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Beitrag
von Don Julian Carrón
Loreto 2004
16. Oktober 2004
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Wofür sind wir heute hier in Loreto? Was hat jeden einzelnen von
uns hierher geführt? Schau auf dein Leben: was hat dich hierher
geführt? Weswegen bist du gekommen? Wegen einer Liebe, wegen einer
Anhänglichkeit, die wir nicht mehr entbehren können.
Wegen einer Liebe zu was? Wohin hat uns diese Geschichte geführt,
zu der wir gehören und die nun schon 50 Jahre andauert? Was hat
uns fasziniert und fasziniert uns weiterhin, hier und jetzt? Das,
was uns zu dieser Anhänglichkeit geführt hat, hat einen Namen:
Christus. Man müßte ein ganzes Leben auslöschen, unsere ganze Geschichte,
um heute nicht Seinen Namen auszusprechen.
Heute können wir vor allen voller Dankbarkeit ausrufen: „Das,
was uns in unserem Leben am teuersten ist, ist Christus selbst,
denn in Seinem Leib wohnt die Fülle des Göttlichen.“
Das wertvollste, was wir haben, ist Christus. All das Schlechte
in uns, unsere Armseligkeit, unsere tödliche Schwäche, all das
kann uns nicht daran hindern zu sagen, daß unsere ganze Liebe,
unsere ganze menschliche Sympathie dir gilt, Christus. Es gibt
nichts Interessanteres. Nichts hat uns so sehr berührt wie Er,
Jesus, und zwar nicht nur als Objekt unserer Gedanken, sondern
als reale Erfahrung. Je mehr sie dich verändert hat, desto realer
ist sie.
Doch wenn wir Seinen Namen aussprechen, denken wir unweigerlich
an den, durch den wir Ihn so kennengelernt haben, Don Giussani.
Durch ihn, durch seine Person, durch sein „ja“ zu Christus
konnten wir erkennen, wer Christus ist. Hierin liegt die Dankbarkeit
begründet, die wir alle heute für ihn empfinden: daß er uns in
die Wirklichkeit Christi eingeführt hat, daß er uns eine Erfahrung
des Lebens ermöglicht hat, die keiner von uns sich auch nur hätte
erträumen können.
Danke, Don Giussani, für dein Leben, für dein Zeugnis, für deine
Liebe zu unserer Bestimmung! Heute hörst du den lautstarken Ausdruck
der Dankbarkeit deiner Söhne und Töchter!
Du warst es, der uns das Christentum als Ereignis kennenlernen
ließ, durch den Nachdruck, mit dem du das Christentum in seinen „grundlegenden
Aspekten“ mitgeteilt hast, das heißt die „Leidenschaft
für das christliche Ereignis als solches, in seinen wesentlichen
Aspekten – und nichts weiter“, wie du in deinem Brief
an den Papst geschrieben hast. Wir alle wissen nur zu gut: das,
was uns überzeugt hat, war gerade die Tatsache, daß das Christentum
als Ereignis ständig von neuem geschehen ist und jedesmal, wenn
wir mit ihm in Kontakt kamen, unser Leben verändert hat. An welchem
Gestus wir in diesen Jahren auch immer teilgenommen haben, und
in welcher Verfassung wir auch immer dort angekommen sind: wie
oft waren wir danach erstaunt von dem, was geschehen war, nämlich
unsere Veränderung durch eine Gegenwart. Eine Gegenwart, die unser
Ich so sehr durchdrungen hat, daß wir nicht mehr morgens aufstehen,
zur Arbeit oder zum Ausruhen gehen können, die Sterne oder den
Sonnenuntergang sehen können, beten oder leiden können, ohne daß all
dies von Seiner Gegenwart bestimmt wäre.
Das war so sehr der Fall, daß unser Leben zum Gedächtnis geworden
ist: zur bewegten Anerkennung Seiner Gegenwart. Eine Gegenwart,
die jedesmal mehr zu einer familiären, freundschaftlichen Gegenwart
geworden ist. „Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt
lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt
und sich für mich hingegeben hat“. Alles geht aus Ihm hervor,
und Er ist immer der Ausgangspunkt für einen Neubeginn. Wie Don
Giussani es uns gestern in Erinnerung gerufen hat: „Der Ausgangspunkt
für den Glauben ist nicht eine abstrakte Kultur [gleichsam als
Diskurs, den man auf die Dinge anwendet], sondern etwas, das vorher
kommt: ein Ereignis. Der Glaube besteht darin, sich einer Sache
bewußt zu werden, die geschehen ist und geschieht, einer neuen
Sache, von der alles wirklich ausgeht“
Das sind die grundlegenden Elemente des Christentums: eine Menschlichkeit,
die unsrige, so wie sie ist, die von Christus betrachtet, umarmt,
bevorzugt und erhöht wird. Die grenzenlose Sehnsucht unseres Ichs,
die in Christus jene „unmögliche Entsprechung“ findet,
nach der sich unser Herz so sehr sehnt. Unsere „Menschlichkeit,
die durch ihre tödliche Schwäche erschöpft ist“ und in die überraschenderweise
das Leben neu zurückkehrt, sobald sie mit Seiner Gegenwart in Kontakt
kommt. Der Schmerz über unsere Schlechtigkeit, der sich einem Blick
voller Barmherzigkeit gegenüber sieht, der ihn bis ins Mark durchdringt. „Der
brutalen Einsamkeit, zu der der Mensch sich selbst verdammt, so
als müsse er sich aus einem Erdbeben retten, bietet sich das Christentum
als Antwort dar. Der Christ findet in der Tatsache, daß Gott Mensch
geworden ist, eine positive Antwort: dies ist das überraschende
Ereignis, das den Menschen in seinem ansonsten traurigen Schicksal
stärkt“
Aus diesem Grund hat uns unsere Geschichte dazu erzogen, den Angelus
zu beten, nicht nur als Erinnerung an die Vergangenheit, sondern
als Beispiel der eigentlichen Natur des Christentums: ein Ereignis,
das hier und jetzt geschieht. Wo könnten wir uns dessen besser
erinnern als hier in Loreto, nahe beim Heiligen Haus, in dem dies
zum ersten mal geschehen ist?
Eine Botschaft: „Der Engel des Herrn brachte Maria
die Botschaft“.
Diese Botschaft richtet sich an meine bedürftige Menschlichkeit.
Diese Botschaft ist jedesmal neu und einzigartig. Sie hätte nicht
unbedingt kommen müssen. Es geht um das Bewusstsein, daß sie sich
heute nicht unbedingt an mich hätte richten müssen – und
das macht den Unterschied aus zwischen einer devoten Frömmigkeit,
in der sich nichts mehr ereignet, und einem Geschehen, in dem jedesmal
diese Botschaft von neuem als Ereignis geschieht und als das Einbrechen
der Neuheit, die Christus in die Welt gebracht hat, wahrgenommen
wird. Es ist ein Ereignis, wenn es etwas verändert: Er ist, wenn
er wirkt.
Hieran zu denken, läßt einen erschauern! Deshalb können wir verstehen,
wie bewegt die Muttergottes war. Die Muttergottes ist vom Unendlichen
bewegt, weil der Herr auf die Nichtigkeit seiner Magd geschaut
hat.
Wenn es einen erschauern läßt, an die Muttergottes zu denken,
wieviel mehr dann noch, wenn wir an uns selbst denken! An mich,
an dich richtet sich dieselbe Botschaft, so wie wir sind, arme,
undankbare Sünder.
Das Sein interessiert sich für meine Bestimmung! Das Sein schaut
mit unendlicher Zärtlichkeit auf meine Nichtigkeit. „Kann
denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen
Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich
nicht“ (Jesaja 49, 15).
Welches Mangels an Affektivität bedarf es, um hiervon nicht bewegt
zu sein! Man muß wie ein Stein sein.
Eine Freiheit. „Siehe ich bin die Magd des Herrn“. Sieh
her, hier bin ich.
Nichts kann die Vernunft und Freiheit des Menschen so sehr herausfordern
wie die Tatsache, dieser Zärtlichkeit, die das Sein mir entgegenbringt,
gegenüberzustehen. „Für Gott ist sein Handeln gegenüber dem
Menschen nicht anders vorstellbar denn als ‚großzügige Herausforderung‘ seiner
Freiheit.“ Man müßte Augen und Ohren verschließen, um sich
von dieser einzigartigen Geste des Seins mir gegenüber nicht herausgefordert
zu fühlen. Doch es reicht nicht, Augen und Ohren zu verschließen,
denn Er tritt in unsere Festung durch das Herz ein. Gott wendet
sich an das Herz, das noch nie etwas kennengelernt hat, das es
so lange ersehnt hatte. Die Entdeckung, daß der ewige Vater dich
erwählt hat. „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt“ (Jeremia
31, 3). Deshalb sind wir von Jesus so fasziniert, der uns dies
hat erkennen lassen. Etwas Vergleichbares haben wir noch nicht
gesehen. Dies weckt den Wunsch zu bleiben: hier bin ich. Doch dieses
Bleiben kann nichts Passives sein:
„Mir geschehe nach deinem Wort“
Angesichts dieser Botschaft und dieser einzigartigen Vorliebe
tritt die Freiheit hervor und kommt als Bitte zum Ausdruck. Sie
ist nicht mehr verwirrt und sie weiß genau, worum sie zu bitten
hat: „Mir geschehe nach deinem Wort“. Dieses Ja, dieses
Fiat, dieses „mir geschehe“ drängt in der Muttergottes
hervor. Ein Drang, der zu einem Betteln um das Sein wird, denn
haben wir es einmal erkannt, können wir es nicht mehr entbehren.
Angesichts dieser Regung des Seins wird die Muttergottes zur Tochter. „Jungfrau
und Mutter, Tochter deines Sohnes, vor allen Wesen groß und voll
von Demut“. Weil sie so demütig war, Tochter ihres Sohnes
zu werden, ist sie „vor allen Wesen groß“ geworden,
das heißt ihre Menschlichkeit hat eine unvergleichliche Fülle erlangt.
Ein Faktum. Ein umwälzendes Faktum.
„Und das Wort ist Fleisch geworden“.
Mit ihrem „Ja“ willigt die Muttergottes ein, das Geheimnis
im Fleisch zu beherbergen. Und es geschieht das völlig Unvorhergesehene. „Caro
cardo salutis“. Das Fleisch, das Fleisch gewordene Wort,
ist der Angelpunkt des Heils. Nur eine fleischliche Gegenwart,
die uns affektiv anzieht, kann unsere Widerstände besiegen. Eine
siegreiche Attraktivität ist die einzige Hoffnung für uns, die
wir stets von der Faszination der Autonomie versucht sind, von
jener geradezu selbstmörderischen Selbstbehauptung, die uns ins
Nichts führt. Allein die Attraktivität des Seins, das sich im Antlitz
Christi spiegelt und das hier und jetzt im Fleisch der Kirche gegenwärtig
ist, kann die Faszination des Nichts besiegen.
„Und wohnt unter uns“
Wie kann das Geheimnis weiterhin unter uns wohnen? Wenn es jemanden
gibt, der es – wie die Muttergottes – aufnimmt und
beherbergt. Doch wer ist sich selbst gegenüber so feindlich gesinnt,
sich nicht von diesem Blick voller Liebe zur eigenen Bestimmung
berühren zu lassen, der einen neu geboren werden läßt und einem
eine Intensität des Lebens erlaubt, die man nie zuvor gesehen hat!
Durch derart veränderte Personen, die eine einzigartige Intensität
des Lebens bezeugen, ist Christus weiterhin unter uns gegenwärtig. „Denn
es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten
ist, sondern darauf, daß er neue Schöpfung ist“ (Gal 6, 15).
Eine Gegenwart, die das Leben verändert.
„Wir haben über fünfzig Jahre hinweg alles auf diese Evidenz gesetzt“.
Mission. Das ist es, was uns am meisten interessiert.
Wir sollten nicht glauben, daß die anderen, die die gleichen Bedürfnisse
haben wie wir, etwas anderes interessieren würde. Ebenso wie wir
haben sie das Bedürfnis, daß jemand sie auf diese Weise anschaut
und sich für ihre Bestimmung interessiert. Hierin liegt unsere
Verantwortung. Was uns gegeben wurde, wurde uns für alle gegeben.
Wir müssen es vor alle tragen und das bezeugen, was uns begegnet
ist.
Um das heutzutage zu tun, bedarf es –wir wissen es nur zu
gut – einer außergewöhnlichen Freiheit! Einer Freiheit am
Arbeitsplatz, unter Freunden, vor allen Leuten. Diese Freiheit
ist nicht eine Fähigkeit von uns, sondern Zuneigung zu Christus.
Keiner von uns darf mehr Christus entbehren können, um zu leben und
zu atmen. Wie die Sünderin, die in den Speisesaal kommt, in dem
sich Jesus auf Einladung eines Pharisäers aufhielt. Indem sie die
Füße Christi wäscht und mit ihrem Haar trocknet, fordert sie all
die anderen heraus, die schlecht über sie dachten. Vor allen Leuten
ist sie frei. Sie war so dankbar für die empfangene Gnade, daß sie
keine Scheu hatte, vor allen Leuten ihre ganze Zuneigung zu Christus
zum Ausdruck zu bringen.
Das ist die Herausforderung, vor der wir Christen heute stehen: „Hat
die Menschheit die Kirche verlassen, oder die Kirche die Menschheit?“
„Die Kirche begann nach meiner – nach unserer Meinung die Menschheit
zu verlassen, weil sie vergaß, wer Christus ist, sie setzte nicht
mehr auf ihn... ja sie schämte sich zu sagen wer Christus ist.“ Es
bedarf einer großen Zuneigung, um sich Christi nicht zu schämen.
Bitten wir die Muttergottes von Loreto, „der Hoffnung stets
lebendige Quelle“, um diese Gnade: daß sie uns in den Mühen
des Lebens unterstütze, und daß wir darüber hinaus Christus so
lieben mögen, daß wir uns seiner nicht schämen vor all den Leuten,
denen wir begegnen. Mögen sie so - durch uns - das finden, was
uns begegnet ist. Möge in uns nicht das Übel siegen, sondern möge
durch uns Sein Sieg in der Zeit aufleuchten, „jene leidenschaftliche,
glühende Liebe zum Geheimnis des Menschen“, eines jeden Menschen.
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