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Was ist und was will Comunione e Liberazione?Ein Gespräch mit einem der Verantwortlichen der Bewegung, Giancarlo CesanaDT Nr.124 vom 15.10.2002 Die Antworten sind kurz und bündig, der tiefe Bass seiner Stimme passt zur äußeren Erscheinung. Giancarlo Cesana entspricht so gar nicht dem Bild, das sich der Deutsche gemeinhin von einem quirligen und immerfort redenden Italiener macht. Der 54 Jahre alte Professor für Arbeitsmedizin ist einer der engsten Mitarbeiter von Don Luigi Giussani und steht seit Ende der sechziger Jahren im Zentrum der Ausbreitung der kirchlichen Bewegung Comunione e Liberazione - kurz CL. Aus Anlass des achtzigsten Geburtstags Giussanis und des zwanzigsten Jahrestag der Anerkennung der Vereinigung der Erwachsenen, der so genannten "Fraternität", von CL hat "Die Tagespost" Cesana gebeten, einige Begriffe und Aspekte zu erklären, die für die von Luigi Giussani in den fünfziger Jahren gegründete Bewegung wichtig sind. Die Fragen stellte Guido Horst. Die von Luigi Giussani gegründete Bewegung Comunione e Liberazione ist in Deutschland nicht so bekannt. Ist es möglich, in wenigen Sätzen zu sagen, was für die Erfahrung von CL charakteristisch ist? Das, was CL charakterisiert, ist das, was Papst Johannes Paul II. in seinem Brief an Don Giussani aus Anlass des zwanzigsten Jahrestags der kirchlichen Anerkennung der Fraternität von CL geschrieben hat. Ganz kurz zusammengefasst: Comunione e Liberazione hat nichts Neues erfunden. Es hat die Tradition der Kirche wieder lebendig gemacht. Das entspricht genau dem, was für mich die Erfahrung der Bewegung war: Das, was tot war - denn ich war kein Christ mehr -, was nicht mehr lebte, das Christentum, ist für mich wieder lebendig geworden. Sie kennen Don Giussani seit Jahren: Wie würden Sie ihn jemandem beschreiben, der ihm nie begegnet ist? Das, was mich bei ihm am meisten berührt, ist die Tatsache, dass er, um sich selbst den Glauben zu erklären, damit begonnen hat, das Christentum wieder lebendig werden zu lassen, ganz konkret, nicht theoretisch oder abstrakt. Er hat damit begonnen, das christliche Ereignis anderen wieder zu erklären, und zwar entsprechend seinen eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen, die die Bedürfnisse und Ansprüche von allen sind. Darin liegt auch die Wirksamkeit seines Vorschlags begründet. Sie haben oft die Laikalität der Bewegung unterstrichen. Was wollten Sie damit sagen? Ist die Kirche heute zu klerikal? Die Bewegung lebt ein allgemeines und gewöhnliches Christentum. Gewöhnlich heißt, dass es eine Bewegung von einfachen Leuten ist, für gewöhnliche Priester und Laien, so wie wir alle sie kennen. In diesem Sinne meint "laikal", dass CL nicht eine Bewegung für Leute ist, die in besonderer Weise intellektuell oder kompetent sind. Sondern sie ist für alle. Die Bewegung ist in Italien und auch Spanien stark verbreitet, weniger in Deutschland oder anderen nördlicheren Ländern Europas. Ist das Charisma von Don Giussani vielleicht zu "italienisch", oder ist die deutsche und angelsächsische Welt dafür zu "undurchlässig"? Comunione e Liberazione hat einen unerwartet starken Zulauf in den Vereinigten Staaten, was sicherlich der Behauptung widerspricht, dass das Charisma zu italienisch wäre. Ich kenne die "deutsche Welt" nicht. Aber ich würde sagen, dass es für denjenigen, der schon zu wissen meint, schwer ist, etwas zu lernen. Und ich glaube, dass man nicht nur in der deutschen Kultur, sondern im ganzen europäischen Raum glaubt, das Christentum zu kennen. Dann ist es in gewissem Sinne schwer, etwas zu lernen. Der kultivierte Europäer meint, schon alles zu wissen, nicht nur über Jesus Christus, sondern auch über das Leben. Und diese Voreingenommenheit macht Europa alt. Was liegt einem von CL wirklich am Herzen? Ihm liegt es wirklich am Herzen, Jesus Christus zu kennen, als Präsenz, als eine Gegenwart, so, wie sie sich in der Welt von heute manifestiert. Für Sie ist es also leicht, zu Christus "Du" zu sagen? Es ist leicht geworden, als ich verstanden habe, wie das geht. Ich habe eine Ansprache von Don Giussani gehört, in der er ungefähr Folgendes sagte: Was waren die ersten Worte, die Jesus sagte, als er anfing, öffentlich zu sprechen? Er hat nicht gesagt: Ich bin der Sohn Gottes, ihr müsst an mich glauben und so weiter. Sondern er sagte: Komm und sieh. Da ich die Wahrheit suchte, und die Wahrheit größer ist als ich und nicht darin besteht, dass jemand mit mir einverstanden ist, musste ich ihr folgen, um sie zu kennen. Komm und sieh. Und ich folgte demjenigen, der mir das zum ersten Mal erklärt hat, Don Giussani. "Affezione" - Zuneigung - ist ein Wort, das Don Giussani sehr viel wert ist ... Zuneigung bezeichnet die Art und Weise, wie jemand den Dingen und anderen Personen anhängt. Die Zuneigung ist die Art und Weise, in der sich ganz praktisch und als Ausdruck der ganzen Person ein Urteil ausdrückt. Es geht darum, das Christentum zu kennen. Aber "kennen" heißt nicht einfach, etwas nur festzustellen, sondern es bedeutet: Alles prüfen, wie der heilige Paulus sagt, und das Gute behalten. Das Gute behalten und sich daran festklammern. Dieses Festklammern ist die Zuneigung. Ein anderes, Giussani wichtiges Wort ist "sacrificio" - Opfer - Das bedeutet der lateinischen Wurzel des Wortes entsprechend: "sacrum facere", heilig machen, die Wirklichkeiten des Lebens heilig zu machen, dafür zu sorgen, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie man denkt, sondern der Wahrheit entspricht. Ein Satz, der Don Giussani sehr viel wert ist, ist der, dass Moraltät darin besteht, die Wahrheit mehr zu lieben als sich selbst. "Comunione" - Gemeinschaft - ist ein Begriff, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil wiederentdeckt wurde und von Theologen gerne gebraucht wird. Er ist aber auch Teil des Namens von CL. Was bedeutet er? Comunione bedeutet, dass die Einheit nicht etwas ist, dass man durch eigene Anstrengung erreicht, sondern etwas, von dem ich anerkenne, dass es zuerst da ist. Das heißt: Ich bin in Einheit mit einer anderen Person, wenn ich mich mit der Person vereint weiß durch einen Anderen, der zuerst da ist. "Comunione" ist also die Einheit von Menschen, die auf Christus gründet. Aus der Gemeinschaft geht die Freundschaft hervor. Wer ist für Sie der wahre Freund? Ein Freund ist jemand, der uns zu dem ruft, was unsere Bestimmung ist, das heißt der an das erinnert, für das wir gemacht sind, der zur Wahrheit ruft. In Deutschland haben viele die Vorstellung, CL sei eine intellektuelle Bewegung. Und tatsächlich, bei Giussani tauchen das Thema Vernunft und die Vernünftigkeit des Glaubens immer wieder auf ... Weil Don Giussani das umsetzt, was vor einem Jahrhundert Kardinal John Henry Newman sagte: Es wird eine Zeit kommen, in der es Aufgabe der Katholiken sein wird, die Vernunft zu verteidigen. Denn wir haben heute eine schwache Vernunft. Das heißt sie taugt nicht, der Wirklichkeit zu begegnen - weil die Wirklichkeit für sie nicht besteht. Und wer sagt, wir seien eine intellektuelle Bewegung, sagt das, weil er das Konzept einer schwachen Vernunft hat. Ein anderes Vorurteil: Comunione e Liberazione macht Politik. Gibt es eine Politik von CL, eine Strategie, um Einfluss zu erringen? Nein, CL ist keine Bewegung, die Politik macht. Wenn sie das je gemacht hätte, hätte sie heute politische Macht, die sie aber nun einmal nicht hat. Aber CL interessiert sich für die Politik, weil Politik ein grundsätzlicher Aspekt des menschlichen Zusammenlebens ist. Man kann nicht Christ sein und das Gute wünschen, ohne sich für das Allgemeinwohl zu interessieren. Das ist Politik. Unter diesem Gesichtspunkt hat CL ein politisches Interesse: Dass der christliche Glaube, vor allem wenn es um die Erziehung geht, in der Gesellschaft praktiziert werden kann. Warum taucht im Zusammenhang mit CL immer der Vorwurf des Integralismus, Fundamentalismus oder Traditionalismus auf? Weil diejenigen, die das behaupten, keine Ahnung davon haben, was diese Begriffe bedeuten. Eine der Initiaven von Mitgliedern von CL ist die "Compagnia delle Opere", die Gemeinschaft der Werke. Dieser Zusammenschluss ist in Italien zu einem großen Netzwerk herangewachsen: Zwanzigtausend Einrichtungen - von kleinen und mittleren Firmen über caritative Werke und Kulturinstitute bis zu Non-Profit-Unternehmen - sollen mittlerweile dazu gehören. Zu welchem Zweck? Sind diese Einrichtungen jetzt alle mit CL verbunden? Nein, sie sind nicht mit der Bewegung verbunden. Für jede einzelne Einrichtung sind nur die Personen verantwortlich, die sie leiten. Aber es ist schon ein großes Netzwerk. Allein die Vereinigung der Handwerker zum Beispiel hat hunderttausend Mitglieder - also viel mehr als etwa die Fraternität von Comunione e Liberazione. Die "Compagnia delle Opere" ist ein Zusammenschluss von Personen, die ihre Arbeit als Selbstständige und Unternehmer, als Verantwortliche von caritativen Einrichtungen oder Leiter von kulturellen Initiativen auf eine Grundlage stellen wollen, die dem Menschen entspricht und ihm dient. Das Wichtigste ist dabei zunächst die Freundschaft unter ihnen. Ein anderes, für die Bewegung sehr wichtiges Thema ist die Erziehung. Was charakterisiert eine authentische Erziehung? Wer ist der Erzieher? Einer, der die eigene Erfahrung als die Art und Weise mitzuteilen weiß, wie er eben jener Wahrheit folgt, zu der er die Person einlädt, die er erzieht. Das größte öffentliche Ereignis ist das "Meeting" in Rimini, das jedes Jahr im Sommer Hunderttausende anzieht. Können Sie erklären warum? Was ist da die "Erfolgsformel". Die Formel des Erfolgs ist die Tatsache, dass der, der aus einer starken eigenen Identität heraus lebt, sich öffnet und sich nicht verschließt. Das Meeting wurde gemacht, um genau das zu zeigen. Und es beweist, dass das richtig ist, weil alle kommen. Ist der Dialog mit allen überhaupt möglich? Absolut. Weil wir als Christen wissen, dass die Wahrheit niemanden ausschließt. Ganz im Gegenteil: Sie drängt zum Dialog und zur Öffnung. Das heißt nicht, dass alle Recht haben. Aber jeder teilt seine Werte mit - für alle. In Italien werden mit großem Erfolg zwei von Don Giussani herausgegebene Reihen verkauft: Eine Sammlung von CDs mit Musik und eine Buchreihe mit Werken christlicher Inspiration. Musik und Literatur: zwei große Leidenschaften von Don Giussani? Die Wahrheit teilt sich durch das Schöne mit - durch die Liebe. Und in ihrer expressiven Form sind Literatur, Kunst und Musik fundamentale Faktoren des christlichen Lebens. Die Kirche ist immer eine Förderin der Kunst, der Kultur und der Musik gewesen. So hat auch Don Giussani bei seiner Arbeit als Erzieher stets das Schöne vorgeschlagen. Das ist eine grundsätzliche Komponente der christlichen Erfahrung. Was ist für die Bewegung heute und morgen besonders wichtig, was liegt Ihnen am Herzen? Dass man immer das Gefühl hat, am Anfang zu stehen, dass die Bewegung immer eine Quelle ist. Dies Interview stammt von der Zeitung Die Tagespost
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