cl Luigi Giussani

Gemeinschaft und Befreiung

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Menschen ohne Heimat

Luigi Giussani

aus dem Buch „Menschen ohne Heimat“ (1982-83),
S. 294-299.

Die erste Bedingung, damit sich das Ereignis, die Begegnung als Ereignis, als sich behauptendes Phänomen sich verwirklicht – die erste Bedingung ist wirklich dieses Fühlen der eigenen Menschlichkeit. Das Wort, das ich zu Beginn gebraucht habe, behalte ich bei: die „Zuneigung zu sich selbst“. Die Zuneigung zur eigenen Menschlichkeit ist das Gegenteil vom Egoismus. Denn die Zuneigung zu sich selbst oder zur eigenen Menschlichkeit ist viel eher ein Staunen über etwas, das man an sich hat und das man sich nicht selbst gegeben hat, als ein hartnäckiges Beharren auf das, was man denkt oder fühlt. Bei der Zuneigung zu sich selbst, beim an sich selbst Hängen – im ursprünglichen Sinn – behauptet man die Überraschung, daß man sich nicht selbst gemacht hat, das Staunen über die Objektivität meines Subjektes, die Verwunderung über das, was ich „Ich“ nenne.

Auch ohne die Notwendigkeit einer philosophisch angemessenen Wahrnehmung all dessen… Was ich sagen will, ist: Diese Zuneigung zu sich selbst drückt sich normalerweise in der Ernsthaftigkeit gegenüber den eigenen Bedürfnissen aus, in der Ernsthaftigkeit des Blickes auf die eigenen Bedürfnisse. Aus diesem Grund haben wir in der Equipe über die Loyalität gesprochen. Die Bedürfnisse, die unser Ich ausmachen und die die ganze Dynamik unseres Ich bestimmen, diese Bedürfnisse nehmen wir zwangsläufig wahr, und wir schreien sogar vor Schmerzen auf, wenn diese Bedürfnisse nicht gestillt werden, aber normalerweise nehmen wir sie nicht ernst. Wir nehmen Dinge ernst, das heißt Aspekte dieser Bedürfnisse nach einer gewissen Vorstellung oder nach einer bestimmten Entscheidung, so wie sie uns in den Sinn kommen, aber das, wonach wir verlangen, das Bedürfnis als solches, nehmen wir nicht ernst. Es ist als ob wir uns damit abgefunden hätten oder als ob es schon ausgemacht wäre, daß vier Fünftel der Angelegenheit keine Antwort finden werden. Wenn also einer sich verliebt, wenn er ein Auge auf ein Mädchen geworfen hat, dann wird er ganz wild in seinem Anspruch auf dieses Mädchen, aber das Bedürfnis, das diese Dynamik bestimmt und ausgelöst hat, das Bedürfnis, das dem zugrunde liegt – nämlich das Verlangen nach Liebe oder Zuneigung –, nimmt er überhaupt nicht ernst. Auf diese Weise verdunkelt die von unserer Wahl oder von unserer Vorstellung oder jedenfalls von unserer Entscheidung zugespitzte Version das Bedürfnis, die Provokation des Bedürfnisses, anstatt es zu klären und am Leben zu erhalten, und das Bedürfnis als solches wird nicht mehr wahrgenommen. Das geht dann so weit, daß man nicht mehr wahrnimmt, was es ist und was es sagen will, weil man ja ganz darauf aus ist, sich nur noch nach dem eigenen Willen zu richten, nach dem, was man selbst zu wollen entschieden hat. Aber das Bedürfnis als solches haben nicht wir entschieden, wir bestehen aus ihm. Deshalb: auf das Bedürfnis achten, mit dem Bedürfnis ernsthaft umgehen, es ernst nehmen – was die wahre Zuneigung zu sich selbst ist –… dies erfordert, daß wir die bestimmte Form der Übersetzung (des Bedürfnisses), so wie wir sie uns in den Kopf gesetzt haben, überschreiten. Andernfalls verkommt die Liebe zur Frau zu einer Angelegenheit, bei der nur noch das Aussehen zählt, ohne jede ideelle Kraft, ohne jegliche konstruktive Regel, nur der instinktiven und reaktiven Welle überlassen, wie es normalerweise bei euch vorkommt!

Die Zuneigung zu sich selbst bedarf der Armut. Deshalb hat Christus gesagt: „Selig die Armen im Geist!“ oder „Selig die nach der Gerechtigkeit dürsten!“. Denn nicht wir haben bestimmt, uns an etwas anzuhängen, sondern dieses Etwas bestimmt uns – das Anerkennen von etwas, das uns bestimmt, ohne daß wir uns einmischen konnten, um die Sache zu bestimmen. In diesem Sinn ist das Bedürfnis nach Liebe oder das Bedürfnis nach persönlicher Erfüllung etwas viel Größeres und Tieferes; etwas, auf das man mit ganzem Ernst hören und achten muß, das nicht zu vergleichen ist mit der Verbissenheit, die wir statt dessen an den Tag legen, wenn es darum geht, den von uns erdachten oder gewählten Gegenstand zu begehren. Wir werden von jenem Bedürfnis ermuntert, das wir gerade dann verraten, während wir ihm nachgehen, denn wir nehmen es dabei nicht ernst, sondern machen es zum Vorwand und nicht zum Gesetz, das heißt es wird für uns zur Erschütterung, anstatt zum Weg; anders gesagt: es bleibt ein Moment anstatt ein Leben zu werden.

Und so ist es auch mit all den anderen Bedürfnissen, in die die eigene Menschlichkeit, das eigene menschliche Subjekt sich übersetzt, wie der Geschmack der Wahrheit, der sich erschöpft und zerstört, der sich in einem Loch verliert, in einer Einzelheit, für die man die ganze Lebensenergie ausgibt und den ganzen Stolz verschwendet. Der Anreiz, die Anregung, der Ansporn haben nichts mit der Kenntnis des – meinetwegen – biologischen Ursprungs des Menschen oder der ältesten Ablagerungen der Erdkruste oder der mechanischen Gesetze oder der bis in alle Einzelheiten gehenden Kenntnis aller möglichen Versionen der Worte eines Gedichtes von Leopardi oder einer Seite aus der Bibel zu tun. Es ist das Bedürfnis nach Wahrheit, das zu diesem Interesse treibt, zum Interesse zu Forschen, aber es ist etwas ganz anderes als das Forschen! Der Mensch erniedrigt seine Freiheit, sein Bedürfnis nach Freiheit… Er verkürzt es auf eine Übereinstimmung, auf die er auch noch stolz ist, mit der er das Schöne seines Lebens, den Geschmack seines Lebens identifiziert, und die Gesellschaft unterstützt ihn auch noch dabei, denn dafür zahlt sie ihn. Wenn jemand zum Beispiel alles über Läuse weiß, kommt er in der Gesellschaft weiter voran als jemand, der sein Leben für die Wahrheit gibt, als jemand, der sein Leben für den Sinn der menschlichen Existenz, der Gesellschaft und der Geschichte gibt. Denn jener ist ein Wissenschaftler! Aber das Bedürfnis nach Wahrheit ist etwas vollkommen anderes, so daß der Mensch, der dieses Bedürfnis mit einer von ihm gewählten Einzelheit gleichsetzt, die ihn dann nicht mehr losläßt, verkommt. Und dann wird sie auch für ihn Grund zum Stolz in seinem Leben.

Ihr könnt dieselben Beobachtungen auf den Besitz der Wirklichkeit anwenden, für die Geld, Gemeinschaft und der Gebrauch der Zeit nur Symbole sind.

Das Bedürfnis nach Wahrheit in seinem umfassenden Wert wiedergewinnen: Das ist die Ernsthaftigkeit in der Zuneigung zu sich selbst. Die Zuneigung zu sich selbst führt uns zur Wiederentdeckung der grundlegenden ursprünglichen Bedürfnisse in ihrer Unverstelltheit und Weite zurück. Der Arme im Geist – ihr müßt ihn euch als jemanden vorstellen, der mit offenem Mund und aufgerissenen Augen voll Staunen Himmel und Erde betrachtet: er hat deshalb eine physisch erkennbare Bereitschaft… Dieser Arme im Geist ist der, der nichts hat. Ich sage nicht, daß er überhaupt nichts hat (- das ist nämlich, wie ich vorher sagte, die Versuchung, die Situation einer Vollnarkose, die die Jugendlichen heute von der Gesellschaft, in der sie leben, verpaßt bekommen, die aber nicht ewig dauern kann). Der Arme im Geist ist jemand, der nichts hat außer einer Sache, für die und durch die er gemacht ist: damit meine ich ein Streben ohne Ende. Es ist die Öffnung und die Bereitschaft: eine grenzenlose Erwartung. Es ist keine grenzenlose Erwartung, weil es sich um eine Anhäufung von Dingen handelte, die er sich erwartete. Nein! Er erwartet nichts, aber er lebt eine Öffnung ohne Grenzen – und er erwartet doch nichts! So drückt es ein Gedicht von Clemente Rebora aus, das wir auf den Exerzitien gelesen haben: «Ich erwarte niemanden…» . Und doch streckt sich dieser Jemand ganz nach etwas aus. Stellen wir uns auf jener Wiese einen Armen im Geist vor. Wir müssen ihn uns vorstellen, wie er dasitzt, die Beine von sich streckt, das Gesicht nach oben gewandt Himmel, Erde, Berge – einfach alles mit dieser vollkommenen Weite des Herzens anschaut, ohne sich dabei an seine eigenen Vorstellungen zu klammern: „Ich will ein Dach, ich will ein Haus, ich will eine Frau, ich will Kinder, ich will Geld!“ Nichts, gar nichts davon! Das ist die Ursprünglichkeit des Menschen. Die Ursprünglichkeit des Menschen besteht in der Erwartung des Unendlichen.

Ich habe jedenfalls auf diesem Ansatz bestanden, den letztlich nicht nur ich gewählt habe, sondern eigentlich Jesus Christus selbst, als er gesagt hat: «Ich bin nicht für die Reichen gekommen, sondern für die Armen» ; «Ich bin nicht für die gekommen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern für die Verletzten, für die Kranken, für die Bedürftigen.» Die Ernsthaftigkeit bei der Zuneigung zu sich selbst ist die Wahrnehmung des eigenen grenzenlosen Bedürfnisses; aber – und ich bestehe darauf – nicht des eigenen Bedürfnisses ohne Grenzen, im Sinne daß jemand hunderttausend Dinge will und er dann auch noch nach der hunderttausendundeinen Sache verlangt! Das Bedürfnis ist grenzenlos, gerade weil es sich kein Bild von Dingen macht, die es braucht: Es „ist“ Bedürfnis!

  LAST UPDATE 09.10.2008  WEBMASTER