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Auszüge aus einem Interview der Tageszeitung "Il Giornale" mit
Don Julian Carrón
05.04.2005
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Don Carrón, ist das nun das Ende einer Ära?
Ja, wenn wir daran denken, dass zwei Größen wie der
Papst und Giussani von uns gegangen sind. Zwei Lichter, die die
Welt erhellt haben, sind erloschen. Ich bin aber nicht überzeugt
davon, dass eine Ära zu Ende gegangen ist. Sicher, sie haben
ihren Weg abgeschlossen, vielleicht aber sind wir am Beginn einer
neuen Zivilisation, der Johannes Paul II und Giussani den Weg
geebnet haben.
Was heißt das, Don Carrón?
Sehen Sie, es wird viel über den neuen Pontifex spekuliert.
Wie gewöhnlich schreibt man an Profilen, macht Hypothesen,
ergeht sich darüber, dass es ein junger Papst werden könnte,
vielleicht weniger charismatisch, eventuell ein Übergangpapst
oder auch nicht, konservativ oder doch progressiv. Das sind aber
alles zweitrangige Gesichtspunkte und auch unangemessen. Wenn
man in den Schemata von rechts oder links denkt, dann kann das
die Insider vielleicht begeistern, aber nicht das Volk. Der Tod
des Papstes und von Don Giussani und nun auch die Wahl des neuen
Papstes werfen eine andere Frage auf.
Welche?
Christus heute bezeugen. Ich hoffe, dass das künftige Oberhaupt
der Kirche ein Zeuge Christi sein wird. Eben das waren auch Wojtyla
und Don Giussani. Meine Einzige Sorge ist, dass die Welt einen
Mann nötig hat, der ihr diese Erfahrung bringen kann. Christus,
Zentrum des Kosmos und der Geschichte.
Sie zitieren aus der Enzyklika "Redemptor hominis",
der ersten Enzyklika von Johannes Paul II.
Genau. Don Giussani war unglaublich beeindruckt von dieser Enzyklika.
Sie war für ihn Manifest eines neuen christlichen Humanismus. Übrigens
drückte sich Johannes Paul II von Anfang an klar aus: "Habt
keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für
Christus!"; das waren seine ersten Worte nach der Wahl.
1979 traf Don Giussani den Papst und dann schrieb er einen Brief
an alle Mitglieder von CL: wir, so der Sinn seiner Botschaft,
wollen diesem Mann folgen.
Warum?
Eben weil Wojtyla die faszinierende Kraft des Christentums in
ihrer Gänze neu vorschlug. Sehen Sie, wir hatten zwei
Jahrhunderte des progressiven Zerfalls der allgemeinen Mentalität
hinter uns, der Flucht der Vernunft vor dem Glauben, einer
Kultur, die auf den Nihilismus zurast, den Skeptizismus. Unversehens
kam aus Polen dieser Gigant auf die Bühne, der fähig
war, gegen den Strom zu schwimmen und Christus und das Christentum,
die mittlerweile an den Rand gedrängt worden waren, wieder
ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu bringen. Ein außergewöhnliches
Unterfangen.
In Wirklichkeit scheint diese von Ihnen so genannte Kultur des
Nihilismus kein Terrain verloren zu haben.
Das stimmt. Aber es stimmt auch, dass der Papst die Anziehungskraft
Christi mit großer Klarheit neu vorgeschlagen hat; Christi,
der auf alle Fragen des Menschen antwortet, der fähig ist,
den in sich gefangenen Menschen wach zu rütteln, ihm ein
hundertmal intensiveres Leben zu ermöglichen, wie die Evangelien
es sagen. Christus ist fähig, den Nihilismus zu besiegen
und den Lauf des Menschen auf das Nichts hin. Er hat dabei nichts
erfunden. Er hat den Ursprung von allem aufgezeigt. In den siebziger
Jahren durchlebte auch die Kirche eine Zeit der Verwirrung und
des Zweifels. Johannes Paul II vermochte es, das Christentum
wieder kraftvoll auf die Bühne zu bringen, nicht als Lehre,
nicht als Ethik, nicht als Regelwerk, sondern als Ereignis und
als Leben.
Ist das der Grund für die Anziehungskraft, die Papst Wojtyla
auf die Jugend ausgeübt hat?
Ich glaube ja. Leider hatten wir uns an ein an den Rand gedrängtes
Christentum gewöhnt, das nicht alle Dimensionen des Lebens
umarmte. Plötzlich haben wir einen Papst entdeckt, der im
Namen Christi und seines Glaubens betete, Gedichte schrieb und
seine Landsleute anregte, die Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit
nicht zu verlieren.
Eine Grundhaltung, die wir ähnlich bei
Don Giussani finden?
Mir scheint es so zu sein. Auch Don Giussani begeisterte die
Jugendlichen; nicht etwa mit politisch korrekten Diskursen,
sondern eben weil er die Schönheit des christlichen Ereignisses
neu in die Welt brachte und es mit allem, was ihm begegnete,
verglich: Mit den Gedichten Giacomo Leopardis, mit einer Sinfonie
von Beethoven, mit einem Ereignis aus den Nachrichten.
Und jetzt?
Jetzt müssen wir dieser Methode treu bleiben. Ich weiß nicht,
ob jetzt eine Ära zu Ende gegangen ist. Ich weiß aber,
dass wir wieder von dem Punkt ausgehen müssen, an dem uns
der Papst zurückgelassen hat, um die Kultur des Nichts zu
besiegen. Und um das zu tun benötigen wir Persönlichkeiten,
die fähig sind, eine menschlich interessante Erfahrung mitzuteilen.
Vollständige
italiensche Fassung des Interviews
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