart Gottes anbeten, ohne an einer Abwesenheit zu leiden und sie fieberhaft auszufüllen zu versuchen.

(Er erzählt mir, dass er einen guten Teil seiner Zeit mit dem Lesen des Breviers verbringt.)
Ist Ihnen in diesen Wochen im Brevier etwas besonders aufgefallen?

Die Hervorhebung der Muttergottes, der Fleischlichkeit des Christentums. In ihr kommt in vollkommener Weise die Pädagogik zum Ausdruck, mit der Christus sich offenbart. Sie stellt sich auch heute der allgemeinen Verneinung entgegen, jenem Nihilismus, der die post-liberale Welt charakterisiert, die dem Voranschreiten des Islam so wehrlos gegenüber steht. Die Muttergottes ist das Offenbarwerden des Geheimnisses.

Sie verwenden sehr oft das Wort "Geheimnis", das man heutzutage mit düsteren und esoterischen Vorstellungen in Zusammenhang bringt.
Das Geheimnis ist nichts Düsteres, sondern das, was uns vom Sein zu erfahren möglich ist. Die Muttergottes beseitigt in ihrer Einfachheit und Fleischlichkeit jegliche Zweideutigkeit. Wie schafft es das Geheimnis, sich als Geheimnis zu offenbaren? In der Muttergottes! Sie ist der Kulminationspunkt der theologischen und philosophischen Dialektik. Wenn sich die Bestimmung selbst als Geheimnis betrachtet, so führt uns derjenige menschliche Aspekt, der sie uns als geheimnisvoll erkennen lässt, dazu, dass wir uns der Muttergottes bewusst werden. Denn in der Muttergottes wird das Geheimnis erstmals für den Menschen wahrnehmbar, sowohl physisch als auch geistlich. Für das Geheimnis ist es charakteristisch, dass es für die armen Unwissenden begreiflich ist. Die Muttergottes ist das Werk des Heiligen Geistes, des Schöpfers der Welt. Das sage ich nicht aus einer devoten Haltung heraus, sondern weil es objektiv so ist. Der Heilige Geist wird in der Muttergottes als Liebe erfahrbar. Ich würde gerne einen Artikel über die Muttergottes schreiben. Alles, was mit ihr in Berührung kommt, wird menschlich und findet zugleich seinen Platz im Geheimnis. Der Stein des Anstoßes liegt gerade darin, dass die Muttergottes das erste Zeichen der Gegenwart Gottes ist. Doch nur wer dies versteht, ent-wickelt ein echtes Interesse für das Göttliche. Wer entdeckt, dass Gott in der seligen Jungfrau Maria Mensch geworden ist, für den wird alles zum Bestandteil dieser Entdeckung: die Titelseite der Zeitung, die Anzahl der Haare desjenigen, den er liebt.

Gerade diejenigen Menschen, die als besonders intelligent gelten, stehen hier vor einer Klippe. Sie verstehen nicht und sagen: ich bleibe lieber ein Heide. Trotz guten Willens können sie es nicht akzeptieren.
Ihre Mütter dagegen verstehen es! Sie selbst aber weigern sich, vollständig zu akzeptieren, was Dante schreibt: "Jungfrau und Mutter, Tochter deines Sohnes". Es gibt eben die Freiheit, verstehst du? Und gerade das lässt mich vor Zufriedenheit explodieren. Meine Grenzen erschrecken mich nicht, sie sind der großartigste Beweis für die Existenz Gottes, der sich in dem, was mir fehlt, negativ offenbart.

Wie verhält sich das Geheimnis der Liebe zur Grausamkeit der Natur? Für viele ist dies ein dramatischer Einwand, der gleichsam auf Gott einen Schatten wirft ...
Als deine Mutter dich in den Arm genommen hat, deinen Namen genannt hat: dort hat sich das Geheimnis offenbart. Wie solltest gerade du ihm Grenzen auferlegen und es beurteilen können? Hierin besteht die Wahl, die Abraham angesichts seines Sohnes Isaak treffen musste. Im Geheimnis findet auch die Sardine, die vom Thunfisch gefressen wird, ihre Erlösung. Wer die Umarmung durch Christus erfahren hat, weiß das. Wem dies noch nicht zuteil wurde, der soll nicht die Tür verschließen, sondern Gott darum bitten, dass er sein Antlitz enthülle.

Es ist Zeit, zu gehen. Er schaut mich an und sagt: "Euch Journalisten bitte ich, euch dessen bewusst zu sein, dass ihr für die Bekehrung der Welt von grundlegender Bedeutung seid. Versucht, die Menschen in ihrem Alltag auf wunderbare Weise herauszufordern". In den Händen hält er ein Bild von Raffael, das einen nachdenklichen heiligen Paulus darstellt: "Wenn man nicht das Niveau von Raffael erreicht, wenn man nicht wie er die Gesichter erfasst, so kann man das Geheimnis nicht erfahren. Danken wir dem Heiligen Geist, der Quelle des Seins, für all das, was er uns hat kennenlernen lassen, das heisst Christus und seine Geschichte, und dafür, dass er uns jeden Aspekt unserer Geschichte, auch wenn er nur eine Minute dauert, als Teil Seiner Geschichte leben lässt". Er pfeift das Lied "La donna è mobile". Draußen ist herrlicher Sonnenschein, die Wipfel der Linden biegen sich im Wind: 'Der Sinn für die Dinge und die Betrachtung des Schönen', nicht wahr?

  LAST UPDATE 12.11.2002 Impressum