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Mailand, 22. und 24. April 2007.
Julián Carrón
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Überlegungen nach der Audienz bei Benedikt XVI. vom 24. März
und Beitrag zur Schule der Gemeinschaft über die «Gabe des Geistes».
Mitschrift der Beiträge von Julián Carrón bei der Equipe
des Clu und beim Treffen der Verantwortlichen von Comunione e
Liberazione. Mailand, 22. und 24. April 2007.
1. Ein Schritt ist notwendig
In den letzten Monaten haben wir an vielen Ereignissen teilgenommen,
von denen eins schöner als das andere war: beginnend bei den Exerzitien
im Dezember bis hin zum Treffen mit dem Papst und Ostern. Besonders
Rom ist ein leuchtendes Beispiel für das, was wir uns bewusst machen
müssen.
Um vor diesen Gesten (vor allem Rom) zu stehen, finden wir eine
Hilfe in einer einzigartigen Fügung: denn genau in diesen Wochen
schlägt uns die Schule der Gemeinschaft von Neuem das Kapitel über «Die
Gabe des Geistes» vor (L. Giussani, Spuren christlicher Erfahrung,
in: Der Weg zur Wahrheit ist eine Erfahrung, Sankt Ottilien
2006, S. 87-97). Don Giussani schreibt: «Die Apostel waren einer
außergewöhnlichen, einer faszinierenden und zutiefst überzeugenden
Wirklichkeit begegnet» – so sehr, dass sie die anderen mitgerissen
haben –, aber sie hatten nicht verstanden: Sie begegneten
dieser Wirklichkeit, «ohne sich über sie vollkommen im Klaren zu
sein» (S. 87). Die Apostel hatten nicht verstanden.
Fragen wir uns: was hat der Gestus von Rom mit der Herausforderung
der Schule der Gemeinschaft zu tun? Wie hilft uns die Schule der
Gemeinschaft seine Bedeutung zu verstehen? Der Punkt ist der: da
wir keine Steine sind, wurden wir von diesem absolut außergewöhnlichen
Ereignis ergriffen, aber – paradoxerweise können wir auch
nachdem wir auch nach der Teilnahme an einem solchen Gestus wie
die Jünger weiterhin verwirrt sein. So werden diese Gesten anstatt
zur Hilfe zum Vorwand für den Skeptizismus.
Ich habe das neulich wahrgenommen, als ich mit einer Gruppe junger
Universitätsabsolventen die Schule der Gemeinschaft gemacht habe.
Gleich nach der Lektüre des ersten Paragraphen des neuen Kapitels («Die
Erfahrung des Göttlichen», S. 87-89), nachdem ich selbst die Herausforderung
durch den Gestus von Rom angesprochen habe, hat sich einer zu Wort
gemeldet und gesagt: «Genau das ist mein Problem: trotz all der
Schönheit, die ich dort gesehen habe, habe ich in den zwei Wochen
nach Rom eine Hilflosigkeit und eine enorme Einsamkeit erlebt,
und keinerlei Bedeutung in meinem Alltag gesehen». Aber wie kommt
einer, der sich zwei Wochen nachdem er an einem so außergewöhnlichen
Gestus teilgenommen hat in einer solchen Situation befindet, umhin
zu sagen: «Also, was muss denn noch passieren, damit sich etwas ändert?
Warum sollte ich das nächste Mal überhaupt hingehen?». So schleicht
sich der Skeptizismus ein. Nicht einmal die Teilnahme an einem
außergewöhnlichen Ereignis kann den Skeptizismus besiegen. Das
ist der entscheidende Punkt. Wir müssen versuchen, darauf zu antworten,
denn hier sieht man, ob der Weg, den wir gegangen sind, zu einer
größeren Gewissheit führt. Denn sonst bleibt auch nach den vielen
Beiträgen über außergewöhnliche Tatsachen unterm Strich der Stachel
des Skeptizismus zurück, der alles unnütz werden lässt.
Wir finden uns in der gleichen Situation wie die Apostel, wir
müssen den gleichen Weg wie sie zurücklegen: Die Apostel hatten
an einem außergewöhnlichen Ereignis teilgenommen, aber sie hatten
nicht verstanden. Meine Frage ist sehr einfach: Wie wissen wir,
ob wir das, was wir in Rom gelebt haben, auch verstanden haben?
Die Antwort auf diese Frage finden wir genau in dem erwähnten Kapitel
der Schule der Gemeinschaft. Don Giussani schreibt dort, dass die
Apostel mit einem außergewöhnlichen Ereignis zusammengetroffen
und genau wie wir davon fasziniert waren. Und trotzdem hatten sie
es nicht verstanden. Sie hatten deshalb nicht verstanden, weil
ihnen etwas fehlte, es musste sich erst noch etwas ereignen, damit
sie verstehen konnten: genau das nennt sich „Gabe des Geistes“.
Was aber soll das heißen, Gabe des Geistes? Wenn den Aposteln nicht
die Gabe des Geistes zugekommen wäre, wenn sie nicht verstanden
hätten, dann wären sie am Ende verstört weggegangen: «Wir dachten
und hatten erwartet, dass dieser in Werken und Worten mächtige
Prophet … ». So könnten auch wir sagen: «Wir dachten, dass
indem wir nach Rom gehen ...». Es ist genau das Gleiche. Wir müssen
genau den Schritt machen, der in der Schule der Gemeinschaft genannt
wird. Und die Verbindung mit dem Gestus in Rom ist eine Hilfe darin,
besser zu verstehen, was der Geist ist, denn sonst bleibt er für
uns ein bloßes Luftgespinst. Weil dieser Schritt nicht zweitrangig
ist – denn ohne ihn wächst der Skeptizismus – will
ich ihn ohne abzuschweifen nochmals beleuchten.
2. Ein neues Kriterium
Wie können wir verstehen, ob wir verstanden haben?
Lesen wir im Text: «Ohne das Ereignis seines Geistes kann der
Mensch mit Christus zusammentreffen wie mit einem bewundernswerten
Menschen, einer außergewöhnlichen menschlichen Gestalt, die sich
jeder Festlegung auf bestimmte Kriterien entzieht, die vielleicht
seltsam ist und die Erwartungen einfacher Menschen unwiderstehlich überzeugt,
eine Gestalt, die begeistern wirkt auf all diejenigen, die sich
für die Gerechtigkeit einsetzen, und zugleich denen gefährlich
erscheint, die für die bestehende Ordnung bürgen: All das war Christus
für seine Zeitgenossen. Dem heutigen Menschen in seiner skeptischen
Verzweiflung käme er vielleicht so überragend vor, dass er mehr
ein erschütternder und dramatischer Mythos wäre. Aber ohne das
Ereignis seines Geistes bleibt der Mensch – ob es nun die
Apostel sind oder wir – einer dieser engführenden Sichtweisen
verhaftet; für den Menschen bleibt Christus eine rätselhafte und
geheimnisvolle Gestalt. [...] So besehen wäre Christus ein neues
Objekt, dem man sich zu stellen hat und das ein erneutes Risiko
des Irrweges beinhaltet – er wäre nicht ein neues Kriterium,
ein anderes und neues Licht.» (S. 87f.). Das ist genau der
Punkt: wir können verstehen, ob wir das, was sich in Rom oder bei
den Exerzitien ereignet hat, verstanden haben, wenn wir überrascht
entdecken (deswegen handelt es sich um eine Gabe des Geistes),
dass sich in uns ein neues Kriterium aufgetan hat mit dem wir die
ganze Wirklichkeit (d.h. uns selbst, das was wir tun müssen, die
Aktivitäten, die Gesten) anschauen und beurteilen können. Wenn
das, was sich ereignet, nicht zum neuen Kriterium für alles wird,
bedeutet das, dass wir noch nicht verstanden haben. Zu dieser Einsicht
aber gelangen wir nicht durchwie auch immer geartete Überlegungen.
Es geht vielmehr darum, etwas anzuerkennen: Ich werde mir bewusst,
dass ich verstanden habe, wenn ich mich selbst dabei entdekke,
ein neues Kriterium anzulegen. Der Geist ist nichts gespenstisches,
keine mystische, komische Gestalt, sondern durch die Art und Weise,
wie wir uns nach Rom allem gegenüber verhalten, werden wir uns
bewusst, dass Er da ist und uns verstehen lässt. Wenn ich weiterhin
skeptisch bin, bedeutet das, dass ich noch nicht verstanden habe,
dass ich noch um die Gabe des Geistes bitten und auf das schauen
muss, was sich ereignet hat. Wie ich im Brief an die Bewegung gesagt
habe, ist es dazu notwendig, sich in das, was geschehen ist, hineinzuversetzen.
Das bedeutet nicht, die Angelegenheit zu beenden, sondern sie zu
eröffnen. Um zu verstehen, was geschehen ist, müssen wir um die
Gabe des heiligen Geist bitten. Wie die Apostel haben wir an einem
außergewöhnlichen Ereignis teilgenommen; dass wir aber noch nicht
verstanden haben sieht man daran, dass es für uns noch nicht zum
neuen Kriterium für alles geworden ist.
Ein weiteres Beispiel. In der bereits erwähnten Schule der Gemeinschaft,
hat eine Frau, nachdem ich diese Dinge gesagt hatte, von einem
Arbeitsangebot berichtet, das ihrem Mann gemacht wurde. Sie hat
sehr interessante und eindrucksvolle Dinge erzählt, aber ich habe
sie unterbrochen und gefragt: «Schau mal, meine Liebe, wenn dein
Mann blind nach Rom gegangen und sehend zurück gekommen wäre, und
ihm daraufhin diese großartige Gelegenheit, in der Schweiz zu arbeiten,
angeboten worden wäre, von was würdest du dann heute hier erzählen?». «Davon,
dass mein Mann sehen kann!». «Warum also reden wir dann über die
Arbeit in der Schweiz?». Man wird sich bewusst, dass man verstanden
hat, wenn die Art und Weise, mit der wir alles angehen – also
all das, was uns ergreift und mit dem wir in Beziehung treten – in
einem neuen Licht erstrahlt.
Um uns darin zu helfen, zu verstehen, was Rom bedeutet hat, müssen
wir auf das schauen, was sich nach der Audienz ereignet hat. Indem
wir uns im Handeln erleben, können wir selbst erkennen, ob dieses „neue
Kriterium“, von dem don Giussani spricht, bereits in uns
ist. Es ist unmöglich, dass jemand von uns, die wir an der Versammlung
von heute morgen teilgenommen haben, nicht versucht hat, eine Antwort
auf die von mir gestellte Frage zu finden. Ein jeder von uns muss
nun den Vergleich zwischen dem, was er im Kopf hatte und dem, was
die Schule der Gemeinschaft sagt, anstellen.
Wenn einer – wie es in dem zitierten Beitrag hieß – nachdem
er am Ereignis von Rom teilgenommen hat, sagt, dass er danach zwei
Wochen lang in der völligen Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit gelebt
hat, dann steht das im Widerspruch zu dem, was die Schule der Gemeinschaft
sagt, also dass wir erst dann verstanden haben, wenn wir erkennen,
dass «Christus der Blickwinkel ist, von dem her sich alles klärt» (vgl.
S. 89). Wie aber wissen wir, dass Christus zum neuen Blickwinkel
geworden ist? Don Giussani antwortet: «Im Ereignis dieser Gabe ist
die menschliche Einsamkeit aufgebrochen» (S. 90). Wenn ich mich,
nachdem ich an dem Gestus in Rom teilgenommen habe, in der vollkommen
Einsamkeit und Sinnlosigkeit wieder finde, dann heißt das, dass
ich nicht verstanden habe. Darum entsteht der Skeptizismus. Ich
sage das nicht als Vorwurf oder Tadel, sondern schlicht um uns
daran zu erinnern, dass es notwendig ist, sich in das, was uns
geschehen ist, hineinzuversetzen und dass wir uns darin helfen
müssen, es zu verstehen; dass wir wie die Apostel um den Geist
bitten müssen, denn nur «Im Ereignis dieser Gabe ist die
menschliche Einsamkeit aufgebrochen», «die menschliche Erfahrung
[ist] nicht mehr von einer zermürbenden [und daher skeptischen]
Ohnmacht bestimmt, sondern vielmehr von einem Bewusstsein und einer
kraftvollen Fähigkeit» (S. 90).
Ich werde mir daher bewusst, verstanden zu haben, weil sich ein
neues Kriterium aufgedrängt hat, weil die Einsamkeit aufgebrochen
ist und ich in mir eine kraftvolle Fähigkeit entdecke. Auch die
Apostel, die wie erstarrt waren und sich vor lauter Angst eingeschlossen
hatten, beginnen daraufhin, hinaus zu gehen und sich einzusetzen.
Nur indem wir schauen, verstehen wir, dass wir verstanden haben:
Nur indem wir auf das schauen, was sich ereignet hat, wie wir uns
selbst nach Rom erlebt haben, denn es handelt sich um eine Gabe
(wie für den Blindgeborenen, von dem wir bei den Exerzitien gesprochen
haben). Jeder konnte etwas über Rom sagen, so wie jeder etwas über
Jesus sagen konnte: dass er ein außergewöhnlicher Mann war, ein
Rebell, dass er so überzeugend war, dass man ihm nicht widerstehen
konnte, ... aber sie hatten noch nicht verstanden. Man hat erst
dann verstanden, wenn man in sich selbst ein neues Kriterium, ein
neues Urteil über alles entdeckt. Aber das Urteil ist nichts Intellektuelles,
sondern es ist das, was ich in meinem Blick, in meinem Urteil,
in meinem Einsatz gegenüber der Wirklichkeit, der ganz in dieses
neue Licht und den neuen Blickwinkel gekleidet ist, entdecke. Dann
stehe ich morgens auf und schaue erfüllt von etwas Neuem, dessen
ich mich nicht entledigen kann, auf mich selbst. Die Gabe des Geistes
ist ein Ereignis, etwas, das mich so mächtig ergreift, dass ich
nicht umhin kann, während der Vorlesung, der Autofahrt oder in
der Metro, ganz von dieser Gegenwart, die zum neuen Urteil und
zum neuen Kriterium wird, ergriffen zu sein.
Darin liegt der Sieg über den Skeptizismus: das außergewöhnliche
Faktum bleibt als etwas, das mich ergreift, als erklärender Blickwinkel,
der jeder Einzelheit und jeder Tätigkeit Sinn und Bedeutung verleiht.
Ich stelle nicht Überlegungen an, sondern ich entdecke in mir einen
neuen Blickwinkel, der jeder Sache Sinn und Bedeutung verleiht.
Jetzt werden wir uns vielleicht bewusst, wie weit entfernt wir
noch davon sind, verstanden zu haben. Ich sage das nicht, um uns
zu entmutigen, sondern weil es notwendig ist, sich in Bewegung
zu setzen, sich hineinzuversetzen und zu bitten, und zwar indem
wir auf das schauen, was sich ereignet hat. Der Skeptizismus kann
sich nur deshalb nach zwei Wochen einschleichen, weil man das,
was sich in Rom ereignet hat, im Grunde noch nicht verstanden hat.
Das heißt, weil man die Kraft des lebendigen, auferstandenen Christus,
der uns alle durch seinen Geist ergriffen hat, noch nicht verstanden
hat. Die Begegnung in Rom war der Beweis der Kraft des Geistes.
Einer, der sich nachdem er das alles erfahren hat, nachdem er diese
Kraft des Geistes erlebt hat, alleine fühlt, hat nicht verstanden,
dass dort gerade offenbar wurde, dass wir nicht alleine sind. Er
hat sein Urteil also noch nicht geändert, sondern fährt fort, sich
selbst genauso wie zuvor zu begreifen, schaut weiterhin mit dem
alten Kriterium auf sich selbst. Aber dieses Kriterium ist falsch,
denn dort hat sich die Kraft von Einem gezeigt, aufgrund dessen
ich sagen kann: «Ich bin nicht allein». Ohne die Gegenwart des
lebendigen und auferstandenen Geistes Christi, ohne die Gegenwart
des Geists des Auferstandenen, hätte dieser Gestus nicht stattgefunden.
Wir können sagen: «Mich hat dies oder das beeindruckt… ».
Um Himmels willen, das ist alles schön, aber es ist nur die Oberfläche.
Und wenn wir an der Oberfläche stehen bleiben, fragen wir uns später: «Aber
wie bleibt das alles?», ohne verstanden zu haben, welche Neuheit
gegenwärtig wurde: Diese Neuheit kann alle Zweifel tilgen und unsere
Rückzieher haltlos machen. Ob einer verstanden hat, sieht man also
an der Tatsache, dass all diese Vorbehalte haltlos geworden sind
(und es handelt sich gerade nicht darum, die Intellektuellen zu
spielen!).
3. Die Arbeit: sich hineinversetzen und bitten
Don Giussani schreibt: «Die Erfahrung ihrer Begegnung mit jenem
Menschen, ihr langes Zusammenleben mit ihm voller Leidenschaft,
Furcht und Ungewissheit wandelte sich plötzlich in eine andere,
vollkommen ungeahnte umwerfende Erfahrung: die Erfahrung der göttlichen
Wirklichkeit, die Begegnung und Lebensgemeinschaft mit Gott voller
Klarheit, Gewissheit und Kraft.» (S. 88f.). Ob sich dieser Schritt
ereignet oder ob er sich nicht ereignet ist eine Gabe. Wir alle
sehnen uns danach, zu diesem Punkt zu gelangen, aber wir müssen
uns bewusst sein, dass wir uns auf einem Weg befinden und dürfen
uns nicht entmutigen lassen.
Die Jünger waren durch seinen Tod entmutigt, und sogar nach Seiner
Auferstehung blieben sie zu Hause eingeschlossen. Aber was haben
sie gemacht? Sie haben gebetet. Auch wir können wie die Jünger
darum bitten, die Tragweite dessen, was wir gesehen haben, immer
mehr zu verstehen. Wir können darum bitten, die Bedeutung des außergewöhnlichen
Gestus, an dem wir teilgenommen haben, wenn auch nur anfänglich,
zu verstehen, und zwar als einen Punkt, hinter den es kein Zurück
mehr gibt und als Test dessen, was die Schule der Gemeinschaft über
die Gabe des Geistes sagt.
Wir alle können uns darin helfen, zu verstehen. Wie?
Indem wir uns hineinversetzen und bitten. Es handelt sich hierbei
nicht um eine Bitte, die die Faulheit rechtfertigt, sondern um
eine Bitte, die gleichzeitig Schauen ist und ein Schauen, das zur
Bitte wird. Im Schauen entsteht die Bitte darum, immer mehr zu
verstehen, so dass die Zeit die Tragweite dessen, was wir erlebt
haben, enthüllen kann.
Erinnert ihr euch an das, was ich auf dem Petersplatz über die
Bitte gesagt habe? Ich habe gesagt, dass man sich auch in diesem
Moment seiner selbst bewusst werden und die Vernunft gebrauchen
müsse. Die Kraft des Geistes ist es, die uns bewegt und die in
der Lage ist, alle Ressourcen meines Ich zu mobilisieren, damit
ich verstehen kann. Denn es geht darum, dass ich verstehe und nicht
irgendwer anders. Sonst spielt sich alles immer außerhalb von mir
ab, betrifft mich letztlich nicht, so dass ich verstehen könnte,
und die Folge daraus ist, dass ich skeptisch werde. Aber wodurch
wächst meine Fähigkeit zu Verstehen? Über welches Hilfsmittel verfüge
ich? Das Hilfsmittel ist die Vernunft, die sich öffnet, um etwas
absolut Neues herein zu lassen, ein neues Kriterium. Und das ist
eine Arbeit.
Warum ergreift das, was geschehen ist, nicht unser Herz? Warum
bleibt unser Herz weit weg und ist letztlich nicht berührt und
nicht “verbürgt” (wie es im Text von don Giussani über
die Fastenzeit heißt; «Gott ist Barmherzigkeit», veröffentlicht
als Aufmacher in Spuren von März, S. 6)? Eine Person erzählte
mir, nach der Busreise auf dem Petersplatz angekommen zu sein und
gedacht zu haben: «Das war’s, wir sind angekommen». Sie glaubte
bereits alles erfüllt zu haben. Als sie hörte, dass «der wahre
Protagonist der Bettler» ist, war sie wie erschüttert: «Ich wurde
mir bewusst, dass ich das wichtigste nicht gemacht hatte». Wir
können an einem Gestus teilnehmen, alles machen und trotzdem stehen
bleiben. Wenn ich nicht mit meinem ganzen Ich gegenwärtig bin,
kann ich alles gemacht haben, aber es ist als ob das Zentrum meines
Ich sich nicht bewegt hätte. Dieses Phänomen nennt sich „Rationalismus“.
Er ist auch unter uns sehr verbreitet und das ist der entscheidende
Punkt. Wenn uns daher der Papst auffordert, «die Vernunft zu erweitern»,
sagt er etwas, das vor allem uns betrifft. Wir können problemlos
alles mitmachen, ohne wahrhaft um etwas zu bitten, weil wir es
nicht brauchen; wir gehören zu einer Organisation, aber unser Ich
kennt sein Bedürfnis nicht.
Wir können nicht einfach fortfahren, sozusagen als „Experten“ der
Bewegung gelehrte Diskurse zu führen. Es ist notwendig, dass sich
etwas ereignet, das belegt, dass wir verstanden haben. Die Prüfung
dessen, was uns nach Rom geschehen ist, stellt uns an die Wand
und bewahrt uns davor, immer wieder bloße Worte zu wiederholen.
In diesem Sinn ist don Giussani eine absolut außergewöhnliche Hilfe
für uns. Er sagt uns: mein Lieber, du hast erst dann verstanden,
wenn sich in deinem Leben ein neues Kriterium auftut. Wie wenn
man sich verliebt: man entdeckt sich dabei, seine ganze Freizeit,
sein Geld, etc. ... einfach alles plötzlich auf eine neue Art und
Weise zu verwenden, weil sich etwas Neues eingestellt hat, das
entweder da ist oder eben nicht. Dies ist das Zeichen dafür, dass
wir verstanden haben. Hingegen «“wenn aber jemand den Geist
Christi nicht hat, so gehört er ihm nicht an” (vgl. 1 Kor
2,11) – das heißt er ist ein Fremder, einer, der unfähig
ist, die innerste Bauart, die verborgene Natur zu erfassen, um
mit Seinem Mysterium vertraut zu werden» (S. 87).
Darum erhellt sich der Gestus von Rom durch die Schule der Gemeinschaft über
die Gabe des Geistes – seht welche Begleitung don Giussani
für uns ist! - . Wenn wir auf das schauen, was sich ereignet, werden
wir uns der Gnade bewusst, die uns in Rom geschenkt wurde: die
Fortdauer des Charismas von don Giussani, die durch die Texte und
die Bezugspersonen fortwährt. Der Test dieser Fortdauer liegt in
dem, was der Papst gesagt hat: das, was don Giussani verwundet
hat, hat auch seine geistigen Kinder, also uns, verwundet.
Wenn wir uns nur dessen bewusst wären! Denn es ist das Erschütternste überhaupt,
weil darin die konkrete Gemeinschaft Christi angesichts unserer
Hilflosigkeit besteht. Darum ist – wie ich bereits in Erinnerung
gerufen habe, «im Ereignis dieser Gabe die menschliche Einsamkeit
aufgebrochen. Hier ist die menschliche Erfahrung nicht mehr von
einer zermürbenden Ohnmacht bestimmt», sondern die Existenz wird
zu einer großen Gewissheit, genau deshalb weil in Rom ein Anderer
gegenwärtig wurde, eine Präsenz, die unter uns wirkt, ohne die
dieser Gestus nicht gewesen und nicht erklärbar wäre. Er lässt
sich nämlich nicht durch das legendäre Organisationstalent von
CL erklären. Denkt an einen jeden von euch, jeder mit seiner Geschichte,
denkt daran, wie ihr alle von einem Faktum mitgerissen wurdet,
das euch ergriffen hat, das nicht mechanisch abläuft. Auf strahlende
Art und Weise wurde eine Gegenwart, die am Werk ist, offenbar. «Die
Kraft des Menschen ist ein Anderer, die Gewissheit des Menschen
ist ein Anderer». Darum ist «die menschliche Existenz […]
eine unausschöpfliche und alles vermögende Freundschaft» (S. 90).
Wie die Spitze eines Eisbergs ist dies der Anfang, also nur der
Beginn dessen, was wir von dem, was wir gesehen haben, zu verstehen
beginnen: aber allein schon indem wir beginnen es zu sehen, wird
ein neues Kriterium eingeführt. Je mehr wir es verstehen, um so
gewisser und daher lichtreich, sicher und stark wird es. Das ist
der Weg, den wir vor uns haben, Freunde.
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